Chinesische Christen

Blog16. Oktober 2012, 20:04
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In vielen Teilen Chinas gibt es christliche Minderheiten, die auf eine ganz eigene Missionierungsgeschichte zurückblicken

Religiöse Zugehörigkeit zuzuordnen ist in China ein schwieriges Unterfangen, da die meisten Chinesen sich als Atheisten beschreiben, obwohl sie faktisch keine sind - siehe den letzten Blog-Eintrag. Wikipedia zählt 30 Prozent der Bevölkerung zum Taoismus, 18 Prozent zum Buddhismus und 4 bis 5 Prozent zum Christentum. Fast die Hälfte der Chinesen sind offiziell Atheisten (42 Prozent) oder gehören den "Minoritäten-Religionen" wie dem Islam und bestimmten buddhistischen Strömungen (2 Prozent) an.

Christen sind demnach eine nicht zu vernachlässigender Teil der chinesischen Gesellschaft, und die absolute Zahl wird je nach Quelle auf mehrere zig Millionen geschätzt. Die chinesische Regierung beobachtet das Wachsen der christlichen Gemeinden mit Unbehagen; eine externe Religion, die somit schwer zu kontrollieren ist, ist potenziell gefährlich für die Einheit des Staates. Es gibt aber große Unterschiede und Spannungen zwischen den verschiedenen christlichen Gruppen.

Es begann mit den Missionaren

Abgesehen von der immer größeren Zahl von Chinesen, die seit Beginn der Reform- und Öffnungsperiode in den letzten Jahrzehnten in Großstädten Christen werden, entstanden in einigen Gegenden schon vor Jahrhunderten christliche Enklaven. Die Missionare brachten nicht nur die Religion, sondern auch Bräuche, Baustil und Alphabetisierung mit. Die Verträge, die den Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts folgten, ermöglichten eine Öffnung des Landes für westliche Wirtschaftstreibende - und Missionare.

Wo immer Missionare waren, wurden sie schnell aktiv, bauten Schulen, boten Ausbildungsmöglichkeiten in Medizin und Landwirtschaft an und waren durch Wohltätigkeitsarbeit wie die Verteilung von Lebensmitteln, die Versorgung der damals sehr hohen Zahlen von Drogenabhängigen und Waisen, Kranken et cetera auch sozial tätig. Es ist bekannt, dass sie sich öffentlich gegen ihrer Meinung nach rückständige Gewohnheiten aussprachen, etwa das Konkubinentum.

Die damit einhergehenden Spannungen fanden ihr Ventil beispielsweise im Boxer-Aufstand, der sich unter anderem gegen den christlichen Einfluss in der chinesischen Gesellschaft richtete. Es gab außerdem immer wieder Vorfälle, in denen der Volkszorn in spontane Überfälle auf christliche Gemeinschaften gipfelte.

Die katholische Kirche ist wenig erfolgreich

Laut Quellen der katholischen Kirche gehören die meisten Christen in China zu den Protestanten und davon wiederum die meisten zu diversen Pfingstgemeinden. Die Protestanten hatten in den letzten Jahrzehnten mit Abstand die größten Zuwachsraten, während die katholische Kirche eher wenige Konvertiten aufweisen kann. Katholiken sind aber auch weitaus stärker der staatlichen Verfolgung ausgesetzt als Protestanten.

Priestermangel

Die katholische Kirche in China hat aber auch mit anderen Problemen zu kämpfen. So gibt es bei weitem nicht genug Priester, um jeder Gemeinde oder auch nur jeder Kirche einen zuzuteilen. "Die Ausbildung innerhalb von China ist schwierig, und die Reise nach Europa, um idealerweise in Rom ausgebildet zu werden, ist politisch und wirtschaftlich äußerst schwierig", erzählte mir ein Priester, der für ein riesiges Gebiet zuständig ist und nur alle paar Wochen nach Hause kommt, um dort die Messe abzuhalten. "Außerdem werden immer wieder Priester eingesperrt, was die Situation nicht besser macht." Zudem gibt es einfach immer weniger Menschen, die Priester werden wollen.

Katholiken sind vor allem auf dem Land vertreten, wo die staatliche Kontrolle geringer ist und die Religion im Lauf der Jahre mehr mit den lokalen Gebräuchen vermischt wurde. Die Provinzen Hebei und Shanxi haben große katholische Gebiete. Während Katholiken sich auf die bestehenden Gemeinden konzentrieren, sind die Protestanten mehr in den Städten vorherrschend und viel aggressiver auf die Missionierung von Neumitgliedern ausgerichtet. Die Katholiken teilen sich in eine Strömung, die - oft aus taktischen Gründen - mit der kommunistischen Partei kooperiert, und einen Teil, der sich dem streng verweigert. Es gab historisch immer wieder Spannungen zwischen diesen zwei Gruppen.

Kirche als Neuorientierung

Heute werden in China häufig diejenigen Menschen Christen, die sich von den strengen Regierungsdoktrinen distanzieren wollen; in Europa würde man sie "alternativ Denkende" nennen. Studenten, die mit dem rigiden universitären und sozialen System nicht klarkommen, wenden sich häufig an neue, nichtchinesische Ideologien, von denen sie sich alternative Ansätze und Ideen versprechen. Die lokalen Kirchengemeinschaften bieten zudem gute Möglichkeiten für alternative Arbeitsplätze und Kontakt mit Gleichgesinnten. (An Yan, daStandard.at, 16.10.2012)

  • Diese Kirche steht in Nordyunnan. Sie ist eine Rekonstruktion einer während der Kulturrevolution zerstörten Kirche, die einst von portugiesischen Missionaren errichtet wurde.
    foto: an yan

    Diese Kirche steht in Nordyunnan. Sie ist eine Rekonstruktion einer während der Kulturrevolution zerstörten Kirche, die einst von portugiesischen Missionaren errichtet wurde.

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