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vergrößern 533x800Der zweifache Oscar-Preisträger Michael Caine 1980 in Brian De Palmas fulminanter Hitchcock-Variation "Dressed to Kill".
Auf den ersten Blick sah es wie ein Misserfolg aus: Als junger Mann aus kleinen Verhältnissen mit großen schauspielerischen Ambitionen erscheint Michael Caine zum Casting für einen Kriegsfilm. Die Rolle, die er für sich ausgesucht hatte, ein einfacher Soldat mit Cockney-Akzent, schien ihm wie auf den Leib geschneidert, war jedoch schon vergeben. Gesucht wurde ein Offizier. Die Optik passte, nur mit dem Akzent haperte es noch. Trotz miserabler Probeaufnahmen bekommt er die Rolle in Zulu, die 1964 seinen Durchbruch markierte: "the biggest piece of luck I ever had in showbusiness", wie er später sagt - Glück, das ihm die längste Zeit nicht unbedingt beschienen war.
Geboren 1933 in London als Arbeiterkind mit einer unheilbaren Augenkrankheit und Rachitis, die als "englische Krankheit" zum Synonym für Mangelernährung, schlechte Wohnverhältnisse und Umweltverschmutzung durch Schwerindustrie geworden ist. Aufgewachsen im Problembezirk Elephant and Castle (dem titelgebenden Tier in seiner Autobiografie The Elephant to Hollywood), bricht er frühzeitig die Schule ab, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, meldet sich zum Kriegsdienst in Korea, entdeckt die Liebe zum US-Kino und steht bald selbst vor der Kamera. Seinen Namen Maurice Joseph Micklewhite, der bei einer Aufführung für Lacher im Auditorium sorgte, ändert er, inspiriert von seinem Idol Humphrey Bogart im Film The Caine Mutiny, in Michael Caine.
Mitte der 60er-Jahre geht es mit seiner Karriere steil bergauf: Nach der nicht nur wegen seiner Krankenkassabrillen unorthodoxen Agentendarstellung in The Ipcress File feiert er einen ersten internationalen Erfolg mit Alfie, der ihm auch seine erste Oscarnominierung bringt. Die Titelfigur ist ein Hochstapler, notorischer Verführer, alles andere als ein Gentleman. Er spricht von Frauen als " birds" und ist selbst bemüht, frei wie ein Vogel zu bleiben. So driftet er durch Swinging London, im Zwiegespräch mit dem Publikum, das er zum Komplizen macht.
Gewitzter Frauenheld
Doch Alfie bleibt von den Konsequenzen seines Handelns nicht verschont: Er hängt sein Herz an ein Kind, das er nie wollte, und verliert es, als er dessen Mutter verlässt; und schließlich gerät er an eine Frau, die ihm ebenbürtig scheint, die ihn jedoch ebenso schlecht behandelt, wie er all die Frauen vor ihr. Aus dem verschmitzten Womanizer wird ein Mann, der einsehen muss, dass er für seine Sorglosigkeit einen hohen Preis zu zahlen hat.
Bald ist Caine auf den Typus des gewitzten und charmanten Kerls aus der Arbeiterschicht mit ironischem Humor und einer Schwäche für Frauen abonniert. Dass er auch anders kann, beweist er in Get Carter (1971): Der Gangster Jack Carter vermutet hinter dem Tod seines Bruders ein Verbrechen und fährt zurück in seine Heimatstadt Newcastle. Einst hatte er alles daran gesetzt von hier wegzukommen, nun sieht er sich wieder konfrontiert mit tristen Siedlungen, ausweglosen Existenzen und Kriminalität. Als er seine Nichte (die möglicherweise seine Tochter ist) in einem amateurhaften Porno entdeckt, startet er einen Rachefeldzug, von dem er weiß, dass er erst zu Ende sein wird, wenn ihn jemand stoppt.
Ungleich altmodischer erscheint da zwei Jahre später Sleuth: In Joseph L. Mankiewicz' letzter Regiearbeit, einem Kammerspiel, trifft Michael Caine auf eine der größten Schaupiellegenden: Sir Laurence Olivier. Als exzentrischer Krimiautor inszeniert dieser für den Liebhaber seiner Frau eine Reihe von Täuschungen, die hauptsächlich auf die nicht standesgemäße Herkunft seines Nebenbuhlers abzielt.
In den 70er-Jahren arbeitet Michael Caine vermehrt in den USA, entwickelt sich zu einen umtriebigen Professional, dreht nicht selten drei Filme in einem Jahr. Manchmal scheint es, als wären es nicht die Drehbücher gewesen, die bei der Rollenwahl im Vordergrund standen. "I've made an awful lot of films. In fact, I've made a lot of awful films", wie er selbst sagt. Mitunter wird seine Arbeit mit Häme überzogen, so wird er 1981 gleich zweimal für die Goldene Himbeere als schlechtester Schauspieler nominiert: für seine Darstellung des transsexuellen Killers in Brian De Palmas Dressed to Kill und für seine Rolle im trashigen Piratenfilm The Island.
Auszeichnungen der ernsthaften Art bleiben aber die Mehrheit. Mit dem Oscar für den liebenswert unentschlossenen Ehemann in Woody Allens Hannah and her Sisters (1986) sind für ihn die Weichen für eine neue Art von Charakterdarstellungen gestellt.
Während ganz Hollywood vom "method acting" besessen scheint, bleibt er seinem Credo "Weniger ist mehr" treu - voll der Überzeugung, dass sich große Gefühle selten in großen Gesten offenbaren und dass der alltägliche Impuls eher der eines Versteckens als des Ausagierens ist. Es sind Rollen wie in The Cider House Rules oder The Quiet American, für die der späte Michael Caine berühmt ist.
Dazwischen gibt es Intermezzi, so bringt er - inzwischen von der Queen geadelt - einer trampelhaften Sandra Bullock Manieren bei (Miss Congeniality), verbreitet als Butler Alfred in Batman einen Hauch von Noblesse, um in Austin Powers Goldmember wiederum Anzüglichkeiten in " english English", also Cockney, loszuwerden.
Und es wäre nicht Michael Caine, wenn er sich nicht auf dem Höhepunkt seiner Anerkennung als Charakterdarsteller über eben jene lustig machen würde: "I used to get the girl, now I get the part." (Aki Beckmann, Spezial, DER STANDARD, 19.10.2012)
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Komme grade aus dem Gartenbau, wo er nach "Sleuth" noch ein bisschen aus seinem Leben erzählte - sehr sympathisch, sehr unterhaltsam und auch nicht ohne ernste Zwischentöne. Ein Profi, der weiß wie er das Publikum um den Finger wickelt.
Und im O-Ton, ohne Synchronisation, sowieso ein Erlebnis.
http://www.youtube.com/watch?v=tJSpZT8IjE0
Jack the Ripper - TV Produktion mit Michael Caine als Inspector Frederick Abberline
Es kommt (auch) auf die soziale Stellung der dargestellten Person an.
Underdogs, Leute aus der Arbeiterklasse (er ist ja Engländer mit Cockney-Background) reden schnell weil ihnen ohnehin keiner zuhört und verwenden dabei die Hände, um die Aufmerksamkeit des Gegenübers zu bekommen.
Mächtige Leute (die Queen, der Lagerkommandant den er in "Zulu" spielte; eine Rolle die er, wie er sagte, nur bekam weil der Regisseur Amerikaner war dem das englische Klassensystem unbekannt war, ein Engländer hätte ihn nie als Offizier besetzt) können so langsam reden wie sie wollen, ihnen wird zugehört. Und sie brauchen nicht zu gestikulieren, weil sie ohnehin im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.
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