Der Garten auf der Couch

  • Fast jede Nacht kommt er zu mir, macht ein paar Probebohrungen und gräbt
 sich dann irgendwo in den Beeten eine tiefe, breite Mulde, in die er 
beherzt hineinscheißt.
    foto: apa/daniel bockwoldt

    Fast jede Nacht kommt er zu mir, macht ein paar Probebohrungen und gräbt sich dann irgendwo in den Beeten eine tiefe, breite Mulde, in die er beherzt hineinscheißt.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Psychiater, und ein Garten kommt zu Ihnen - Redet er ständig vom Dachs, hat er keinen Dach(s)schaden - Das Problem liegt tiefer. Also beim Boden, meint Gregor Fauma

"Ich brauche Ihre Hilfe", sagt der Garten, lehnt sich zurück und schaut dem Gartenflüsterer mit einer Mischung aus Erwartungshaltung und Zweifel in die Augen. Zuvor hat er sich seinen Platz im Raum ausgesucht, sich in einer Couch niedergelassen und ein wenig seine Position verändert, bis er endlich zur Ruhe kam. Der Gartenflüsterer lächelt freundlich, zeigt ein offenes Gesicht und fragt nach, wie er konkret helfen könne. "Da muss ich ausholen", seufzt der Garten und beginnt zu erzählen.

Er erzählt, dass es ihn noch nicht lange gibt, dass er quasi in die Welt hineingesteckt wurde und irgendwie darunter leidet, noch auf keine Vergangenheit zurückblicken zu können. Der Garten verliert sich bei der Schilderung in Details. Er schildert exakt, auf welch' elendem Substrat er gedeihen soll, er beschreibt fast minutiös jede neue Pflanze, die der Garteneigner in ihn hineingedrückt hat, und beschwert sich recht emotional über den letzten Spätfrost im Mai 2012. Erst hört der Gartenflüsterer hochkonzentriert zu.

Er spricht in Bildern

Er stellt fest, dass der Garten fast nur in Bildern spricht, spürt die Emotionalität beim Thema Wetterfaktoren und entschließt sich dann, den Garten zu unterbrechen. Er macht das eigentlich ungern, aber in diesem Fall war es notwendig. Er formuliert vorerst eine ehrliche Problemwürdigung und schreibt dann auf einem Flipchart die wesentlichen Themen, die der Garten im Redeschwall so genannt hat, nieder. Sie betrachten die Themen gemeinsam, und dann fragt der Gartenflüsterer, welches denn heute und jetzt behandelt werden soll.

Nach einigen Momenten der Stille fängt der Garten zu nicken an und sagt: "Den Boden bitte. Der macht mich wahnsinnig." "Was ganz konkret soll sich denn ändern?", möchte der Gartenflüsterer wissen. Alles, meint der Garten. Die Erde ist viel zu dicht, zu schwer. Es ist fast unmöglich, dass die Pflanzen hier gut verwurzeln. Zwar habe der Garteneigner eh schon etwas unternommen, Sand, neue Erde und auch Kompost eingearbeitet, aber leider erst an wenigen, ausgesuchten Stellen.

Was den Garten wirklich wurmt

Es gibt immer noch viel zu wenig Bodenfauna. Es fehlen die roten Kompostwürmer, die klassischen Regenwürmer, es fehlt an den unzähligen Mikroorganismen, die einen Boden lockern, aufbereiten und für Pflanzenwuchs optimieren. Es entsteht eine stille Pause. Gemeinsam atmen der Garten und der Gartenflüsterer aus. Der Gartenflüsterer fragt, ob es denn noch weitere Ressourcen, abgesehen vom Garteneigner, gäbe, die ihn beim Bodenverbessern unterstützen könnten. Der Garten denkt lange nach. "Wahrscheinlich brauche ich mehr Geduld", antwortet er, und schweigt eine Weile.

Ein Fenster der Erkenntnis geht in diesem Moment spürbar auf. "Geduld", sagt er, "und eine große Portion von noch unreifem Kompost, mit vielen Fasern, mit Sand - und natürlich wünsche ich mir ein wenig Torf in meiner Erde - auch wenn das verpönt ist. Mir täte es gut." Der Gartenflüsterer interessiert sich jetzt, ob es da schon Zusagen vom Garteneigner gäbe, ob sich der diesbezüglich schon geäußert hätte. Dies kann der Garten bejahen, um sich letztendlich einzugestehen, dass er einfach zu ungeduldig ist.

Er weiß genau, dass ein balanciertes Gleichgewicht zwischen Substrat, abbauenden Mikroorganismen, Pilzen, Pflanzen und Feuchtigkeit seine Zeit braucht. "Wer mir dabei wirklich hilft", entfährt es ihm emotional, "ist der Dachs. Fast jede Nacht kommt er zu mir, macht ein paar Probebohrungen und gräbt sich dann irgendwo in den Beeten eine tiefe, breite Mulde, in die er beherzt hineinscheißt. Das ist genau der Dünger, den mein Boden so dringend braucht. Und Gott sei Dank schüttet mein Eigner dieses Loch dann mit Erde zu, auf dass nichts verlorengeht."

"Mir scheint", resümiert der Garten für sich zufrieden, "dass mir Zeit, Dachs und mein Eigner eh gute Verbündete sind, wenn es um meinen Boden geht. Die Erkenntnis beruhigt mich. Können wir das nächste Mal über die Pflanzenauswahl reden?" (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 19.10.2012)

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