Freundschaft mit Jahresringen

Dominik Kamalzadeh
18. Oktober 2012, 19:49
  • Zwei Frauen, die sich über alle Gegensätze hinweg näherkommen: Dree Hemingway (re.) und Beredka Johnson beim Bingospielen in Sean Bakers Film "Starlet".
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    foto: augusta quirk

    Zwei Frauen, die sich über alle Gegensätze hinweg näherkommen: Dree Hemingway (re.) und Beredka Johnson beim Bingospielen in Sean Bakers Film "Starlet".

US-Regisseur Sean Baker erzählt in "Starlet" von der ungewöhnlichen Annäherung zweier Frauen, die mehrere Generationen trennen, aber dafür andere Dinge verbinden

 Ein stimmig, sorgfältiger Film über das Nebeneinander konträrer Lebenswelten.

Wien - Die 21-jährige Jane (Dree Hemingway) bezieht ein neues Zimmer als Untermieterin. Bei einem Yard-Sale, einem kleinen Privatflohmarkt, erwirbt sie eine Thermoskanne, ohne zu wissen, was eine Thermoskanne genau ist: Sie möchte sie als Vase verwenden. Es ist zugleich ihre erste Begegnung mit der viermal so alten Sadie (Beredka Johnson), die sie in ihrer charakteristisch mürrischen Art über den Verwendungszweck des Objekts aufklärt. Später wird Jane in der Kanne sorgfältig zusammengerollte Geldscheine finden. Anstatt diese jedoch zurückzugeben, betrachtet sie den Fund als Auftrag; sie möchte die alte Frau besser kennenlernen und bietet ihr Botendienste an. Wer das San Fernando Valley von L.A. kennt, weiß, dass es dort ohne Auto kaum Mobilität gibt.

Der New Yorker Regisseur Sean Baker erzählt in Starlet von der Annäherung zwischen zwei Frauen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben. Dree Hemingway, die selbst als Model gearbeitet hat, spielt eine zwischen Naivität und Selbstvergessenheit changierende Schauspielerin - allerdings wirkt sie nur in Pornofilmen mit. Baker denkt keinen Augenblick daran, diese Entscheidung zu moralisieren. Stattdessen beschreibt er stimmig (und humorvoll) Arbeitswelten und Freizeitverhalten junger Menschen in dieser "Kreativbranchen"-Nische.

Starlet konfrontiert dieses Milieu mit der ziemlich konträren Lebenswelt von Sadie - ihrem Haus, in dem sich allerhand geschichtsträchtiger Ballast angesammelt hat, oder dem herrlich verlotterten Bingo-Club, in dem Jane zur Verwunderung der 85-Jährigen unangemeldet auftaucht. Starlet ist ein Film mit feinem Beobachtungssinn für solche Orte, die als reale Schauplätze erscheinen - ob es eine Pornofilm-Messe oder ein verwilderter Garten ist.

Die Hartnäckigkeit Janes grenzt schon an Stalking, doch irgendwann geht die muffige Sadie doch einen Schritt aus sich heraus. Bakers behutsame Regie, die Sentimentalitäten wohltuend ausspart, bewahrt den Film immerzu davor, zur formelhaften Feelgood-Komödie zu werden. Sein Porträt zweier hinter ihren Fassaden so charakterstarker wie eigenwilliger Frauen, die einander einiges zu geben haben, verfolgt keinen übergeordneten Zweck, sondern bleibt impressionistisch, gegenwartstrunken. Beide Figuren bewegen sich im Jetzt, aber sie tragen unterschiedlich viel Gepäck mit sich herum. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 19.10.2012)

30. 10., Stadtkino, 20.30
2. 11., Gartenbaukino, 13.00

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1 Posting
sehr schöner film

anschauen!

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