Gesundheitspolitik: Kleine Spitäler schließen, was dann?

Gastkommentar | Marcus Franz
23. Oktober 2012, 09:34

Nur mit Betten- und Spitalssperren alleine ist weder in finanzieller noch in medizinischer oder pflegerischer Hinsicht eine Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung zu erreichen

In der gesundheitspolitischen Reformdiskussion wird immer wieder vorgeschlagen, diverse kleine Spitäler aus Kosten- und Effizienzgründen zu schließen. Als Hauptargument für diesen wiederkehrenden und gar nicht neuen Vorschlag dient die in Österreich vergleichsweise zu hohe Spitalsbettendichte: Um im europäischen Durchschnitt zu liegen, müssten bundesweit circa 10.000 Akutbetten abgebaut werden.

Schwierig, international zu vergleichen

Dass andere EU-Länder teils gänzlich andere Gesundheitssysteme haben und Vergleiche der Systeme daher sehr komplex und schwierig sind, wird in den plakativen Äußerungen der Politik allerdings verschwiegen. Im europäischen Vergleich der Gesamtkosten des Gesundheitswesens liegt Österreich übrigens gar nicht schlecht, auch dieses Faktum wird in der Spitalsdebatte gerne ausgespart.

Aus der Sicht der öffentlichen Spitalsfinanziers besitzt der vorgeschlagene Bettenabbau freilich eine große Attraktivität, denn auf den ersten Blick erscheint den Geldgebern eine drastische Bettenreduktion als enormes Einsparungspotenzial. Doch der erste Blick kann manchmal täuschen: Die zitierten Schließungsempfehlungen enthalten nämlich keinerlei konstruktive Vorschläge, was im Falle von Spitalssperren mit den zahlreichen freigesetzten Mitarbeitern geschehen soll und wo die danach ohne Zweifel notwendig werdende verstärkte ambulante Versorgung der Patienten stattfinden würde.

Wer zahlt dann ambulante Leistungen?

Die pekuniären Kernfragen bleiben dabei ebenfalls unbeantwortet: Wer soll für die Finanzierung dieser vermehrten ambulanten Leistungen aufkommen? Und wer wird wohl die zukünftig arbeitslosen Ex-Spitalsangestellten bezahlen? Die Krankenkassen sind schon jetzt nicht mehr in der Lage, die anfallenden ambulanten Leistungen zu finanzieren, und die Arbeitslosenzahlen erreichen ohnehin Rekordhöhen.

Zur Verdeutlichung: Ein durchschnittliches "kleines" Spital (damit sind derzeit die Häuser mit weniger als 300 Betten gemeint) beschäftigt circa 200 bis 400 Leute und versorgt pro Jahr bis zu 15.000 stationäre und ambulante Patienten. Und in Österreich gibt es mehr als 80 solcher kleiner Spitäler. Die sekundären Kosten von weitreichenden Spitalsschließungen wären also enorm und würden erst recht wieder die öffentliche Hand belasten.

Sinnvoll: Spitalsverbünde und Kooperationsmodelle

Ein radikaler Bettenabbau könnte daher zum Schuss ins Knie werden. Nützlicher wäre es, nach Alternativen zu suchen, die das Überleben der kleinen Spitäler ermöglichen und gleichzeitig auch eine sinnvolle Akutbettenreduktion gewährleisten.

Was könnten die "Kleinen" also tun? Beispielsweise wäre es für kleine und geografisch benachbarte Krankenhäuser höchst förderlich, wenn diese sich in regionalen Spitalsverbünden und Kooperationsmodellen zusammenschließen, um in medizinischer und ökonomischer Hinsicht gemeinsame Ziele zu verfolgen - auch und gerade über Bundesländergrenzen hinweg.

Durch gemeinsamen Einkauf, organisiertes Catering, häuserübergreifende Personal- und Ressourcenplanung, durch Labor- und Röntgengemeinschaften et cetera sind deutliche Kostensenkungen und Ablaufoptimierungen zu erreichen.

Die Umwandlung von einzelnen Spitalsabteilungen in geriatrische Einrichtungen (Pflegezentren) unter Beibehaltung eines reduzierten Akutbetriebs scheint ebenfalls ein gangbarer Weg zu sein, um gewisse Standorte von Krankenhäusern sowohl bedarfsorientiert wie auch ökonomisch zu sichern.

Ebenso ist die verstärkte und trägerübergreifende Zusammenarbeit von öffentlichen, konfessionellen und privaten Spitalsträgern eine für alle Beteiligten zielführende Angelegenheit. Besonders bei regionaler Nähe der diversen stationären Gesundheitseinrichtungen - wie dies etwa in Wien der Fall ist - können Synergien relativ einfach und kostengünstig genützt werden. Aber auch bei größeren Entfernungen in ländlichen Regionen können die kleinen Spitäler durch fachspezifische Schwerpunktbildungen und Spezialisierungen neue Kompetenzen entwickeln.

Zukunft liegt im Spezialgebiet

Kleine Einheiten sind überhaupt ideal dafür geeignet, einerseits die basismedizinische Versorgung der jeweiligen Region zu gewährleisten und anderseits durch Fokussierung auf bestimmte und häufige Spezialeingriffe (wie etwa Grauer-Star-Operationen oder Bandscheiben-OPs) ihre Existenzberechtigung auszubauen. Kein Spital muss im Zeitalter der Mobilität alles anbieten oder gar alles können: Die Zukunft der kleinen Krankenhäuser liegt in der Aneignung von Expertise in ausgewählten Bereichen. Die Patienten nehmen bei gegebener Qualität und guter Versorgung durchaus auch weitere Wege in Kauf. Damit ist allen gedient, die ökonomischen Sachzwänge können besser gemanagt und die notwendige medizinische Qualität leichter garantiert werden.

Fazit: Die Forderung nach Akutbettenabbau hat ihre Berechtigung, aber mit Betten- und Spitalssperren alleine ist weder in finanzieller noch in medizinischer oder pflegerischer Hinsicht eine Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung zu erreichen. Und diese muss letztlich das Ziel jeder Reformdiskussion sein. (Marcus Franz, derStandard.at, 23.10.2012)

Marcus Franz ist ärztlicher Direktor des Hartmannspitals in Wien-Margareten.

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der bastlerladen, der baumarkt und das krankenhaus...

wenn ich früher eine handvoll schrauben brauchte, bin ich ins bastlergeschäft ums eck GEGANGEN, habe gesagt "eine schachtel 40er holzschrauben, bitte!" und schon hatte ich sie.
heute muss ich ein fahrzeug in betrieb nehmen, fahrtkosten und -zeit auf mich nehmen, im baumarkt eine viertelstunde nach den schrauben suchen und erspare mir bei der kasse genau gar nichts!

das schließen von kleinen krankenhäusern spart keinerlei kosten. die sv-träger ersparen sich was, doch der patient zahlt dafür (auf umwegen) mehr, manchmal auch mit seiner gesundheit/seinem leben.

gesamt betrachtet: ein nullsummen-spiel.

falsch weil viel mehr mitspieler

die krankenanstalten werden von den ländern finanziert. wenn man sie schließt, werden mehr niedergelassene ärztliche leistungen in anspruch genommen, welche die sv finanziert.

was kostet's den patienten? VIEL! bleiben wir im krankenhaus: die qualität von operationen hängt maßgeblich davon ab, wieviele OPs gleichen typs ein arzt pro jahr macht.

wenn sie sich die bandeln im knie reißen und ins KH am eck gebracht werden, operiert sie dort höchstwahrscheinlich ein chirurg, der alles macht. die knieoperation hat er 10x pro jahr. ganz schlechte karten für sie.
wenn sie in ein großes KH mit spezialisierter orthopädie kommen, operiert sie höchstwahrscheinlich ein chirurg, der die OP 100x pro jahr macht und am letzten stand ist. unterschied klar?

@niedergelassene ärzte
wunschdenken!
gerade dort wo es um das schließen von KHs und ambulanzen geht, gibt es eh schon eine unterversorgung mit fachärzten.
z.t. monatelange wartezeiten. wenn der markt auf diesem gebiet funktionieren würde, dann wäre die situation anders. die leute in diesen gegenden würden den letzten rest an halbwegs zumutbarer versorgung verlieren.

@ operationen
vergangenheit!
speziell die kleineren KHs sind schwerpunkt KHs. oder auf dem weg dorthin.
für meinen landwohnort gilt: unfall und allgemeine ops - 25 km. urologie - 30 km. orthopädie -40 km.
herz - 90 km in st.pölten. entsprechend wird gewählt. ihr modell bedeutet, dass in zukunft wohl alles in st. pölten erledigt werden soll...

Wie sind meine Chancen im letzten Kaff im Südburgenland zu überleben? Halt! Geht's noch?

Wie sehr oft in der Spitalsdiskussion werden Volks- und Betriebswirtschaft außer Acht gelassen.

Es ist nicht zu erwarten, dass Spitalsangestellte nach einer Spitalsschließung arbeitslos werden. Der Arbeitsmarkt dürstet schon jetzt nach diesen Leuten.

Auch ist es auch keine gute Idee, Kosten mit Finanzierung zu verwechseln. Stationäre Behandlungen kosten mehr als ambulante gleicher Qualität.
Die primäre Finanzierungsstruktur der beiden ist zwar unterschiedlich (Länder / SV). Am Ende zahlen das Gesundheitssystem aber immer die Bürger und die Unternehmen.

Für die medizinische Nahversorgung ist der niedergelassene Bereich sicher besser und kostengünstiger als Kleinspitäler. Für die Akut- und spitzenmed. Versorgung die großen KA.

Also dass ambulant billiger ist bezweifle ich.

Derzeit rechnet man in Öst. einfach nie mit den korrekten Zahlen. Aus zuvielen verschiedenen Töpfen werden die Dinge finanziert.

Bei "gleicher" Leistung, wie bitte soll da ein Privater billiger sein?!!?

ganz einfache rechnung

ein stationärer aufenthalt hat alle kostenpositionen einer ambulanten behandlung (arzt, behandlungsraum, warteraum, equipment...)
PLUS
spitalsbett, zimmer, hauswirtschaftlicher dienst, pflegedienst, haustechnik, catering, verwaltung...

mehrkosten klar?

besonders im kh-bereich schafft erst ein angebot die nachfrage - a built bed is a filled bed.

Es gibt europaweit, und auch in Österreich selbst, eine sehr große Nachfrage nach Ärzten und Krankenpflegern. So zu tun als wären das unvermittelbare Arbeitslose die keinen Job finden würden ist also VÖLLIG realitätsfern.

strukturelle Kostenstraffung ....

.... auf den Rücken des Patienten. Einsparungen
wie von politischer und betriebswirtschaftlicher Seite
formuliert wird sind Chimäre, weil Diese dann eben zentral verbraten werden, - sprich verpuffen.
Die 24h Verfügbarkeit sämtlicher mediz. Leistg. und die sich daraus ergebenden Kosten müssen dem Patienten drastisch vor Augen geführt werden. Medizin, ( so sie nicht akut oder unumgänglich notwendig ) ist sozial in einen Selbstbehalt zu formulieren. Solange jedoch mediz.Leistg. auf der Basis von Auslastung formuliert werden ist jedes diesbezügliche Bemühen für die Katz ......

Der Autor macht sichs leicht

Bei den Kleinkrankenhäuseren gibt es viele Probleme, die übersehen werden:
- Die medizinischen Geräte werden immer teurer und brauchen eine hohe Auslastung, um überhaupt finanzierbar zu seinn.
- Es ist für die Kleinkrankenhäuser selten ausreichend qualifizierte Ärzte und vor allem keine Spezialisten mit entsprechender Praxis.
- Es hat in Österreich schon etliche Fälle gegeben, wo Patienten in Kleinkrankenhäuser eingeliefert wurden, dort aber nicht geholfen werden konnte und ein Weitertransport in ein Großkrankenaus folgte. Durch diesen Umweg und den Zeitverlust ist schon der eine oder andere gestorben.

" Es hat in Österreich schon etliche Fälle gegeben, wo Patienten in Kleinkrankenhäuser eingeliefert wurden, dort aber nicht geholfen werden konnte und ein Weitertransport in ein Großkrankenaus folgte. Durch diesen Umweg und den Zeitverlust ist schon der eine oder andere gestorben."

die zahl der patienten, die auf dem transport von einem klein-krankenhaus in ein schwerpunktkrankenhaus sterben, ist überschaubar.
und nicht zu vergleichen mit der zahl jener toten, die es gäbe, wenn das nächste KH von haus aus eine stunde entfernt wäre!

Und als Ergänzung:

Kunstfehler (teilweise mit Todesfolge) aufgrund mangelnder Erfahrung

Da haben sie recht...

- aber Notfallmedizin muss möglichst vor Ort sein
- Spezialoperationen ja zentral, wenn Zeit kein Kriterium ist. (Hier ist es aber so, das man in Wien als NÖ scheel angeschaut wird, wenn man sich zu einer OP nach Wien begibt. )
- Ad Umweg - das passiert sogar innerhalb Wiens, obwohl es dort eingentlich alle Schwerpunkthäuser gibt

scheel in wien angeschaut als nö patient?

Kann ich nicht nachvollziehen. Wie und wie?

topfen. interessengeleiteter topfen!

sie haben völlig recht.

die ewig gleichen schließungsargumente sind tatsächlich interessensgeleiteter topfen!

menschen sind keine autos oder waschmaschinen!

die riesigen, seelenlosen "menschenreparaturwerkstätten", die von den verantwortlichen als der weisheit letzter schluss verkauft werden, sind in wirklichkeit für die meisten patienten ein horror. es wird immer wieder übersehen, dass menschenwürdige respektvolle behandlung oft mehr zur gesundwerdung beiträgt als sündteure reine apparatemedizin. meistens geht es auch in kleineren spitälern nicht so hektisch zu und die mitarbeiterInnen wirken weit weniger überfordert!

menschen sind aber fast waschmaschinen

Ich möchte nicht von einem Arzt in einem Kleinkrankenhaus eine Blinddarmoperation - der macht diese vielleicht 5 mal im Jahr - entsprechend geübt ist er dann auch...

ja eh, aber dafür fehlt das Personal - da in den Kleinkrankenhäusern gebunden

Eine Bekannte von mir berichtete:
"Ich fahr NIE WIEDER nach XY! Da kommt man rein, zug Leute starren einen an, man wartet ewig bei der Aufnahme, dann dauert es Stunden bis man bei der Ambulanz endlich dran kommt und dann nimmt sich der Arzt fast keine Zeit für mich.

In YZ (Kleinspital) ist das viel besser! Man kommt rein, freundliche offene leere Gänge, man kommt sofort zur Anmeldung und auf der Station haben sich sofort 2 Ärzte und 3 Schwestern um mich gekümmert und mit mir zusammen auf meine Laborwerte gewartet!"

Ja, sie war begeistert - sie war schließlich die Patientin des Tages.
Bei uns?
Keiner bei der Aufnahme?
2 Ärzte und 3 Schwestern für EINEN Patienten?
Dem Patienten Händchen halten bis die Laborbefunde da sind?
NIE!

Wenn die Anfahrtszeit zum Spital dann über eine Stunde dauert,

werden wir viele viele neue Hubschrauber brauchen.
Nun ja, eventuell auch ein Vorteil, aber billiger ?

Notfall

Im Notfall wird man ja hoffentlich nicht im nächsten Kleinkrankenhaus eingelierfert - dort kann einema ja sowieso nicht geholfen werden...

Doch Doch..

im Notfall heisst es zuerst stabilisieren und am Leben erhalten - das könenns ihn in einem kleinen Spital auch machen. Folgeoperationen (zig Hautoperationen bei Brandopfern z.b. ) muss dann wieder in einem Schwerpunktspital gemacht werden.

Bei Fahrtzeiten > 1 Std wird vieles zum Notfall, was früher des nächste Krankenhaus nebenbei erledigte.

Es gibt Spitäler (auch Neubauten) die stehen praktisch Rücken an Rücken - nur getrennt von der Bezirksgrenze

Da verlängert sich die Anfahrtszeit um 10 Minuten (aber nur im Berufsverkehr).

Da gehts ja nicht darum zwischen den Spitälern zu pendeln, sondern, dass die Spitäler auch Randlagen versorgen müssen!

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