Suizid: Internet zur Früherkennung nutzen

19. Oktober 2012, 13:47
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Bei unter 24-Jährigen ist Suizid die dritthäufigste Todesursache - Forschungsprojekt evaluiert Faktoren für Suizidrisiko

Bereits vor hundert Jahren wurde befürchtet, dass Suizide bei Jugendlichen ein epidemisches Ausmaß annehmen - die Wiener Psychoanalytische Konferenz rund um Sigmund Freud ließ ein 1910 eine Konferenz zu dem Thema einberufen.

Aber auch heute ist jugendlicher Suizid ein Thema, wie eine weltweit durchgeführte Untersuchung von 2008 zeigt: Zwischen 19,8 und 24 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, schon einmal suizidale Absichten verspürt zu haben, zwischen 3,1 und 8,8 Prozent hatten schon mindestens einen Suizidversuch hinter sich. Bei den unter 24-Jährigen stellt Suizid die dritthäufigste Todesursache dar.

Anonymisiert Auskunft geben

Das Internet spielt dabei eine große Rolle: Viele junge Menschen hinterlassen persönliche Abschiedsnachrichten in ihren Blogs und auf Social-Media-Websites. Deshalb wollen Experten dieses Medium jetzt vermehrt zur Früherkennung nutzen: Um frühe Interventionen zu ermöglichen und die verschiedenen Faktoren für das Suizidrisiko zu evaluieren, initiierte ein Konsortium von Kinder- und Jugendpsychiatern aus ganz Europa das EU-finanzierte Projekt "Suicidality: Treatment Occurring in Paediatrics" (STOP).

Auf einer Website können Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen anonymisiert Auskunft über ihre Gefühlslage, Stimmungsschwankungen, belastende Lebensereignisse und andere psychosoziale Faktoren geben. "Im Moment nutzen wir STOP noch hauptsächlich zur Forschung, weniger zur Prävention", sagt der Londoner Jugendpsychologe Paramala Santosh, der das Projekt beim European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) in Wien präsentierte.

Keine psychiatrische Behandlung

Um die Website für Kinder und Jugendliche attraktiv zu machen, wurde besonders auf eine altersentsprechende Aufmachung geachtet; so gibt es neben Online-Fragebögen auch interaktive Cartoons und Minispiele. Für besonders junge Teilnehmer steht sogar eine eigene Benutzeroberfläche mit weniger Text und vielen interaktiven Grafiken zur Verfügung. Derzeit läuft noch der Pilotversuch, die ersten Ergebnisse seien in zwei bis drei Jahren zu erwarten, so Santosh. Ist das Projekt erfolgreich, so sollen im Sinne einer frühzeitigen Intervention entsprechende Warnsysteme etabliert werden, mit denen Ärzte und suizidgefährdete Patienten in Verbindung bleiben können.

Während Suizide bei 5- bis 14-Jährigen ein seltenes Phänomen sind (0,5 pro 100.000 bei Mädchen, 0,9 pro 100.000 bei Burschen), steigen sie bei den 15- bis 24-Jährigen deutlich auf 12 pro 100.000 bei Frauen und 14,2 pro 100.000 bei Männern an. Einer Untersuchung zufolge erhielten weniger als die Hälfte der Jugendlichen, die Suizid begehen, eine psychiatrische Behandlung - deshalb seien Prävention und Früherkennung besonders wichtig. (Florian Bayer, derStandard.at, 19.10.2012)

  • Das Ziel des Projektes ist die Entwicklung entsprechender Warnsysteme.

    Das Ziel des Projektes ist die Entwicklung entsprechender Warnsysteme.

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