Geheimprivilegien für die Flakturm-Plattformen in Wien-Mariahilf

Blog | Thomas Rottenberg, 18. Oktober 2012, 00:05
  • Der Aufgang zum Flakturm im Esterhazypark ist für eine bestimmte Gruppe gratis - aber kaum jemand weiß darüber Bescheid.
    vergrößern 800x505
    foto: apa/georg hochmuth

    Der Aufgang zum Flakturm im Esterhazypark ist für eine bestimmte Gruppe gratis - aber kaum jemand weiß darüber Bescheid.

Auf die Aussichtsplattformen am Haus des Meeres darf jeder. Manche müssten dafür nicht einmal bezahlen. Bloß: Die meisten Begünstigten haben von diesem Privileg noch nie gehört

Manchmal muss man gar nicht wichtig sein. Man muss niemanden kennen. Und das Alfons Haider'sche Diktum, dass "manche Leute in diesem Land einen Ausweis brauchen - und andere ein Gesicht haben", muss auch nicht auf einen zutreffen: Mitunter kann sogar der Meldezettel zum VIP-Ausweis mutieren. Wenn man Bescheid weiß.

Aber der Reihe nach: Ich wohne in Mariahilf. Schon lange. Auch deshalb habe ich den Esterhazy-Flakturm oft auf dem Radar. Ich klettere fast so gerne wie schlecht an dem Klotz rum. Die Fische sind zum Kinderbespaßen denkbar unoriginell - aber eine sichere Bank. Und die Aussicht von oben ist genial. Seit ich mit der Ausrede "Job" im Augarten, im Arenbergpark und eben in Mariahilf auf die Türme durfte, ärgere ich mein Umfeld mit Erzählungen. Was sie versäumen, weil sie nicht ... und so weiter.

Gesperrte und offene Türme

Im Arenbergbunker kam man mit Glück (ich habe nie kapiert, nach welchen Kriterien) von der MAK-Sammlung auf die "Ohrwascheln". Ganz hinauf durften Normalsterbliche nie. Blöderweise ist der Turm "bis auf weiteres" wegen "unvorhergesehener Sanierungsarbeiten" geschlossen, sagt die MAK-Homepage. Die Augartentürme sind noch geiler - aber für das Volk noch unerreichbarer

Anders im Esterhazypark: Der Rundlauf ist Aussichtsplattform. Man muss kein Fisch-Ticket-lösen: Wer halbwegs gut zu Fuß ist, darf um vier Euro über die Nottreppe außen hinaufstapfen - und 40 Meter über dem Boden die Stadt erleben. Weiter rauf geht es bisher nicht. Das soll sich aber ändern, erzählte unlängst der Chef des Bunkeraquariums.

Weiterhin gratis?

Freilich nicht für alle: Der Direktor bedauerte, dass es aufgrund der Knüppel, die das Haus des Meeres von der Stadt mit schöner Regelmäßigkeit vor die Beine geworfen bekommt (siehe auch Ein Wiener Flakturm, der nach innen wächst), auch in Zukunft nicht möglich sein werde, nur zur Aussicht mit Rollstuhl oder Gehhilfe hinauf zu kommen: "Wir hätten, wenn wir die Außenlifte bauen hätten dürfen, natürlich auch die oberste Ebene allen Bezirksbürgern weiterhin gratis zugänglich gemacht. So geht das eben nur zu Fuß und bis zu den Ohrwascheln. Aber das bleibt so."

Ich stutzte: Was denn "weiterhin gratis" und "das bleibt so" bedeuten würden? Der Direktor wunderte sich: Es sei bekannt, dass der Besuch der Außenplattform seit langem für Mariahilfer gratis sei. "Als Dankeschön, dass die Anrainer mit Zweidrittelmehrheit unseren Aufbauwünschen zugestimmt haben." Ungeachtet der Tatsache, dass Rathaus und Magistrat alles von den Bürgern Genehmigte sukzessive unter jede Sinn- und Rentabilitätsgrenze gestutzt hätten, "gilt unser Versprechen", so der Aquariumschef.

Postleitzahlbefragung zum Ticket

Dass ich davon nie gehört hatte, konnte sich der Direktor nicht erklären: Jeder im Bezirk wisse das. Es stehe ja auch groß bei der Treppe. Das "Privilegium sechstum" ließ mir keine Ruhe: Das Schild beim Aufgang fand ich nicht - nur einen kleinen Hinweiszettel neben dem Eingang zum Haus des Meeres: Okay, ich bin oft unaufmerksam.

Also fragte ich Menschen mit meiner Postleitzahl: den Trafikanten. Den Optiker. Die Ärztin. Zwei Bezirksräte unterschiedlicher Parteien. Den Modemacher und seinen Freund. Kollegen. Freunde. Nachbarn. Lokalbetreiber. Sogar einen Fiakerkutscher und einen Fremdenführer: Davon, dass der Meldezettel ein Ticket sei, hatte keiner je gehört. "Soll ich den Zettel bei der Kassa vorlegen? Das klingt ein bissi grotesk", war eine der Antworten.

Der Meldezettel bringt's tatsächlich

Aber es funktioniert. Obwohl die Dame an der Kassa einräumte, "nicht sehr oft Meldezettel zu sehen". Doch als wir dann an einem der letzten schönen Tage auf dem Südwestohrwaschel zur Gloriette blinzelten und mitgebrachte Sushi genossen, poppte ein Verdacht auf: Was, wenn es noch 1001 ähnliche Privilegien gibt - aber niemand von ihnen weiß? Gratifikationen, für die man dann Freischwimmerausweis, das erste Volksschul-Halbjahreszeugnis, Nutella-Banderole oder Thermenwartungsrechnung vorlegen muss?

Gibt es - im Land der Schnorrer, Privilegiensammler und Schnäppchenjäger - denn nirgendwo einen Überblick über solche Vorteile? Und wenn ja: Wo? Wie googelt man sowas? Oder ist vorstellbar, dass das Haus des Meeres als Monolith der seltsamen Vergünstigungen allein auf weitem Felde steht? Das wäre schade. Schließlich birgt der Gedanke, dass ein Meldezettel tatsächlich für etwas gut sein könnte, fast etwas Tröstliches. Man müsste es nur wissen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 18.10.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 175
1 2 3 4

Wahnsinn, nur die Mariahilfer kommen gratis rauf? Das ist doch Diskriminierung aufgrund der Herkunft!

Google für Schnorrer?

Einfach Niki Lauda fragen.

mitgebrachtes sushi

....mei, da waren sie dann dort, im bobohimmel, die derstandardschreiberlinge...

Wenn Sie im Fünften wohnen und geboren sind, haben Sie auch ein sehr spezielles Privileg.

Gehen Sie zwischen 17 und 18 Uhr in eines der vielen Lokale des nicht amtsführenden Bezirksrat (es gibt nur einen einzigen in Wien) - sie sind in einem Quadrat angeordnet. Dann gibt es angeblich ein Achterl vom Haus, weil dazu hat sich der Bezirksrat verpflichtet - als Gegenleistung dafür, dass vor seinen Lokalen zu Werbezwecken das ganze Jahr die Weihnachtsbeleuchtung hängt und die öffentliche hand für die Stromkosten aufkommt.

Herzelichst
Ihr Lappe

tja, ich fands nicht so schwierig auf den arenbergparkturm raufzukommen. auch ganz rauf auf die ohrwascheln. allerdings geht man mit höhenangst sicher nicht bis ganz zum rand. die aussicht ist wirklich sehr genial.

gibt es in unseren schönen Fremdenverkehrsorten noch den Einheimischenausweis?
Soviel ich weiß, wurde von der EU seinerzeit in Prag der Einheimischen Rabatt verboten - Touristen zahlten höhere Theater- und Museumseintrittpreise.

Ermäßigung

Bei den Innsbrucker Bergbahnen "Einheimisch" verlangen und ein paar Euro sparen ( mit Tiroler Akzent)

"Einheimisch...chkkkk."

Lieber Rottenberg !

Auch wenn Sie in der Schönbrunner Straße wohnen, sollten Sie wissen, dass im Esterhazypark kein Flakturm steht, sondern nur ein Richtturm. Auf diesem war das Sonar zur Ortung der feindlichen Flieger installiert. Der dazugehörige Flakturm steht in der Stiftskaserne.

auch nur halbrichtig

Sonar verwendet man unter Wasser
Auf dem Feuerleitturm stand die Entfernungsmessanlage, die Richtung und Enfernung bzw. Flughöhe der anfliegenden Maschinen an den Geschützturm übermittelte. Die Messung erfolgte optisch und nicht elektrisch/elektronisch. Genau deswegen gibt es zu jedem Geschützturm einen Leitturm - deren oberste Plattformen exakt auf der gleichen Höhe lagen um die gemessenen Werte direkt an die Richtschützen weitergeben zu können ohne noch Höhenkorrekturen vornehmen zu müssen - und weil im Rauch der feuernden Geschütze eine optische Messung nicht möglich gewesen wäre...

... wenn Sie schon so gscheit sind, sollten Sie wiederum wissen, dass die Schönbrunner Str. nicht in Mariahilf ist.

Sagen Sie das doch dem Hrn. R.!

Der hat sich ja als Mariahilfer ausgegeben um den Artikel dramaturgisch upzugraden...

Herzelichst
Ihr Lappe

bei meiner oma sind die schnitzel gratis... aber nur für mich

dann bin ich jetzt öfters du.

Auch im Achten gibts was gratis

Und Post von der Bezirksvorsteherin. Das geht dann immer vom Briefkasten zum Altpapier.

tolle story.

Flakturm

In der Stiftkaserne steht auch ein solcher Turm. Darf frau, mann da auch rauf ohne beim Heer zu sein?
Vielleicht am 26.10?

Im übrigen, ich will den Augarten mal von oben sehen.

Google Earth!

Uns haben sie vor 5 Jahren gesagt, dass der so baufällig sei, dass deswegen eh niemand hinauf will.

Eventuell auch nur eine Behauptung um fadisierte Rekruten vom Herumschnüffeln abzuhalten.

bunkeranlage zum schutz der bundesregierung

i glaub ned daßt auf dem herumkraxeln derfst, oba waun daun bitte bitte büda

hat man sich auch schon überlegt,

dass diesem "privileg" schlicht und einfach eu-gesetze entgegenstehen? eintrittprivilegien nach wohnort sind in dieser form unzulässig. vgl. diskussion um bahn auf die feste salzburg, die für einheimische auch verbilligt ist (war)

unerhört! gleich alle verklagen!

war - das gabs noch bis vor ein paar Jahren allerdings

Stimmt gar nicht - z. Bsp Gesetze bezüglich Anrainer und parkende Autos sind unterschiedlich je nachdem wo man wohnt - und das ist EU konform.

Bitte hören sie auf Sachen zu schreiben die so pauschal nicht stimmen.

vermutlich werden sie derjenige sein, der sich beschweren geht...

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 175
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.