Ungarns Roma formieren sich gegen Jobbik

18. Oktober 2012, 18:57
62 Postings

1.500 Rechtsextreme und 700 Angehörige von Roma-Gruppen demonstrierten in der ostungarischen Stadt Miskolc

Miskolc/Zagreb - Manche hatten die blau-grüne Roma-Flagge mit dem roten Speichenrad, dem Chakra in der Hand. Andere riefen: "Wir sind hier zu Hause!" Am Ende der Demonstration, die am Mittwoch von einigen Roma-Organisationen in der ostungarischen Stadt Miskolc organisiert worden war und an der etwa 700 Leute teilnahmen, sangen alle Roma ganz patriotisch die ungarische Nationalhymne.

Es war nicht die erste Demonstration von Roma gegen den Aufmarsch der rechtsextremen Jobbik, aber es war die erste, die so gut organisiert war und bei der so viele verschiedene Gruppen zusammenarbeiteten. Als kurze Zeit später etwa 1500 Jobbik-Anhänger in Miskolc auf die Straße gingen, wichen die Roma in ein anderes Stadtviertel aus. Unter den Jobbik-Anhängern marschierten auch einige in den verbotenen Uniformen der Ungarischen Garde. Die Jobbik-Redner kündigten an, die "Zigeunerkriminalität" in der Stadt zu beenden, falls sie in die Regierung kommen würden.

Die Polizei verhielt sich laut Aussagen von Vertretern von zivilgesellschaftlichen Organisationen äußerst professionell. Es waren diesmal auch ausreichend Polizisten zum Schutz der Roma gekommen. Das war in der Vergangenheit in Ungarn nicht immer der Fall. Als etwa am 5. August Jobbik-Leute in Devecser aufmarschierte, flogen Steine in die Romasiedlung. Es gab Zusammenstöße. Die Lage eskalierte.

"Die Reaktion der Polizei ist von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich", sagt Marton Udvari, ein Anwalt von der Organisation Neki, die sich für Verteidigung von Minderheitenrechten einsetzt, zum STANDARD. "Miskolc war ein gutes Beispiel." Aber auch die Kooperation der Roma hat eine neue Qualität erreicht. "Manchmal haben die unterschiedlichen Gemeinschaften Probleme miteinander. Aber jetzt haben sie es geschafft, gemeinsam eine Demo zu organisieren." Dies sei auch eine Reaktion auf die vermehrten Aufmärsche der Jobbik, glaubt Udvari.

Keine Roma-Garde

Die Idee, eine Roma-Garde als Antwort auf die Bedrohung durch die Ungarische Garde zu gründen, fand bei der Mehrheit der Roma keinen positiven Anklang. Ferenc Bago, genannt Colonel Daflics, der vor wenigen Wochen ankündigte, an der Spitze der Garde zu stehen, ist mittlerweile ins Ausland geflüchtet. In Internetforen war er mit dem Tod bedroht worden. Bago hat Angst, nach Ungarn zurückzukehren. "Ich fühle mich bedroht, die Nazis suchen mich", sagt er am Telefon zum STANDARD.

Die Roma-Garde sei ohnehin falsch verstanden worden. Man hätte keineswegs eine bewaffnete paramilitärische Organisation gründen, sondern sich nur gegen die Bedrohung organisieren wollen. "Viele Leute haben zu mir gesagt, Kapitän, wir haben Angst, wir brauchen mehr Sicherheit. Wir wollten mit Sicherheit keinen Krieg machen", so Bago, der Anfang September in Pecs kurzfristig festgenommen worden war. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 19.10.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Wir sind hier zu Hause": Verschiedene Romagruppen demonstrierten gemeinsam in Miskolc in Ungarn vor einem Aufmarsch der rechtsextremen Jobbikpartei.

Share if you care.