"Du hast gespürt, dass Obama noch kämpfen kann"

17. Oktober 2012, 18:36
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So gemäßigt und ruhig sich Barack Obama im ersten TV-Duell auch gegeben hatte: Im zweiten Aufeinandertreffen gab sich der US-Präsident angriffslustig und blockte die Vorwürfe von Mitt Romney gekonnt ab.

Neunzig Minuten haben sie an ihren Lippen gehangen, jeden Satz abgewogen, jede Geste bewertet. Ein paar hundert Meter entfernt traten Barack Obama und Mitt Romney vor 82 unentschiedenen Wählern zu ihrem zweiten Rededuell an, und im größten Hörsaal der Hofstra University versammelten sich an die dreihundert Studenten zur "Debate Watch Party". Zu beiden Seiten der Leinwand weiße, rote und blaue Luftballons, kunstvoll zu Spiralen angeordnet. Auf den Rängen trägt man Plastikhüte in den Farben des Sternenbanners. Patriotisch und schräg zugleich.

Chris Buckley findet, dass der Präsident den Vorsprung des Herausforderers aufgeholt hat. "Romney sprach zu verschachtelt, Obama war präziser", sagt der 21-Jährige. Auf den Nerv ging ihm, dass Romney nach fast jeder Frage betonte, was für eine wichtige Frage dies sei. " Ist doch klar, dass hier keiner blöd fragt."

Duell zweier Gentlemen

Die Stilkritik ändert nichts daran, dass Buckley weiter dem Republikaner zuneigt, womit er sich im liberalen Milieu der Universität klar in der Minderheit befindet. Chris' Freund Alex McGeough spricht vom glänzenden Comeback des Barack Obama. "Du hast gespürt, er kann noch kämpfen."

Allein die Körpersprache: Seine Berater scheinen ihm eingeschärft zu haben, möglichst viel zu gestikulieren. Einmal, als Romney im Stile eines Entertainers über die Bühne läuft, stellt er sich ihm jäh in den Weg. Da sieht es für ein paar Sekunden so aus, als rüsteten zwei Gentlemen in Maßanzügen zu einem bitterernsten Duell um die Ehre. "Sie kriegen Ihre Chance, jetzt spreche ich", wehrt Romney einen Einwurf Obamas ab.

Ständig fallen die beiden einander ins Wort, sodass Candy Crowley, die resolute Moderatorin von CNN, einschreiten muss. Schnell wird klar, dass eine polemische, ja gereizte Tonlage das Rennen auf der Zielgeraden noch prägen wird.

Inhaltlich versucht Romney, Obama als überforderten Akademiker hinzustellen. Obama seinerseits porträtiert den Rivalen als eine Art Wolf im Schafspelz. "Gouverneur Romney sagt, er habe einen Fünf-Punkte-Plan. Falsch, er hat einen Ein-Punkte-Plan. Der Plan ist sicherzustellen, dass die Leute ganz oben nach anderen Regeln spielen dürfen."

Als der Ex-Gouverneur von Massachusetts dem Ex-Senator von Illinois eine zu weiche Handelspolitik gegenüber China ankreidet, wird Obama persönlich. Romney stecke als Investor Geld in Firmen, die massenhaft Jobs nach Asien ausgelagert hätten. "Herr Gouverneur, Sie sind der Letzte, der gegenüber China Härte an den Tag legen wird."

Fast zwangsläufig kommt die Rede auf den Tod des US-Botschafters in Libyen, der am 11. September bei einem Angriff in Bengasi an den Folgen einer Rauchvergiftung starb. Der Republikaner wirft Obamas Riege vor, Warnungen fahrlässig ignoriert und das Geschehene tagelang falsch dargestellt zu haben. Romney sucht nach der Achillesferse des Außenpolitikers Obama. Und zieht den Kürzeren.

Zu suggerieren, seine Administration treibe politische Spielchen mit einer Tragödie, finde er beleidigend, antwortet Obama und legt seine Stirn in zornige Falten. "Ein Oberkommandierender tut so etwas nicht. Man macht aus der nationalen Sicherheit kein politisches Ding." Die Moderatorin schaltet sich ein: Der Präsident habe bereits am Tag nach dem Angriff von Terror gesprochen.

Da geht ein Raunen durchs Auditorium der Hofstra University, es ist die Passage, die sich die meisten merken werden. Sein Favorit, räumt auch Romney-Anhänger Buckley ein, habe als Weltstratege nicht gerade geglänzt - "bis Boca Raton muss er noch ganz schön üben". Dort, in Florida, steigt am Montag die dritte und letzte Präsidentschaftsdebatte. Einziges Thema: die Weltpolitik. (Frank Herrmann aus Hempstead/DER STANDARD, 18.10.2012)

  • "Überfordeter Akademiker" versus "Wolf im Schafspelz": Barack Obama im zweiten TV-Duell mit Mitt Romney.
    foto: epa/rick wilking

    "Überfordeter Akademiker" versus "Wolf im Schafspelz": Barack Obama im zweiten TV-Duell mit Mitt Romney.

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