Orang-Utans: Niedergang mit Hoffnungsschimmer

  • Majestätisch: Ein Männchen des Sumatra-Orang-Utans.
    foto: ellen meulmann, anthropologisches institut und museum, universität zürich

    Majestätisch: Ein Männchen des Sumatra-Orang-Utans.

Forscher für neue Strategie: Schutz von "Straßen" effektiver als der von Wohnflächen - Männchen wandern über weite Strecken

Zürich - Orang-Utans gliedern sich in zwei getrennte Populationen, die heute auch als eigene Arten betrachtet werden. Dem Borneo-Orang-Utan geht es mit der Einstufung "stark gefährdet" noch relativ gut: Einige zehntausend Tiere dürfte es auf Borneo noch geben. Sein Verwandter auf Sumatra hingegen ist vom Aussterben bedroht. Die Population wird auf etwa 6.600 Tiere geschätzt, ist zuletzt stark geschrumpft und zerfällt in mehrere verstreute Subpopulationen.

Auf Wanderschaft, des Überlebens wegen

Dennoch sehen Forscher der Universität Zürich eine Möglichkeit, die Spezies zu retten. Junge männliche Orang-Utans wandern nämlich über weite Strecken und können so die Distanzen zwischen den isolierten Subpopulationen, die oft nur wenige Dutzend Tiere umfassen, überwinden. Für das Überleben der Art ist ein solcher genetischer Austausch wichtig. Eine aktuelle Studie von Anthropologen der Universität Zürich, welche im "Journal of Heredity" publiziert wird, macht Hoffnung, dass sich dieses Verhalten zur Erhaltung der Art nutzen lässt.

Die Populationsstruktur auf Sumatra wurde über Jahrtausende durch natürliche Hindernisse wie Flüsse und Bergketten geschaffen und aufrecht erhalten. Die Forscher konnten jedoch feststellen, dass mehrere Orang-Utans zwar in der derselben Region geboren worden waren, in der man sie fand - zugleich aber, dass ihre Väter ein charakteristisches genetisches Profil eines anderen Teils der Insel hatten. Dies ist ein klarer Hinweis darauf, dass junge männliche Orang-Utans weite Distanzen zurücklegen, um sich fernab ihres Geburtsortes niederzulassen.

"Damit schlagen sie zwei Fliegen mit einer Klappe", folgert Alexander Nater, Erstautor der Studie, und erklärt: "Sie vermeiden einerseits den Konflikt mit den lokalen dominanten Männchen und erhöhen dadurch ihre Chancen, sich erfolgreich fortzupflanzen. Gleichzeitig reduzieren sie so auch das Risiko, sich mit eng verwandten Weibchen ihres Geburtsortes zu paaren."

Orang-Utan-Straßen

Daher fordern die Forscher einen Strategiewechsel beim Artenschutz: Bislang haben sich die Artenschutzkampagnen vor allem auf die Torfsumpfwälder an der Nordwestküste Sumatras konzentriert, wo sowohl Orang-Utans in hoher Dichte leben als auch ein großes Interesse an wirtschaftlicher Nutzung besteht. Die neue Studie legt hingegen nahe, besser gezielt die "Orang-Utan-Straßen" zu schützen - also jene Regenwaldgebiete, die für den genetischen Austausch innerhalb der Insel eine wichtige Rolle spielen.

Mit den neuen Ergebnissen sollte sich der Fokus insbesondere auf die wirtschaftlich weniger interessanten, bergigen Inlandregionen in Nordsumatra richten: "Diese Bergwälder beherbergen selber zwar keine lebensfähigen Orang-Utan-Populationen, man darf ihren Wert für den Schutz dieser Art aber keinesfalls unterschätzen, weil die wandernden Orang-Utan-Männchen diese Habitate auf der Suche nach der nächsten Population durchqueren und so die genetische Vielfalt aufrechterhalten. In der Strategie zur Erhaltung der Sumatra-Orang-Utans sollte diesen Bergregionen daher eine wichtige Rolle zukommen", zieht der Anthropologe Carel van Schaik, Mitautor der Studie, sein Fazit.

Genetisches Zeugnis des Rückgangs

Darüberhinaus zeigte sich in der Studie, dass ein dramatischer Populationsrückgang der Orang-Utans erst in jüngster Zeit stattgefunden hat: "Die Tiere aus einem der untersuchten Gebiete der Westküste zeigen einen sehr hohen Grad an genetischer Diversität", erläutert Alexander Nater. "Diese genetische Vielfalt ist ein klarer Indikator für eine historisch große Population. Da jedoch in dieser Gegend derzeit nur rund 400 Orang-Utans leben, muss davon ausgegangen werden, dass die Population erst vor Kurzem dramatisch abgenommen hat." (red, derStandard.at, 21.10.2012)

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