Jö schau, Nackerte im Leopold

  • Nackte Männerparade: Bruce Naumans "Five Marching Men" (1985).
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    foto: fr. ch, flick sammlung / vbk 2012

    Nackte Männerparade: Bruce Naumans "Five Marching Men" (1985).

Das Leopold Museum zeigt mit "Nackte Männer" die vielfältige Darstellung entkleideter Männerkörper seit 1800

Ilse Haiders "Mister Big" vorm Museum und die Werbeplakate in der Stadt haben bereits große Aufregung verursacht.

Wien - "Meine Herrschaften, ich bin seit vierzig Jahren Ärztin und Mutter, sagen Sie mir nicht, dass ich keine nackten Männer sehen darf!" So charmant entgegnete Elisabeth Leopold bei der Pressekonferenz zur Ausstellung Nackte Männer von 1800 bis heute allen Kritikern, die auf das Thema, vor allem aber auf die Werbeplakate empört reagiert hatten.

Zu sehen sind dank zahlreicher Leihgaben nun also nackte Männerkörper in allen Ausführungen, Posen und Darstellungsweisen: von klassizistischen Gemälden mythologischer Jünglinge des 18. Jahrhunderts über Selbstakte der klassischen Moderne bis zu den Ironisierungen und Provokationen der Generationen nach 1945. Als Beginn von Kunst im öffentlichen Raum gilt übrigens ein nackter Mann: Auguste Rodins Bronze-Abguss Das eherne Zeitalter (1875).

Die Künstlerliste umfasst viele der bedeutendsten Namen der Kunstgeschichte - und liefert ein gutes Argument dafür, Männerakten eine spezifische Schau zu widmen. Das Wettrennen mit dem Linzer Lentos, das nächste Woche ebenfalls eine Schau der nackten Männer eröffnet, wäre nicht notwendig gewesen. Es gibt sicher unterschiedliches Anschauungsmaterial genug.

Mag man der Bibel glauben, stand am Anfang der Menschheitsgeschichte ein nackter Mann. Da erscheint dessen vielfältige Zurschaustellung überfällig, sagt Museumsdirektor und Mitkurator Tobias G. Natter, auch in Anbetracht der langen Tradition nackter Frauenbildnisse in den Museen.

Klassizistische Aktstudien Ende des 18. Jahrhunderts sind kunsthistorisch interessant, dienen aber vor allem der Idealisierung antiker Helden und sind stark entpersonalisiert, was sie nicht vordergründig delikat macht. Spannender wird es ab Egon Schieles radikalen Selbstbildnissen: Nicht mehr die Anatomie, sondern die Kraft der Sexualität und die Frage nach körperlicher Identität stehen im Fokus künstlerischen Interesses.

Um dem Vorwurf des Sexismus zu entgehen, werden einige wenige feministische Positionen gezeigt: Etwas Louise Bourgeois' Fillette. Das vergrößerte männliche Geschlecht erinnert in seiner Plastizität, der rötlichen Farbe und durch die Art, wie es aufgehängt ist, an Rinderhälften in Kühlhallen.

Maria Lassnigs Gemälde handeln vom eigenen Körper als Projektionsfläche gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen. In jüngerer Zeit franst das Thema männliche Nacktheit in alle Richtungen aus, Homoerotik, Genderkonstruktionen, Fragen nach der eigenen Identität machen die Schau sehenswert. Und provokant. Etwa die Schwarz-Weiß-Fotografie Man in Polyester Suit des 1989 verstorbenen US-Künstlers Robert Mapplethorpe: Aus einem Hosenschlitz lappt der Penis, Kopf und Beine des dazugehörigen Mannes sind allerdings abgeschnitten. Der Betrachter sieht nichts außer das ursprünglichste Schöpfungswerkzeug des Mannes.

Vor mehr als hundert Jahren musste Gustav Klimt sein Plakat zur ersten Ausstellung der Wiener Secession übermalen: Es zeigte König Theseus in seiner ganzen Pracht. Erstaunlich, dass man heute, wo nackte Frauenkörper in Werbungen alltäglich sind, bei männlichen Aktdarstellungen noch aufschreit. Die Hälfte der Plakate sollte rot überklebt werden. Die Kampagne hat ihr Ziel damit schon erreicht: Man redet über männliche Nacktheit.    (Timon Mikocki, DER STANDARD, 19.10.2012)

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