Ein Blatter-Moment und eine Hölle

  • Das sind nicht die Mädchen aus Aserbaidschan, sondern jene aus Frankreich, die Weltmeisterinnen wurden.
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    foto: dapd/karimov

    Das sind nicht die Mädchen aus Aserbaidschan, sondern jene aus Frankreich, die Weltmeisterinnen wurden.

Die Nachhaltigkeit der WM der U17-Fußballerinnen darf bezweifelt werden. Sie fand in Aserbaidschan statt, doch die Gastgeberinnen mussten sich Verhöhnungen gefallen lassen

Baku - In Aserbaidschans Hauptstadt Baku durfte Joseph S. Blatter, Präsident des Weltverbands (FIFA), wieder einmal einen "großen Moment" für die Fußball-Familie feiern. Erstmals fand mit der U17-WM ein Frauen-Turnier in einem muslimischen Land statt - obwohl Aserbaidschan zum Zeitpunkt der Vergabe über keine einzige Spielerin verfügte. Dem Weltverband war's egal, für das von der deutschen Trainerin Sissy Raith eilig aufgestellte Team der Gastgeberinnen wurde das Turnier allerdings zum Debakel.

0:4 gegen Kolumbien, 0:11 gegen Nigeria, 0:1 gegen Kanada. Nie zuvor schnitt ein Gastgeber schlechter ab. "Wir haben nicht zwei Jahre dafür gearbeitet, um uns abschießen zu lassen. Das stellt uns nicht zufrieden. Aber ich bin auch realistisch genug, wir stecken in den Kinderschuhen", sagt Raith.

Vor allem das heftige Debakel gegen Nigeria blieb nicht ohne Wirkung. Die Zuschauer verhöhnten das eigene Team, von einer WM-Euphorie war wenig zu spüren. "In der Halbzeit habe ich meinen Spielerinnen gesagt, es ist unglaublich bitter, was wir hier erleben. Aber wir müssen durch diese Hölle gehen. Nach dem Spiel waren wir am Boden, wir waren ganz unten", sagt Raith.

Ein Team in zwei Jahren

Seit Mai 2010 ist die ehemalige deutsche Nationalspielerin in Aserbaidschan tätig. Am Anfang gab es nichts. Keine Liga, keine Vereine, keine Nationalmannschaften. "Ich habe gedacht, das kann doch nicht sein. Die kriegen eine WM und haben nichts", sagt Raith. "Das war für mich so verrückt, dass ich gesagt habe, das passt zu mir."

In den ersten Wochen tingelte die 52-Jährige durchs Land und suchte an Schulen nach interessierten Mädchen. Schließlich lud sie 34 zu einem ersten Lehrgang ein, übrig blieben acht Mädchen - acht, aus denen in zwei Jahren eine Mannschaft geformt werden sollte, die bei der U17-WM mithalten kann. Fortschritte wurden erzielt. "Aber ich kann nicht zaubern", sagt Raith.

Schon beim Amtsantritt habe sie sich gedacht: "Die WM kommt zu früh." Im Eiltempo wurden im Senioren- und Juniorenbereich Ligastrukturen aus dem Boden gestampft. Die Spielerinnen der U17 lebten zwei Jahre lang in einer neu geschaffenen Akademie nur für die Heim-WM. Geld spielte dank der Petro-Dollars des Verbandes und der Unterstützung der Politik, die das Land nach Europa führen will, kaum eine Rolle.

Beschimpfungen

Bei der WM-Eröffnungsfeier trat Popstar Jennifer Lopez im vollbesetztenTofik-Bachramow-Stadion in Baku auf. Als Raiths Team anschließend gegen Kolumbien früh mit 0:2 in Rückstand geriet, war es aber schnell vorbei mit dem Interesse. Tausende verließen unter den Augen von Blatter und Staatspräsident Ilham Alijew die Arena. Nach dem Nigeria-Desaster wurden die Spielerinnen vor allem im Internet beschimpft. "Es gab viele Neider, die sehen wollten, dass wir stolpern", sagt Raith.

Auch beim ambitionierten Verband könnte das ernüchternde WM-Abschneiden Spuren hinterlassen haben. Raiths Vertrag lief mit Turnierende aus, und wie es weitergeht, weiß die zweimalige Europameisterin (1989 und 1991) noch nicht. "Wenn Aserbaidschan meint, wir geben der Sache jetzt keine Aufmerksamkeit mehr, wird das Projekt nicht nachhaltig sein." So oder so sei Mädchen- und Frauenfußball nicht aufzuhalten - "unabhängig vom Land, der Kultur oder der Religion". (sid - DER STANDARD, 17.10. 2012)

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