Türkischer Starpianist wegen Herabwürdigung religiöser Lehren vor Gericht

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Fazil Say muss sich für Twitter-Nachrichten verantworten - Ihm drohen bis zu drei Jahre Haft

2001 hatte der Komponist Fazil Say dem Gedicht "Der Vaterlandsverräter" des berühmten türkischen Literaten Nazim Hikmet ein Oratorium gewidmet - Nun ist der 42-jährige Say selbst in der Rolle des angeblichen "Nestbeschmutzers" und "Verräters". Er könnte wegen "Herabwürdigung religiöser Lehren" für zwei Tweets bis zu drei Jahre Haft nach Paragraf 216 des türkischen Strafgesetzbuches ausfassen. Resigniert stellt er in einem Interview fest: "Mein Land, das mir immer als Inspiration diente, ist nun gegen mich."

Ein genialer, doch exzentrischer Komponist

Der Sohn aus gutem Hause, dessen Vater Musikwissenschaftler und Schriftsteller war, kam mit einer Gaumenspalte auf die Welt. Nach der Operation wurde Say vom Arzt empfohlen, er möge ein Blasinstrument erlernen, um die durch die Gaumenspalte beeinträchtigte Mundmuskulatur zu stärken. Schnell wurde klar, dass der junge Fazil ein Talent für Musik hatte. Die Eltern schenkten ihm eine elektronische Orgel, die ihn Beethoven und Mozart näher brachte - und nicht mehr losließ.

1985 vom US-amerikanischen Komponisten David Levine in Ankara während eines Workshops entdeckt, kam er zwei Jahre später nach Düsseldorf in eine so genannte "Meister-Klasse" für Klavier. 1994 gewann er mit dem Young Concerts Artists International Auditions in New York einen Wettbewerb, der seinen internationalen Durchbruch bedeutete. Fortan spielte er weltweit, unter anderem bei den Salzburger Festspielen. Seine Wahlheimat hatte der in Ankara gebürtige Komponist in Istanbul gefunden und galt seither als Vorzeigekünstler der Türkei.

2007 allerdings brachte er die Öffentlichkeit gegen sich auf, als er die in der Türkei äußerst populäre Musikform "Arabesk" als „Proletenmusik" herabminderte. "Wir machen Musik, wir kochen hier keine Melanzani", hatte er im Hinblick auf die Arabesk-Musiker gespottet und damit auch liberale Kolumnisten und den als aufgeschlossen geltenden Kultusminister Ertuğrul Günay der regierenden AKP empört.

Der Boulevard erwacht

Der türkische Boulevard wurde damit nun endgültig auf ihn aufmerksam. Die türkischen Boulevard-Medien gingen so weit, dass sie akribisch Says Facebook- und Twitter-Accounts verfolgten. "Du sagst, durch die Bäche wird Wein fließen, ist das Paradies etwa eine Schänke? Ich werde jedem Gläubigen zwei Jungfrauen geben, sagst du, ist das Paradies etwa ein Freudenhaus?", hatte der Komponist im April dieses Jahres retweetet. Dieser Retweet, ein angebliches Zitat des berühmten Mathematikers und Dichters Omar Chayyam, hatte für mediale Aufmerksamkeit gesorgt und schließlich die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen.

Daraufhin fand sich ein weiterer Tweet auf Says Account: "Der Muezzin trägt seinen Gebetsruf zum Abendgebet in 22 Sekunden vor. Prestissimmo con fuoco!!! Warum diese Eile? Eine Geliebte? Der Raki-Tisch?" Dieser vom medialen Echo begleitete Tweet hatte endgültig die Stimmung gegen Say gekehrt. Da Staatsanwälte in der Türkei nicht weisungsgebunden sind, reichten einfache Anzeigen von Privatpersonen, um im Rahmen des türkischen Strafgesetzbuches Ermittlungen aufzunehmen - am 18.10. soll sich Say nun vor Gericht verantworten. Ihm drohen bis zu drei Jahre Haft.

"Hetze" oder freie Meinungsäußerung

Die Türkei hat eine unrühmliche Vergangenheit im Umgang mit den eigenen Intellektuellen, Künstlern und Kulturschaffenden. Insbesondere der in der Türkei äußerst beliebte Twitter-Dienst scheint nun stärker in den Fokus von Staatsanwälten zu rücken. Auch der armenisch-stämmige Publizist Sevan Nişanyan soll nach Wunsch der Jugendorganisation der islamischen-konservativen Saadet Partei für seine Tweets belangt werden. Nişanyan hatte sich via Twitter über den Propheten Mohammed geäußert und diesem unlautere Motive im Rahmen seiner Religionsgründung unterstellt.

Der bekennende Atheist Say, der in der Vergangenheit nicht mit harscher Kritik an der konservativen Politik der AKP-Regierung gespart hatte, bekommt währenddessen Unterstützung von der bekannten türkischen Tänzerin Zeynep Tanbay: "Wenn Fazil Say verurteilt wird, dann bedeutet das, dass es in der Türkei keine Meinungsfreiheit gibt", wird sie in sie in der liberalen türkischen Tageszeitung "Taraf" zitiert. 

Prozess vertagt

Der Prozess gegen den Pianisten wurde auf das nächste Jahr vertagt. Den Medien gegenüber hatte der türkische EU-Minister Egemen Bağış den Prozess gegen Say bedauert: "Hätte er uns (die Türkei, Anm.) nur nicht in diese Lage gebracht." (Aksak Rusen Timur, derStandard.at, 17.10.2012)

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