Fragwürdige Methoden gefährden Russlands Lachsbestände

André Ballin aus Sachalin
17. Oktober 2012, 19:29
  • Dreimal am Tag werden die Netze, die quer über den Fluss gespannt sind, mit einem Kran nach oben geholt.
    vergrößern 800x457
    foto: andré ballin

    Dreimal am Tag werden die Netze, die quer über den Fluss gespannt sind, mit einem Kran nach oben geholt.

Die Idylle auf Sachalin im Osten Russlands trügt: Fischoligarchen wurde erlaubt, Wildlachsen mit vor kurzem noch verbotenen Mitteln nachzustellen. Der Fischbestand ist stark zurückgegangen. Hungrige Braunbären kommen immer öfter in die Ortschaften

Wo Russland im Osten aufhört, liegt die Insel Sachalin. Von Moskau aus sind es mit dem Flugzeug gut acht Stunden. 1890, als Anton Tschechow zur damaligen Gefangeneninsel reiste, war er sogar gut drei Monate unterwegs. Besonders angetan war er von seinem Aufenthalt nicht: Als "Ort unerträglicher Qualen", wo "es kein Klima, sondern nur schlechtes Wetter gibt", bezeichnete der Schriftsteller Sachalin.

Inzwischen ist die Insel kein Verbannungsort mehr und dank kürzlich entdeckter riesiger Öl- und Gasvorkommen auch nicht mehr der vergessene Hinterhof Russlands. Der Boom hat tausende Ausländer auf die Insel gezogen, Amerikaner, Holländer und zuletzt sogar eine Wirtschaftsdelegation aus Österreich.

Rohstoffe und Naturwunder

Sachalin ist nicht nur reich an fossilen Rohstoffen: Die Insel lockt mit dunklen Nadelwäldern, klaren Flüssen, sattgrünen Hügeln und tiefblauen Seen. Auf Sachalin können die seltenen Touristen genauso auf wilde Orchideen stoßen wie auf Rentiere. Und Bären. Rund 4000 Braunbären kommen auf 500.000 Einwohner. Eine Nachbarschaft, die nicht immer konfliktfrei ist. Im lokalen Radio berichtet eine Anruferin aufgeregt von einem Tier, das durch einen Datschenort streunt. Immer öfter kommen die Bären in die Siedlungen. Für den Ökologen Roman Schatrow ein deutliches Warnsignal. "Es gibt zu wenige Lachse in den Flüssen", sagt er.

Lachs und roter Kaviar waren lange Zeit die größte Einnahmequelle der Inselbewohner. Auch heute noch ist die Delikatesse ein Wirtschaftsfaktor. Doch der Eingriff des Menschen in die Natur macht sich immer stärker bemerkbar. So wie am Tunaitscha, dem zweitgrößten See Sachalins: Einen leichten Salzgeschmack hat sich das Wasser des Tunaitscha bewahrt. Und doch schöpft sich Schatrow mit der Hand einen Schluck in den Mund: "Fast wie Süßwasser", urteilt er. Früher war der Tunaitscha deutlich salziger. Ein Damm hat den Wasseraustausch mit dem Ochotskischen Meer eingeschränkt. Die vielen kleinen Flüsschen tragen hingegen weiter munter ihr Wasser in den See und süßen ihn an.

Einfache Methode der Fischbarone

Den Lachsen schmeckt dieser Wandel nicht besonders, denn die Fische finden ihre Nahrung, kleine Krebstiere, nur im Salzwasser. Doch das ist noch das kleinere Übel. Der Tunaitscha ist ohnehin nur Zwischenstation der Lachse auf dem Weg vom Ozean zurück in ihre Laichgründe in den Flüssen, wo sie einst zur Welt kamen und wo sie nun - nachdem sie ihre Eier abgelegt haben - an Entkräftung sterben werden. Schlimmer ist, dass der Tunaitscha für viele Lachse inzwischen zur vorzeitigen Endstation geworden ist. Schuld daran sind die Fischbarone der Insel.

Früher wurde der Lachs im Ozean gefangen; eine harte und mitunter gefährliche Arbeit. Wilderer haben sich eine einfachere Methode ausgedacht: Sie spannten ihre Netze an den Flüssen von einem Ufer zum anderen. Kein Fisch konnte ihnen entkommen. Berge ausgenommener Lachskadaver blieben am Tatort zurück, denn die Wilderer hatten es auf den teuren Kaviar abgesehen.

Flusssperre mittels Netz

Die Fangmethode galt als illegal, gefährdet sie doch den Fischbestand. Doch seit 2009 dürfen einige Fischoligarchen, darunter auch ein Senator, ganz offiziell ihr Netz an den Flussmündungen spannen - und auch an einem Engpass im Tunaitscha. Mit einem Kran werden die vollen Netze dreimal am Tag nach oben geholt. Ein dickes Geschäft. Wie viel Schmiergeld dafür fließt, darüber gibt es bestenfalls Spekulationen.

Offiziell dienen die Netze der "Regulierung" des Lachsbestands. Immerhin gibt es neben dem Wildlachs auch Zuchtlachs auf Sachalin. Die Fischfangbetriebe sollen einen Teil der wilden Lachse durchlassen, um deren Überleben zu sichern. In der Realität hängt alles vom guten Willen des Unternehmers ab. "Als Landwirtschaftsminister Fjodorow hier war, haben sie schnell das Netz hochgenommen; kaum war er weg, hing das Netz wieder im Wasser", schildert ein Anwohner dem STANDARD.

Die Auswirkungen sind alarmierend: "In einigen Flüssen werden 95 bis 97 Prozent der Lachse entnommen, damit kann sich die Population nicht regenerieren", sagt der Leiter der Umweltschutzbewegung Ekowachta, Dmitri Lisizyn. Rund 100.000 Tonnen Fisch wurden heuer schon gefangen - offiziell. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dürften die Bestände bald erschöpft sein, fürchtet Lisizyn. Dann werden die Bären für die Datschenbewohner wohl noch gefährlicher. (André Ballin aus Sachalin, DER STANDARD, 18.10.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 28
1 2
Sachalin wäre ja ne richtig schöne Insel ohne die Russen!

Den Bildern nach können die Russen Ihre Landschaft nicht sauber halten. Überall Schrott, alte kaputte Schiffe und verfallene Häuser.
Liegt wohl daran, dass die Einheimischen nicht viel von den Fischfangerträgen abbekommen und sich ein Paar das ganze Geld unter den Nagel reissen!

http://www.amur-fluss.de/html/sachalin.html

Was wetten wir?

Wenn der erste hungrige "Problembär" einen Dörfler verletzt, schwärmen die tapferen russischen Jäger aus - allen voran Mr. Testosteron Putin - um die armen Menschen vor den Bestien zu schützen ... und dabei gleich noch mal ein paar tausend sündteure Trophäen zu morden, mit maximalem Gewinn. Es ist derart grauenhaft, das menschliche Verhalten, und es geht leider immer noch ein Stückerl ekelhafter ... :-(

Gegen Russland ist unsere Korruption ja noch ein Lärcherl - schade nur, dass es dort viele seltene Tierarten gibt - Sibirischer Tiger zB, meiner Meinung nach haben die dort keine mittelfristige Überlebenschance

RUSSLAND

darf nicht KÄRNTEN werden !!

Dummheit und Gier ist eine gefährliche Mischung für Mensch und Tier.

… wobei "Dummheit und Gier", vom menschlichen Tier ausgeht!

Woraus Geld gemacht werden kann, wird im Kapitalismus eben verwertet. Das Weiterso unseres besten aller denkbaren Systeme hängt eben von der immer weiteren Inwertsetzung und Verwertung von Natur und Mensch ab. Schließlich gibts nur den Zweck Geld, immer mehr Geld. Und alles Nachhaltigkeitsgebrabbel ändert daran nix.

falsch. richtig heisst es so: Woraus Geld gemacht werden kann, wird eben verwertet.

glaubst du das das bei irggendwelchen anderen anders ist/war?

wie ich schon mal gepostet habe - und viel Rot geerntet hab, man müsste ein anderes System finden - Geld ist der Grund allen Übels, das wird sich auch in Zukunft nicht ändern - so gscheit sind die Leut nicht!

dieses system gibt

es bereits.anarchismus lehnt jede art von hierarchie ab.natürlich auch die herrschaft des kapitals.wir müssen
weg von der kapitalistischen verschwendungs-und ausbeutungsgesellschaft mit ihrer angebots orientierten produktion,hin zu einem solidarischen bedarfsorientierten wirtschaftssystem.in dem zu umwelt-und sozialverträglichen bedingungen intelligent produziert und verteilt wird.kapitalismus dient im endeffekt ein paar wenigen auf kosten aller anderen und der natur.

die seltenen kurzfristigen ...

... anarchischen Projekte haben sich bislang haupsächlich auf den Terror diverser Räuberbanden beschränkt (obwohl ich gewisse Sympathien für die ukrainische Episode hege ...).

In die Richtung Selbstverwaltung, Selbstorganisation, Bedarfswirtschaft müßte es gehen. Man wird aber mit heftigem propagandistischem und repressiven Widerstand der Institutionen des Kapitalismus, von Staat, IOs, Unternehmen ua rechnen müssen. Es gälte jedenfalls zu überlegen, wie die Totalität des Kapitalismus aufzubrechen wäre, wie Sand ins Getriebe gestreut, wie mit anderen Verhältnissen begonnen werden kann, besonders wie man die Alternativlos-Doktrin, das Denken in ausschließlich monetären Werten, wo Leben, wo Natur an sich nichts 'wert' sind, loswird.

Lesestoff: "I will conclude that we have two choices moving forward: I. collapse, or II. anarchy" tinyurl.com/d7albtq http://bit.ly/RuLzO5

danke für den link.

In die Richtung Selbstverwaltung, Selbstorganisation, Bedarfswirtschaft müßte es gehen.

Kolchosen?

nein,lesen sie nach was

anarchie bedeutet.es geht um selbstbestimmtes leben.ohne staaten,ohne grenzen,ohne hierarchie.das hat mit kommunismus oder kolchosen überhaupt nichts zu tun.im kommunismus war der staat alles,anarchisten wollen überhaupt keine staaten.

ich glaube du bekommst für solche meldungen rot weil sie völlig inhaltsleer und nichtssagend sind (so in etwa wie: kräht der hahn am mist ändert sich das wetter oder bleibt wie es ist) :)

kapitalismus und seine auswüchse sind eine ganz

tolle sache.zusammen mit der unbeschreiblichen gier des menschen ist er für tier und natur leider oft tödlich.

Das ist kein Kapitalismus, das ist russischer Korruptionismus.

Ja, ich denke auch ...

... am ehesten ähnelt das einer kapitalistischen Vor- oder Frühperiode - "Wilder-Osten" halt! ;-)

und auf welchem System basiert der Korruptionismus?

bürokratismus?

Nein...

die Behörden werden nicht mit Bürokratie bestochen, sondern mit.....?
Nächster Versuch.

ich nehme an sie meinen geld. ohne geld kann es keine korruption geben?

Raketen und Bomben sind eine ganz

tolle sachen. leider oft tödlich.

Ein paar verdienen sich mit umweltzerstörenden Mitteln dumm und deppert, alle machen mit, und am Schluss wurde dann die Lebensgrundlage von großen Teilen der lokalen Bevölkerung zerstört. Aralsee reloaded. Der Mensch lernt nie...

Posting 1 bis 25 von 28
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.