Weil auch der Tafelspitz sehr fein ist

Der 34-jährige Deutsche Tommy Haas fühlt sich dem Turnier in Wien verbunden - Der Sieger 2001 genießt den Herbst seiner Karriere

Wien -Mit Geld allein ist Tommy Haas nicht mehr zu ködern. Fast elf Millionen Dollar hat der 34-jährige Deutsche an Preisgeldern in seiner Karriere verdient. In Wien schlägt die ehemalige Nummer zwei der Weltrangliste auf, "weil das Drumherum passt. Den Luxus, dort zu spielen, wo ich mich wohlfühle, kann ich mir mittlerweile leisten", sagt Haas im Gespräch mit dem Standard.

Seine Zeit auf Turnieren nur im Hotel oder auf der Tennisanlage zu verbringen, ist nichts mehr für den Familienmenschen. Zudem gehören die extra aus Deutschland angereisten Eltern Brigitte und Peter unterhalten. Peter stammt aus Graz, der in Hamburg geborene Tommy hat als Baby auch ein halbes Jahr in Wien und später ein Jahr in der Steiermark verbracht. " Heimturnier ist ein zu starkes Wort. Aber mit der Veranstaltung in Wien bin ich sehr verbunden", sagt Haas. "Außerdem lässt sich hier hervorragend spazieren und ins Kaffeehaus gehen. Und der Tafelspitz ist sehr fein." In der Stadthalle ist Haas, der im Vorjahr Qualifikation spielen musste, diesmal als Nummer drei gesetzt. Seinen ersten Gegner, den US-Amerikaner Jesse Levine, fertigte er gestern 6:4 und 6:2 ab.

Wieder unter den Top 20

Das Comeback des Rechtshänders im Spätherbst seiner Karriere ist unglaublich: Noch zu Beginn der Saison war er Nummer 203 im Ranking, seit Montag ist er wieder Top-20-Spieler, zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren. Dabei stand der immer wieder von Verletzungen Zurückgeworfene Anfang 2010 vor dem Karriereende. Erneut waren Probleme mit der rechten Schulter aufgetaucht, Schmerzen an der Hüfte zwangen Haas unters Messer, dazu kam ein Eingriff am Ellbogen. 14 Monate später gelang Haas das Comeback. "Ich wollte schauen, was ich aus meinem Körper noch rausholen kann. Diese Herausforderung habe ich angenommen."

Im Juni 2012 gewann er in Halle sein insgesamt 13. Turnier, im Finale schlug er ausgerechnet den Schweizer Roger Federer. "Roger ist mein Freund, an ihn wird man sich als einen der größten Spieler aller Zeiten erinnern. Gegen ihn auf Rasen zu gewinnen war sicher eines der größten Highlights meiner Karriere."

Die war schon bisher an Höhepunkten nicht arm: 2000 gewann Haas als 22-Jähriger in Sydney die olympische Silbermedaille und erreichte zwei Jahre später als Weltranglisten-Zweiter sein bestes Ranking.

Zweifel

An Platzierungen denkt Haas nicht mehr. "Dafür ist in den ersten Monaten in diesem Jahr zu viel passiert", sagt er. "Ich habe mich gefragt, wieso ich mir das überhaupt noch antue." Das Knie funktionierte nicht, Haas musste fitgespritzt werden, konnte nicht mehr trainieren. Dann kamen Erfolge beim Heimturnier in München und bei den French Open in Paris. Und dann kam Halle.

"Ich wollte noch einmal schauen, ob ich die besten 20 packe", sagt Haas. " Jetzt weiß ich nicht mehr weiter. Ich bin nicht mehr hungrig genug, die Top Ten anzugehen. Ich möchte bei den großen Turnieren weit kommen und dort spielen, wo es mir Spaß macht. Dann sieht man ja, was noch rauskommt."

Mit seiner Frau, der Schauspielerin Sara Foster, und Tochter Valentina Evelyn lebt Haas in Los Angeles. "Kein schlechter Fleck zu leben", sagt Haas. "Auch wenn ich die europäische Kultur vermisse. Dafür geht man dort eben an den Beach." Tennis spielen will er so lange, "bis meine Tochter realisieren kann, was ihr Vater da so macht. Sie wird bald zwei Jahre alt. Nächstes Jahr spiele ich sicher, aber vielleicht muss ich noch ein Jahr dranhängen." (David Krutzler, DER STANDARD, 19.10.2012)

Share if you care