Rom am besten ignorieren

Kolumne17. Oktober 2012, 19:02
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"Vatileaks": Das Zentrum der Weltkirche erscheint weniger als düstere Verschwörerhochburg denn als kleinlicher Intrigantenstadel

Ausgerechnet fünfzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, einer Sternstunde der katholischen Kirche, erlebte diese eine ihrer peinlichsten Stunden. Vor einem vatikanischen Gericht lief der Prozess gegen den Kammerdiener des Papstes ab, und gleichzeitig wurden die von diesem gestohlenen geheimen Papiere vom Schreibtisch des Chefs publiziert. Diese sind jetzt unter dem Titel "Seine Heiligkeit" auch auf Deutsch erschienen. Eine deprimierende Lektüre. Das Zentrum der Weltkirche erscheint darin weniger als düstere Verschwörerhochburg denn als kleinlicher Intrigantenstadel.

Gianluigi Nuzzi, der italienische Journalist, dem der Kammerdiener Paolo Gabriele die Dokumente zuspielte, macht ein geheimnisvolles Brimborium um seinen Coup. Der Informant agiert unter dem Decknamen "Maria". Es gibt heimliche Treffen in konspirativen Wohnungen und verschlüsselte Botschaften. Aber in den geheimen Papieren geht es kaum um große Skandale und schon gar nicht um politische oder theologische Kontroversen. Konservativ sind schließlich alle Beteiligten. Was da auf dem Schreibtisch des päpstlichen Privatsekretärs gelandet ist, sind vor allem Interventionen und Denunziationen, die Karrieren befördern oder behindern sollen. Ungut, aber nicht interessant.

Eine Seilschaft will den Chefredakteur der Zeitung der italienischen Bischofskonferenz loswerden und streut - fälschlich - aus, dieser sei homosexuell. Er verliert seinen Job, aber weil der Papst um einen Kompromiss bemüht ist, bekommt er einen anderen. Ein Kardinal soll Ordnung in die Finanzen des Vatikans bringen und kommt dabei der Nummer zwei, dem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, in die Quere, einem Spitzenfunktionär, über dessen Ernennung übrigens auch ein so loyaler Kirchenmann wie der Wiener Kardinal Schönborn entsetzt war. Der Unbequeme wird abberufen und gegen seinen Willen als Nuntius in die USA geschickt. Das Gravierendste im ganzen Konvolut ist wohl die Enthüllung, dass die Kurie inklusive des damaligen Papstes Johannes Paul II. von den Missbrauchstaten des mexikanischen Gründers der ultrafrommen Gruppe "Legionäre Christi" gewusst haben soll, aber nicht reagiert hat.

Das Bild, das sich ergibt, ist das einer heillos überforderten Führungsmannschaft und eines Papstes, der sich lieber seinen gelehrten theologischen Studien widmen würde als den Intrigen und Querelen seiner Kurie. Dazu kommt eine Mentalität, die offenbar auf weite Strecken die Entwicklung der letzten Jahrzehnte nicht verarbeitet hat. Die Exkommunikation der ultrakonservativen Piusbruderschaft wird aufgehoben. Dass sich zeitgleich einer von deren Bischöfen als Holocaustleugner geoutet hat, fällt niemandem auf oder wird als nicht wichtig erachtet. Am polnischen Redemptoristenpater Tadeusz Rydzyk, Chef des offen antisemitischen Senders Radio Maria, wird bedingungslos festgehalten, aber jede bischöfliche Äußerung in Richtung Zölibat lockern oder Frauen weihen wird vom weltweit tätigen vatikanischen Informationsdienst sofort bemerkt und geahndet.

Keine guten Zeiten für die katholische Kirche. Kein Wunder, dass viele treue Kirchenmitglieder vor allem in Europa gar nicht so genau wissen wollen, was sich in ihrer Zentrale so tut. Rom? Am besten: einfach ignorieren. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 18.10.2012)

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