Klassiker der Moderne - R.E.M.: "Document"

Das beste Album der Band wurde zum 25-Jahr-Jubiläum neu aufgelegt und um ein Livealbum aus jenen Tagen angereichert

1987 war im US-Underground ein gutes Jahr. Es erschienen Alben wie You're Living All Over Me von Dinosaur Jr, Sister von Sonic Youth, die Pixies veröffentlichten ihr Debüt Come on Pilgrim während Big Black mit Songs About Fucking Aloha sagten. Auch Document von R.E.M. erschien in dem Jahr. Während alle anderen genannten Bands später in Michael Azerrads sich dieser Epoche widmendem Standardwerk Our Band Could Be Your Life Eingang fanden, blieben R.E.M. außen vor. Nicht aus Bedeutungslosigkeit, sondern weil sie von jeher auf einem Label veröffentlicht hatten, dass von Majors vertrieben worden war.

Dass es keinen anderen Grund dafür geben konnte, daran erinnert das nun zum 25-Jahr-Jubiläum neu aufgelegte und um ein Livealbum aus jenen Tagen angereicherte Document. Der fünfte Longplayer von R.E.M. ist ihr bester. Ein Schwellenalbum, das mit Songs wie The One I Love oder dem countryesken It's The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine) bereits mit potenziellen Welthits aufwartete. Mit Losing My Religion war es zwei Alben später dann so weit, qualitativ erschien Losing ... aber wie ein Abklatsch zu der Dringlichkeit, der subkutanen Dynamik und der Wendigkeit, die Document bot. Als Kinder der Generation Punk und inmitten eines artenreichen Undergrounds umtriebig, verschmolzen Michael Stipe, Peter Buck, Mike Mills und Bill Berry Southern Rock mit der Ökonomie des Postpunk, was die Wire-Coverversion Strange hier mit dem Zaunpfahl auf den Punkt bringt.

Daneben wirken selbst Country-Elemente nicht fremd, und politische Inhalte wie der Vergleich der Reagan-USA mit der McCarthy-Ära gehen auch noch mit. Den Sog des Albums verdeutlicht vielleicht am besten das Lied Fireplace. Das wurde zwar kein Hit, doch verdichtet sich darin das verführerische Genie dieser Band zu jener Zeit: Die Dynamik von Berrys Schlagzeug und Bucks Gitarre ziehen in das Lied, in dem Stipe von der "crazy world" erzählt. Sogar das Saxofon übersteht man. Dass das Album immer noch aktuell und modern klingt, verdeutlicht seine Klasse. (flu, Rondo, DER STANDARD, 19.10.2012)

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