Gesundheitspolitik: Kleine Spitäler schließen, was dann?

Gastkommentar |

Nur mit Betten- und Spitalssperren alleine ist weder in finanzieller noch in medizinischer oder pflegerischer Hinsicht eine Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung zu erreichen

In der gesundheitspolitischen Reformdiskussion wird immer wieder vorgeschlagen, diverse kleine Spitäler aus Kosten- und Effizienzgründen zu schließen. Als Hauptargument für diesen wiederkehrenden und gar nicht neuen Vorschlag dient die in Österreich vergleichsweise zu hohe Spitalsbettendichte: Um im europäischen Durchschnitt zu liegen, müssten bundesweit circa 10.000 Akutbetten abgebaut werden.

Schwierig, international zu vergleichen

Dass andere EU-Länder teils gänzlich andere Gesundheitssysteme haben und Vergleiche der Systeme daher sehr komplex und schwierig sind, wird in den plakativen Äußerungen der Politik allerdings verschwiegen. Im europäischen Vergleich der Gesamtkosten des Gesundheitswesens liegt Österreich übrigens gar nicht schlecht, auch dieses Faktum wird in der Spitalsdebatte gerne ausgespart.

Aus der Sicht der öffentlichen Spitalsfinanziers besitzt der vorgeschlagene Bettenabbau freilich eine große Attraktivität, denn auf den ersten Blick erscheint den Geldgebern eine drastische Bettenreduktion als enormes Einsparungspotenzial. Doch der erste Blick kann manchmal täuschen: Die zitierten Schließungsempfehlungen enthalten nämlich keinerlei konstruktive Vorschläge, was im Falle von Spitalssperren mit den zahlreichen freigesetzten Mitarbeitern geschehen soll und wo die danach ohne Zweifel notwendig werdende verstärkte ambulante Versorgung der Patienten stattfinden würde.

Wer zahlt dann ambulante Leistungen?

Die pekuniären Kernfragen bleiben dabei ebenfalls unbeantwortet: Wer soll für die Finanzierung dieser vermehrten ambulanten Leistungen aufkommen? Und wer wird wohl die zukünftig arbeitslosen Ex-Spitalsangestellten bezahlen? Die Krankenkassen sind schon jetzt nicht mehr in der Lage, die anfallenden ambulanten Leistungen zu finanzieren, und die Arbeitslosenzahlen erreichen ohnehin Rekordhöhen.

Zur Verdeutlichung: Ein durchschnittliches "kleines" Spital (damit sind derzeit die Häuser mit weniger als 300 Betten gemeint) beschäftigt circa 200 bis 400 Leute und versorgt pro Jahr bis zu 15.000 stationäre und ambulante Patienten. Und in Österreich gibt es mehr als 80 solcher kleiner Spitäler. Die sekundären Kosten von weitreichenden Spitalsschließungen wären also enorm und würden erst recht wieder die öffentliche Hand belasten.

Sinnvoll: Spitalsverbünde und Kooperationsmodelle

Ein radikaler Bettenabbau könnte daher zum Schuss ins Knie werden. Nützlicher wäre es, nach Alternativen zu suchen, die das Überleben der kleinen Spitäler ermöglichen und gleichzeitig auch eine sinnvolle Akutbettenreduktion gewährleisten.

Was könnten die "Kleinen" also tun? Beispielsweise wäre es für kleine und geografisch benachbarte Krankenhäuser höchst förderlich, wenn diese sich in regionalen Spitalsverbünden und Kooperationsmodellen zusammenschließen, um in medizinischer und ökonomischer Hinsicht gemeinsame Ziele zu verfolgen - auch und gerade über Bundesländergrenzen hinweg.

Durch gemeinsamen Einkauf, organisiertes Catering, häuserübergreifende Personal- und Ressourcenplanung, durch Labor- und Röntgengemeinschaften et cetera sind deutliche Kostensenkungen und Ablaufoptimierungen zu erreichen.

Die Umwandlung von einzelnen Spitalsabteilungen in geriatrische Einrichtungen (Pflegezentren) unter Beibehaltung eines reduzierten Akutbetriebs scheint ebenfalls ein gangbarer Weg zu sein, um gewisse Standorte von Krankenhäusern sowohl bedarfsorientiert wie auch ökonomisch zu sichern.

Ebenso ist die verstärkte und trägerübergreifende Zusammenarbeit von öffentlichen, konfessionellen und privaten Spitalsträgern eine für alle Beteiligten zielführende Angelegenheit. Besonders bei regionaler Nähe der diversen stationären Gesundheitseinrichtungen - wie dies etwa in Wien der Fall ist - können Synergien relativ einfach und kostengünstig genützt werden. Aber auch bei größeren Entfernungen in ländlichen Regionen können die kleinen Spitäler durch fachspezifische Schwerpunktbildungen und Spezialisierungen neue Kompetenzen entwickeln.

Zukunft liegt im Spezialgebiet

Kleine Einheiten sind überhaupt ideal dafür geeignet, einerseits die basismedizinische Versorgung der jeweiligen Region zu gewährleisten und anderseits durch Fokussierung auf bestimmte und häufige Spezialeingriffe (wie etwa Grauer-Star-Operationen oder Bandscheiben-OPs) ihre Existenzberechtigung auszubauen. Kein Spital muss im Zeitalter der Mobilität alles anbieten oder gar alles können: Die Zukunft der kleinen Krankenhäuser liegt in der Aneignung von Expertise in ausgewählten Bereichen. Die Patienten nehmen bei gegebener Qualität und guter Versorgung durchaus auch weitere Wege in Kauf. Damit ist allen gedient, die ökonomischen Sachzwänge können besser gemanagt und die notwendige medizinische Qualität leichter garantiert werden.

Fazit: Die Forderung nach Akutbettenabbau hat ihre Berechtigung, aber mit Betten- und Spitalssperren alleine ist weder in finanzieller noch in medizinischer oder pflegerischer Hinsicht eine Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung zu erreichen. Und diese muss letztlich das Ziel jeder Reformdiskussion sein. (Marcus Franz, derStandard.at, 23.10.2012)

Marcus Franz ist ärztlicher Direktor des Hartmannspitals in Wien-Margareten.

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