Revolution in der Kiste

Michael Hausenblas
19. Oktober 2012, 16:59
  • Wie Särge aus einem Wildwestfilm wirken die Kisten, in denen unter anderem gezeigt wird, worauf man bei so manchen Produkten zu achten vergisst.
    foto: hersteller

    Wie Särge aus einem Wildwestfilm wirken die Kisten, in denen unter anderem gezeigt wird, worauf man bei so manchen Produkten zu achten vergisst.

Die Schau "Werkzeuge für die Designrevolution" im Wiener Designforum zeigt, wie Designer und Konsumenten der Industrie besser auf die Finger schauen könnten

Design-Ausstellungen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Gut so. Aktuellstes Beispiel dafür, dass Design eben längst nicht mehr für blankpolierte Teekessel und aufdrapierte Sofalandschaften stehen soll, ist die Schau Werkzeuge für die Designrevolution im Wiener Designforum. Obwohl: Einen Sessel gibt's schon zu sehen. Einsam steht er auf einer Kiste und blickt Richtung Wand. Neben ihm, säuberlich aufgeschlichtet, all das, was in ihm steckt: ein Kanister mit vier Litern Rohöl, ein Haufen Kohlebriketts, 1,7 Kilo Eisen, 0,11 Kilo Salz, 0,86 Kilo Kalk, 0,89 Kilo Sand, 0,1 Kilo Nickel, 0,07 Kilo Chrom und 64 Kübel voller Wasser. Das aufzuzeigen reicht freilich kaum für einen Aufruf zur Revolution gegen Sesselfabrikanten. Die Revolution, auf die im Titel der Schau angespielt wird, ist eher eine theoretische, ein Aufmerksam-machen-Wollen auf das, was wir tun, wenn wir konsumieren und produzieren. Um daraus Konsequenzen zu ziehen.

Die Ausstellung, die vom IDRV (Institute of Design Research Vienna) in Kooperation mit designaustria auf die Beine gestellt wurde und weiters Pilotprojekte der Studios Breaded Escalope, Danklhampel und Spirit Design zum Thema zeigt, will als Labor mit verschiedensten Stationen verstanden werden.

Aussagekräftige Lebenszyklusanalyse

An einer Wand prangt in großen Lettern eine Weltformel, die zeigt, wie viel Energie die Welt verbraucht und wie viel jedem Erdenbewohner davon zur Verfügung steht. Theoretisch. Dass dabei viele durch die Finger schauen, ist klar.

Am Eingang zur Schau gibt's fünf Flaschen mit Aufdrucken wie "zu Fuß", "öffentlich", "mit dem Fahrrad". Daneben ein Glas mit Holzperlen. So wird ermittelt, wie die Besucher ins Designforum gelangen. Neben der aufklappbaren Weltkugel von R. Buckminster Fuller steht eine weitere Kiste in Wildwestsarg-Optik. Darin finden sich ein Hammer, ein Schraubenzieher, ein Strommessgerät, eine Küchenwaage, ein Taschenrechner sowie ein Notzibrettl samt Stift. Diese einfachen Basiswerkzeuge sollen jeden Designer dazu befähigen, die Grundlage für eine aussagekräftige Lebenszyklusanalyse eines Produktes zu berechnen. Ein Ausstellungseck weiter gibt es große Metallkörbe zu sehen. Darin türmen sich alte Drucker, Kaffeemaschinen, die vom Wiener Demontage- und Recyclingzentrum im 14. Wiener Bezirk in ihre Einzelteile zerlegt wurden. Es überrascht, wie es den Ausstellungsmachern gelungen ist, all die Kramuri in einer ganz eigenen Ästhetik zu präsentieren.

Weiters werden Zukunftskonzepte ebenso thematisiert wie die Frage nach Kompostierbarkeit, so haben die Veranstalter tatsächlich ein T-Shirt verbuddelt und zeigen nun, was dabei nach fünf Wochen herauskam.

96.000 Tonnen Lebensmittel weggeworfen

Apropos Abfall. Wer weiß, dass in Österreich jährlich 96.000 Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden, was jedem vierten oder fünften Einkauf entspricht, oder dass ein Pkw in der Regel 98 Prozent seiner Lebenszeit nur in der Gegend herumsteht? Jeder, der aufmerksam durch diese Ausstellung geht.

Unterm Strich wird hier einmal mehr - und das auf besonders gelungene Art und Weise - klar, dass man auf Designer und Industrie schimpfen kann, wie man will, letztendlich aber der Konsument entscheidet, was er kauft und was nicht. Die Ausstellung schafft es, Denkprozesse auszulösen, Gedanken zu wecken, die es in Konsequenz ermöglichen könnten, Einfluss auf Produktionsprozesse auszuüben. Und das wäre dann wohl die eigentliche Revolution. An deren Beginn steht auch die ebenfalls im Designforum zu lesende Frage "Brauchst Du das?".

Heißer Tipp zum Schluss: Harald Gründl, Design-Revolutionsführer vom Büro Eoos, der gemeinsam mit Christina Nägele die Schau kuratiert hat, führt heute, am 19. Oktober, um 17 Uhr durch die Ausstellung. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 19.10.2012)

"Werkzeuge für die Designrevolution", Designforum Wien, quartier 21, MQ; bis 4. 11.

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8 Postings
Breite Masse kauft doch dies nicht

Es ist doch nicht die breite Masse die so etwas kauft. Wer hat denn schon das nötige Kleingeld sich so einzurichten. Das Zeug ist doch ziemlich teuer. Das ist etwas für Leute, die nicht wissen wohin mit dem Geld. Warum die sowas kaufen - keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil sich sich hier abheben wollen.

und die schicki mikies kaufen den ramsch auch noch

super marketing macht halt vieles!

Komische Lebensart

Eine Wohnung sollte wohnlich sein und nicht wie ein steriles Zimmer aussehen, dass wie eine Abstellkammer wirkt. Da nutzen auch teuere Designelemente wenig. Also ich würde mich da nicht wohlfühlen. Es gibt durchaus moderne Wohnräume, die nicht kalt wirken. Aber in dieser soziapatischen Welt sind sogar die Wohnungen und Designs zum Teil ohne Wärme gestaltet. Kein Wunder, dass alles immer mehr verroht, wenn man sich seine Umwelt so kalt gestaltet.

... letztendlich aber der Konsument entscheidet, was er kauft und was nicht.

Ich kann diesen Satz nicht mehr hören, denn er suggeriert erstens individuelle Wahlfreiheit, die es nicht gibt und zweitens schreibt er dem Konsumenten Macht zu (etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern), die er nicht besitzt.

Kapitalismus funktioniert nicht wie eine Demokratie in der die Macht beim Volk (Konsumenten) liegt, sondern autoritär. Deshalb heißt es ja auch „Konsument“ weil dieser nur auf das passive konsumieren beschränkt wird. Die Macht liegt bei den Unternehmen mit dem maximalen Profit.

Design das dieses Machtgefälle nicht aufbricht ist nur trendige Oberflächengestaltung.

Du bringt es auf den Punkt: letztendlich hat es die "Wirtschaft" geschafft, dem Verbraucher einzureden, er/sie sei der/die Mündige. Er/sie glaubt es, und lässt sich perfekt steuern....so passierts.

nicht so ganz

gebe dir recht mit der macht der profitorientierten unternehmen und dem einfluss ihrer lobbys auf die politik

ABER
ich bestimme wie ich leben will, und wenn ich für wegwerfschrott und das 100.t-Shirt und etwa konventionelle nahrunsgmittel und und und nicht mehr als "konsumentin" zur verfügung stehe, ändert das sehr wohl was. unterschätze die kritische masse nicht!

und auch der einfluss von designerinnen ist endenwollend, aber nur mehr das 100. sofa oder die nächste hülle zu gestalten ist sowas von überholt!

P. S.

Wir sind in unserer ökonomisch geprägten Gesellschaft leider schon so weit entmündigt das wir uns einbilden müssen wir könnten mit Konsumentscheidungen die Welt retten. Genauso gut kann man sich auch einbilden mit der Fernbedienung das TV Programm mitzugestalten.

Das mag im Ausnahmefall stimmen

aber in der Regel wird die (kritische) Masse von Unternehmen (durch PR und Werbung) beeinflusst und nicht andersherum. „Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben. Sie beeinflussen unsere Meinungen, unseren Geschmack, unsere Gedanken.“ (Edward Bernays, Propaganda, 1928) Klingt nach Verschwörungstheorie, ist aber das Standardwerk der Public Relations.

Ich kann mich vielleicht entscheiden nicht die Krone zu kaufen oder kein RTL2 zu schauen aber was ändert das? Meinungsmacher sind hier nicht die Konsumenten die den Konsum verweigern sondern die Produzenten, die eine kritische Masse (die sich diesen Trash reinzieht) erst generiert. Dort muss man ansetzen, nicht am unteren Ende der Konsumkette.

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