Österreich souverän, Kasachstan ängstlich: Wien war nicht Astana

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  • Österreich nahm in Wien mehr Risiko und hatte gegen den tief stehenden Gegner mit Janko mehr Angriffsoptionen. Kasachstan griff mit dem 4-5---1 taktisch daneben.
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    Österreich nahm in Wien mehr Risiko und hatte gegen den tief stehenden Gegner mit Janko mehr Angriffsoptionen. Kasachstan griff mit dem 4-5---1 taktisch daneben.

  • Zum Vergleich das Spiel in Kasachstan: Die Kasachen konnten dank Pressing der Doppelspitze den Spielaufbau der Österreicher stören und deren defensives Mittelfeld aus dem Spiel nehmen. (Analyse von ballverliebt)
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    Zum Vergleich das Spiel in Kasachstan: Die Kasachen konnten dank Pressing der Doppelspitze den Spielaufbau der Österreicher stören und deren defensives Mittelfeld aus dem Spiel nehmen. (Analyse von ballverliebt)

Das ÖFB-Team zeigte nach dem Dämpfer von Astana viele richtige Reaktionen, auch weil der Gegner diesmal seine Erfolgsrezepte nicht mehr einsetzte

Wenn man darüber spricht, was beim schmerzhaften Remis des ÖFB-Teams in Kasachstan am vergangenen Freitag nicht funktioniert hat, darf man zwei Dinge nicht außer Acht lassen. Erstens - auch wenn es eher eine Randnotiz als eine alles erklärende Ausrede ist - gab es einen Kunstrasen. Zweitens: Kasachstan war in der Defensive taktisch sehr gut auf den Gegner eingestellt. Und damit hat man auch zwei wesentliche Unterschiede zum Sieg in Wien am Dienstag genannt, noch bevor man über das Heimteam von Marcel Koller gesprochen hat.

Kasachstan rückte im Ernst-Happel-Stadion nicht wie in der Astana Arena mit zwei Stürmern an, die ein offensives Pressing anführten. Stattdessen knallte Trainer Miroslav Beranek eine dicht davor stehende Fünferkette vor eine enge Verteidigungslinie auf den Rasen, die mit der isolierten Solospitze Sergei Gridin keinerlei Verbindung fand.

Das erlaubte den Gastgebern, sich auf allen Ebenen des Angriffs besser zu entfalten. Die Innenverteidiger hatten mehr Zeit, das Spiel zu eröffnen. Vor allem der in beiden Spielen überragende Sebastian Prödl nutzte das, um etwas ins Zentrum aufzurücken. Emanuel Pogatetz blieb farbloser, sicherte vor allem ab. Das defensive Mittelfeld konnte in der Folge ohne großen Druck nach Belieben den Takt vorgeben, und auch die Außenverteidiger durften voll darauf vertrauen, hinten nicht gebraucht zu werden.

Geschenk angenommen und genutzt

Österreich nutzte diese Räume souverän, zog vor allem über die Seiten deutlich besser harmonierende Dreiecke auf. Obwohl Florian Klein und Christian Fuchs gar nicht so oft den Weg bis an die Grundlinie suchten (der Schalker etwas öfter als der Salzburger) und Flanken seltener als erwartet geschlagen wurden, rückten sie weiter auf, als es in Astana von dieser Position aus geschehen ist. Das verlieh dem Spiel Breite und verhinderte mit, dass Kasachstan gegen den Ball so kompakt und giftig arbeiten konnte wie zuletzt.

In der Mitte stabilisierte vor allem Veli Kavlak die Abwehr. Zwar beteiligte auch er sich immer wieder am Angriffsspiel und dirigierte aus der Tiefe, er erlaubte es aber hauptsächlich David Alaba, bei seinem Comeback den offensiveren Freigeist in der Mitte zu spielen. 

Alaba bei Comeback stark

Den Unterschied, den Alaba macht, kann man kaum genug bewundern. Obwohl mit Kavlak und Julian Baumgartlinger Spieler mit großem Potenzial und ihren eigenen Qualitäten als Alternative bereitstehen, funktioniert das Offensivspiel einfach besser, wenn der Bayern-Legionär an der Seite eines der beiden ist. Selten hatte man das Gefühl, dass Alaba den Ball verlieren könnte. Er strahlte am Ball Ruhe aus, nahm an den richtigen Stellen das Risiko für Schlüsselpässe.

Der Teamchef erkannte das bei der Nachbetrachtung am Mittwoch ebenfalls: "Er kann mit seiner Spielintelligenz und technischen Fertigkeit jede Position spielen. Für uns ist er im Zentrum wichtig, und das möchte ich so beibehalten". Die Aufstellung des gerade erst von einer Verletzung zurückgekehrten Jungstars war trotzdem gewissermaßen Zockerei: "Er hat schon in der ersten Hälfte durchgeschnauft, da habe ich mir gedacht, hoffentlich reicht es bis zur Pause".

Arnautovic wieder gut

Marko Arnautovic war in Kasachstan der bemühteste Angreifer. Auch diesmal arbeitete er über die gesamte Spieldauer auf ein Tor hin. Wie Alaba durfte er zwei Assists zu seiner Bilanz hinzufügen. Mit Solos und geschickten Pässen bereitete er der kasachischen Abwehr immer wieder Kopfschmerzen. "Ausschlaggebend war, dass Marko das gespielt hat, was wir von ihm verlangt haben", beurteilte Koller die Leistung des 23-jährigen, die er erst bei 60 oder 65 Prozent des Potentials sieht: "Er braucht noch Zeit, und die werde ich ihm geben. Ich werde aber auch immer wieder sticheln".

Bei Arnautovic kehrte wie beim gesamten Team die Präzision am gewohnten Naturrasen in der gewohnten Zeitzone zurück. Österreich hatte über praktisch die gesamte Spieldauer Ballbesitzanteile von unglaublichen 80 Prozent, benötigte bis zur 36. Minute kein Foul, Robert Almer musste im Tor nicht ein Mal eingreifen. 

Standard befreit Team

Das Team kam auch immer wieder zu Chancen. Einem ersten Schuss von Marc Janko (6.) folgten einer ans Außennetz (9.) und ein abgewehrter (15.) von Martin Harnik und einer neben das Tor von Alaba (16.). Nach einer etwas kuriosen Ecke traf Alaba die Stange (27.), unmittelbar davor forderte Arnautovic in einem der wenigen Konter Keeper Andrei Sidelnikow. Harnik ferselte einen Ball daneben (29.), Arnautovic scheiterte mit einem weiteren Schuss (31.), der von Klein wurde abgeblockt (32.).

Trotz Überlegenheit und Chancen benötigte es aber zwei der oft gar nicht besonders zwingend ausgeführten, doch schlecht verteidigten Standardsituationen, um Österreich in Führung zu bringen. Sowohl beim 1:0 (24., nach Ecke) als auch beim ähnlichen 2:0 (63., nach Einwurf) nutzte Alaba den Platz, den ihm die Gegner nach einem Eckball sträflicherweise ließen, um Janko mit Maßflanken zu bedienen. Diese Tore veränderten natürlich die Dynamik des Spiels. Koller meinte mit Verweis auf das Hinspiel: "Wenn Harnik zu Beginn das Tor macht, wäre die Partie so gelaufen wie in Wien".

Lob für Janko nicht nur wegen der Tore

Janko hatte sich seine beiden Treffer mit viel Arbeit mit und gegen den Ball redlich verdient. Vor allem gegen schwer zu knackende beziehungsweise extrem defensiv agierende Gegner (wie die Färöer im März) wird der Trabsonspor-Legionär vermutlich der Einserstürmer der Koller-Auswahl werden. Der Teamchef urteilte über seinen "Stürmer von internationalem Format": "Er ist immer präsent, wenn wir im Sechzehner sind, und hat auch zum Spielaufbau beigetragen".

Bei wenig Platz hinter den Abwehrreihen eröffnet Janko einfach mehr Optionen. Mit dem immer bemühten, aber derzeit vor dem Tor zu wenig kaltblütigen Harnik an der Seite und dem in Bremen immer besser werdenden Zlatko Junuzovic hinter sich hat er auch Spieler, die gut mit ihm zusammenarbeiten.

Draufgelegt

Eine negative Überraschung lag in Wien nie in der Luft.  Das zweite Tor erlaubte Österreich, es entspannter anzugehen. Kasachstan hatte bis dahin den Rückstand ignoriert und weiter tief verteidigt.

Das dritte Tor (71.), Alabas erster Länderspieltreffer, fiel dann aus dem Spiel beziehungsweise einem von Arnautovics vielen Energieschüben heraus. Dass in der Mitte am Ende ein Kasache verletzt am Boden lag, überzuckerten die Beteiligten etwas zu spät, um die Aktion noch abzubrechen. Nach der Zeitschinderei von Astana brauchen die Kasachen die kleine Ungerechtigkeit aber nicht allzu laut zu beklagen.

Koller stellt erfolgreich um

Mit der Hereinnahme von Jantscher statt Janko und dem Versetzen von Harnik in die Spitze gab Koller dem Team für die Schlussphase mehr Tempo, nachdem die Gäste doch etwas mehr aufgemacht hatten. Das ÖFB-Team spielte mit Ausnahme von Arnautovic in der Folge aber nicht mehr zwingend auf eine Verbesserung der Tordifferenz.

Trotzdem gelang sie: In der Nachspielzeit zeigte man noch einmal, dass man schnell umschalten kann, wenn der Gegner beim Aufrücken Fehler macht. Nach einem gekonnten Konter konnte auch Harnik seine Torsperre beenden (93.). Ein paar Minuten vorher war eine ähnliche Situation noch knapp am letzten Pass von Jantscher gescheitert (86.), einen weiteren Konter von Harnik (80.) unterbanden die Kasachen nur mit einem Foul.

Fazit: Pflicht gekonnt erledigt

Mit der Hereinnahme von Janko gab Koller dem Team die nötigen Zusatzoptionen. Sein Gegenüber Beranek half mit einigen schwer erklärbaren Umstellungen mit, die Österreich mehr Mut zum Risiko erlaubten. Es war kein Zittersieg wie vor zwei Jahren zu Hause und kein erfolgloses Anrennen wie zuletzt in Astana. Die Pflicht wurde diesmal schlicht erledigt. Das durfte man sich auch erwarten, schließlich wäre ein Sieg auch auswärts bereits verdient gewesen.

Aber es machte auch deutlich mehr Freude, dem Team bei dieser Aufgabe zuzusehen, als man nach dem Hinspiel befürchten musste. In den letzten fünf Spielen blieb man viermal ohne Gegentor. Mit vier Toren Unterschied hatte man zuletzt ein Freundschaftsspiel gegen Malta 2008 gewonnen. Für ein Pflichtspiel muss man dafür bis 2003 zur EM-Quali gegen Weißrussland zurückblicken (5:0).

"Nicht Weltspitze"

Trotzdem: Ein Sieg gegen Kasachstan ist auch in dieser Form kein Grund abzuheben (siehe dazu meinen Kommentar vom Wochenende). Die WM-Qualifikation kann man weiterhin nicht voraussetzen. "Es ist wichtig, dass man weiß, wo man herkommt. Wir sind nicht Weltspitze, wir sind nicht einmal unter den Top 30, das muss man sich vor Augen führen", sagte der Teamchef. Aber es geht weiter voran mit dem Team. Genau das muss und darf man sich erwarten. "Schlechte Tage können immer wieder kommen."

Übrigens: Mit dem Punkt von Schweden in Deutschland wird das Remis in Astana gewissermaßen hinfällig. Überraschende Ergebnisse außer Acht gelassen, würde Österreich nun auch mit den beiden verlorenen Punkte vier Zähler gegen die Skandinavier brauchen. "Doch Hochrechnungen bringen jetzt nichts", will der Trainer von solchen Gedankenspielen gar nichts wissen.

Mitte November testet das Team gegen die Elfenbeinküste, die im Jänner den Afrika Cup bestreitet. Der Stamm der Mannschaft wird dabei laut Koller nicht besonders verändert werde: "Der eine oder andere im Kader, der zuletzt nicht so oft gespielt hat, soll zum Einsatz kommen". (Tom Schaffer, derStandard.at, 17.10.2012)

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