Google Street View im Amazonas

Google Street View geht gerne ins Detail. In geschützten Gebieten des Amazonas kann das sinnvoll sein, weil Reiselust auch Grenzen braucht

Am 21. März 2012 waren so viele Schaulustige in Tumbira wie nie zuvor. Hätten sie alle nach einem Bett für die Nacht verlangt, wäre die Gastfreundschaft der 100 Einwohner zählenden Gemeinde im brasilianischen Regenwald wohl hoffnungslos überstrapaziert worden. Doch zum Glück blieben sie nicht lange. Ein, zwei Fotos von der weißgetünchten Holzkirche und ein paar Bilder von der staatlichen Schule mit Blick auf den Rio Negro dürften den meisten genügt haben, um "Wir waren da!" sagen zu können. Dabei kommt und geht der moderne Tourist, ohne jemals physisch präsent gewesen zu sein, er hinterlässt keine Spuren. Außer vielleicht digitale in seinem Browser.

Der 21. März ist seit 1971 bekannt als "Internationaler Tag des Waldes". Suchmaschinist Google hat diesen Tag heuer benutzt, um ein akribisch geplantes Projekt zu präsentieren: Rund 50.000 Fotos wurden mit einem Kameraboot und einem Dreirad von Wasserstraßen und Dschungelpfaden im Amazonasgebiet geschossen und zu digitalen 360-Grad-Panoramen verarbeitet. Wie in anderen sensiblen Regionen der Erde - etwa in der Antarktis - soll dadurch nun auch im geschützten Rio-Negro-Reservat "sanfter Tourismus" par excellence praktiziert werden: Nur ganz wenige fahren mit einer Ausnahmegenehmigung hin, ganz viele schauen über den populären Dienst Street View zu. Die Non-Profit-Organisation Amazonas Sustainable Foundation (FAS) scheint dieses Konzept jedenfalls überzeugt zu haben. Erst durch die Zusammenarbeit mit ihr wurde Google der Zutritt zu nicht öffentlich zugänglichen Gebieten gewährt.

Ob durch digitale Reisen Versprechen wie der "Einblick in die einheimische Stammeskultur" eingelöst werden können, bleibt dennoch fraglich: So wie es die Österreicher nicht immer schätzen, wenn ihnen die Weltgemeinschaft über die Thujenhecke in den Schrebergarten schaut - und sie von Google das "Auspixeln" verlangen -, suchten auch Indigene am Amazonas die Privatsphäre: Sie versteckten sich während der Aufnahmen einfach hinter einem gigantischen Baum. Andere Bilder zeigen dagegen, dass Street View sogar Ameisenstraßen erfasst: Die Tierchen sind ebenso zu erkennen wie einmal ein fetter Frosch mitten auf dem Objektiv.

Bilder vom "unberührten" Amazonas könnnten allerdings auch einen kollateralen Nutzen haben. Für die Anreiner am Rio Negro erhofft sich die FAS, dass sie auch ein Kontrolltool darstellen: Indios, die damit umgehen können, haben über den verwandten Dienst Google Earth bereits illegale Brandrodungen aufgedeckt. Und den nicht virtuellen Besuchern sagt die Organisation vorab: Schaut euch vor allem die selteneren Bilder der Unversehrtheit gut an. Wenn ihr wieder weg seid, soll es genau so aussehen! (Sascha Aumüller, Rondo, DER STANDARD, 19.10.2012)

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