Der Garten auf der Couch

Gregor Fauma, 23. Oktober 2012, 17:03
  • Fast jede Nacht kommt er zu mir, macht ein paar Probebohrungen und gräbt
 sich dann irgendwo in den Beeten eine tiefe, breite Mulde, in die er 
beherzt hineinscheißt.
    foto: apa/daniel bockwoldt

    Fast jede Nacht kommt er zu mir, macht ein paar Probebohrungen und gräbt sich dann irgendwo in den Beeten eine tiefe, breite Mulde, in die er beherzt hineinscheißt.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Psychiater, und ein Garten kommt zu Ihnen - Redet er ständig vom Dachs, hat er keinen Dach(s)schaden - Das Problem liegt tiefer. Also beim Boden, meint Gregor Fauma

"Ich brauche Ihre Hilfe", sagt der Garten, lehnt sich zurück und schaut dem Gartenflüsterer mit einer Mischung aus Erwartungshaltung und Zweifel in die Augen. Zuvor hat er sich seinen Platz im Raum ausgesucht, sich in einer Couch niedergelassen und ein wenig seine Position verändert, bis er endlich zur Ruhe kam. Der Gartenflüsterer lächelt freundlich, zeigt ein offenes Gesicht und fragt nach, wie er konkret helfen könne. "Da muss ich ausholen", seufzt der Garten und beginnt zu erzählen.

Er erzählt, dass es ihn noch nicht lange gibt, dass er quasi in die Welt hineingesteckt wurde und irgendwie darunter leidet, noch auf keine Vergangenheit zurückblicken zu können. Der Garten verliert sich bei der Schilderung in Details. Er schildert exakt, auf welch' elendem Substrat er gedeihen soll, er beschreibt fast minutiös jede neue Pflanze, die der Garteneigner in ihn hineingedrückt hat, und beschwert sich recht emotional über den letzten Spätfrost im Mai 2012. Erst hört der Gartenflüsterer hochkonzentriert zu.

Er spricht in Bildern

Er stellt fest, dass der Garten fast nur in Bildern spricht, spürt die Emotionalität beim Thema Wetterfaktoren und entschließt sich dann, den Garten zu unterbrechen. Er macht das eigentlich ungern, aber in diesem Fall war es notwendig. Er formuliert vorerst eine ehrliche Problemwürdigung und schreibt dann auf einem Flipchart die wesentlichen Themen, die der Garten im Redeschwall so genannt hat, nieder. Sie betrachten die Themen gemeinsam, und dann fragt der Gartenflüsterer, welches denn heute und jetzt behandelt werden soll.

Nach einigen Momenten der Stille fängt der Garten zu nicken an und sagt: "Den Boden bitte. Der macht mich wahnsinnig." "Was ganz konkret soll sich denn ändern?", möchte der Gartenflüsterer wissen. Alles, meint der Garten. Die Erde ist viel zu dicht, zu schwer. Es ist fast unmöglich, dass die Pflanzen hier gut verwurzeln. Zwar habe der Garteneigner eh schon etwas unternommen, Sand, neue Erde und auch Kompost eingearbeitet, aber leider erst an wenigen, ausgesuchten Stellen.

Was den Garten wirklich wurmt

Es gibt immer noch viel zu wenig Bodenfauna. Es fehlen die roten Kompostwürmer, die klassischen Regenwürmer, es fehlt an den unzähligen Mikroorganismen, die einen Boden lockern, aufbereiten und für Pflanzenwuchs optimieren. Es entsteht eine stille Pause. Gemeinsam atmen der Garten und der Gartenflüsterer aus. Der Gartenflüsterer fragt, ob es denn noch weitere Ressourcen, abgesehen vom Garteneigner, gäbe, die ihn beim Bodenverbessern unterstützen könnten. Der Garten denkt lange nach. "Wahrscheinlich brauche ich mehr Geduld", antwortet er, und schweigt eine Weile.

Ein Fenster der Erkenntnis geht in diesem Moment spürbar auf. "Geduld", sagt er, "und eine große Portion von noch unreifem Kompost, mit vielen Fasern, mit Sand - und natürlich wünsche ich mir ein wenig Torf in meiner Erde - auch wenn das verpönt ist. Mir täte es gut." Der Gartenflüsterer interessiert sich jetzt, ob es da schon Zusagen vom Garteneigner gäbe, ob sich der diesbezüglich schon geäußert hätte. Dies kann der Garten bejahen, um sich letztendlich einzugestehen, dass er einfach zu ungeduldig ist.

Er weiß genau, dass ein balanciertes Gleichgewicht zwischen Substrat, abbauenden Mikroorganismen, Pilzen, Pflanzen und Feuchtigkeit seine Zeit braucht. "Wer mir dabei wirklich hilft", entfährt es ihm emotional, "ist der Dachs. Fast jede Nacht kommt er zu mir, macht ein paar Probebohrungen und gräbt sich dann irgendwo in den Beeten eine tiefe, breite Mulde, in die er beherzt hineinscheißt. Das ist genau der Dünger, den mein Boden so dringend braucht. Und Gott sei Dank schüttet mein Eigner dieses Loch dann mit Erde zu, auf dass nichts verlorengeht."

"Mir scheint", resümiert der Garten für sich zufrieden, "dass mir Zeit, Dachs und mein Eigner eh gute Verbündete sind, wenn es um meinen Boden geht. Die Erkenntnis beruhigt mich. Können wir das nächste Mal über die Pflanzenauswahl reden?" (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 19.10.2012)

  • Fauma & Flora

    Das Rückgrat der Fisole [4]

    TitelbildBohne, Zucchini und Kürbis brauchen eine Stütze - Die ist ihnen der Gärtner, der im Mai ausreichend Rankhilfen aufstellt, weil das junge Gemüse sonst bald den Kopf hängen lässt

  • Fauma & Flora

    Trau keinem Tau auf Rosen! [6]

    TitelbildJetzt ist der Moment, um Rosen an Land auf Pilzbefall zu untersuchen und für neue Seerosen ein passendes Gewässer zu finden

  • Fauma & Flora

    Süßsaurer Mai [24]

    TitelbildDie Eisheiligen stehen vor der Tür. Welches junge Gemüse trotzdem schon hinausdarf und was besser im Haus bleibt, weiß Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Ein Beet als Blütenwand [5]

    TitelbildDer Nachbar wird schön schauen: Wegen der Hortensien ums Hochbeet sieht er bald nicht mehr in Ihren Garten! Einige Anregungen, die zu Freude und Erfolg führen mögen.

  • Fauma & Flora

    Eingeborene sind selten Eingefrorene

    TitelbildAutochthone Pflanzen wie die Clematis können mit Frostattacken im April eh gut umgehen - Exotische Schönlinge brauchen halt momentan ein wenig mehr Aufmerksamkeit, weiß Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Mit einem Hochbeet auf Augenhöhe gärtnern [57]

    TitelbildEin Hochbeet schont den Rücken, nicht das Geldbörsel - Es sei denn, man greift zu Hammer und Nägeln anstelle von großteils hässlichen Fertigsets, meint Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Scharfe Sachen vom Kompost [7]

    TitelbildGuter Dünger muss reifen wie Wein, aber bei einem Verschnitt aus Ästen und Gras kann man nachhelfen

  • Fauma & Flora

    Mangoldgrube [4]

    TitelbildViel Platz unter der Sonne und reichlich Wasser will der Krautstiel - Er dankt's dem Beilagenesser mehrfach in einer Saison mit üppigen Ernten, weiß Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Hilfe zur Selbsthilfe [17]

    TitelbildAdvent und Wohltätigkeit gehören zusammen. Charity im eigenen Garten ist, wenn man dem Lieblingsstrauch die (Schnee-)Last nimmt und alle Stauden stützt, meint Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Kopfnuss im Erdbeerland [1]

    TitelbildWie feucht und sandig mag's die Fragaria? Die Antwort auf genau diese Frage ist eine süße Denksportaufgabe, meint Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Mäuse füttern im Zwiebellook

    TitelbildSolange die Böden noch nicht gefroren sind, heißt es: dick anziehen und großzügig sein mit Blumenknollen - Das freut natürlich auch den einen oder anderen Nager, der dafür selbstlos die Erde lockert

  • Fauma & Flora

    Anamnese vor dem Wildwuchs [12]

    TitelbildLos geht's: Rasch das alte Laub aus den Gartenschlapfen beuteln und sofort draußen klären, was die Pflanzen bald schon brauchen werden

  • Fauma & Flora

    Anden-Abhärtung [1]

    TitelbildTropische Pflanzen wie die Engelstrompete wachsen auch in den südamerikanischen Bergen - Minusgrade, nur für kurze Zeit, machen sie sogar robuster, meint Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Krautiger Nachtfalter [7]

    TitelbildDer Gewöhnliche Steinklee macht etwas Ungewöhnliches: Er faltet seine Blätter vor dem Schlafengehen, um uns den nächsten Tag zu versüßen - Womit, verrät Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Zocken mit dem Frost [1]

    TitelbildFür Gärtner ist der November ein Glücksspiel: Friert es, gibt es hohe pflanzliche Verluste zu beklagen - Auf Sicherheit spielende Outdoor-Experten setzen dagegen das herumliegende Laub einfach als Thermojacke ein - Eine warme Empfehlung von Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Wider die Vampirattacke [17]

    TitelbildDem Gärtner stinkt die frühe Dämmerung, er steckt die Zehen in den Boden: Tipps für den Knoblauchmonat Oktober von Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Komposthaufen: Lasagne alle verdure [3]

    TitelbildSchicht für Schicht abwechselnd Trocken- und Grünzeug übereinanderlegen: Das hat sich auch beim Komposthaufen bewährt - Faule Tricks von Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Im Herbst zeigt es sich [3]

    TitelbildDer Herbst ist der Höhepunkt des Gartenjahres - so zur rechten Zeit vorgesorgt wurde

  • Der Garten auf der Couch [2]

  • Fauma & Flora

    Ein Paradeiser-Weiser [41]

    TitelbildDas Nachtschattengewächs mit dem heißumstrittenen Namen wird gern auf dem Balkon gezogen - Gregor Fauma über Theorie und Praxis der Tomate

  • Fauma & Flora

    Kiwi-Klischees: Unrasiert im Eierbecher [10]

    TitelbildDie Kiwi und ihre Klischees: Die populäre Neuseeländerin ist in Wahrheit gebürtige Chinesin, und dass sie in Österreich nicht reifen mag, ist auch Blödsinn

  • Fauma & Flora

    Garten-Groupies [8]

    TitelbildWenn die Groupies kommen, kriegt Gregor Fauma zwar Schampus verehrt - aber anstrengend ist es schon

  • Fauma & Flora

    Der Geiztrieb beim Wein [14]

    TitelbildZurückstutzen oder wuchern lassen? Das ist die Frage, die über die Süße der Trauben entscheidet - Gregor Fauma gibt Tipps für die Rebenpflege

  • Fauma & Flora

    Der Wind als Hund [11]

    TitelbildDass der Wind noch selten etwas Gutes gebracht hat, können Gärtner aus ganzer Seele bestätigen - Gregor Fauma über den Feind der zarten Blüte

  • Fauma & Flora

    Septemberarbeit [2]

    TitelbildErschöpfend war das Nichtstun des Sommers, jetzt aber darf Gregor Fauma umso intensiver garteln

den nächsten report bitte über Igel

das auslagern des klos in meinen garten verziehe ich dem dachs sofort.

aber dieses basis-grantige viech, dass sofort mich, meine holde und alles andre in der welt vernichten möchte, braucht dringender einen therapeuten als mein garten.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.