Der genetische Fingerabdruck der S. Stanley

16. Oktober 2012, 19:10
  • Die Infektionswerkzeuge der Salmonellen, die sogenannten Nadelkomplexe, 
dargestellt in einer Illustration des Institute of Molecular Biology 
(IMBA).
    illustration: imp-imba graphics department

    Die Infektionswerkzeuge der Salmonellen, die sogenannten Nadelkomplexe, dargestellt in einer Illustration des Institute of Molecular Biology (IMBA).

Ein bislang unauffälliger Salmonellenstamm sorgte heuer in Mitteleuropa für einen ungewöhnlichen Anstieg von Infektionen - Österreichische Forscher konnten den Erreger mit DNA-Fingerprinting bestimmen.

An die 1500 Fälle von Salmonelleninfektionen wurden heuer bis Anfang Oktober in Österreich gemeldet. Keine geringe Zahl, aber vor 14 Jahren war sie noch zehnmal so hoch. "Mittlerweile haben wir die Salmonellenproblematik ganz gut in den Griff bekommen", sagt Franz Allerberger von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages). "Als zentrale Infektionsquelle hat man damals Hühnereier ermittelt, die heute je-doch weitgehend salmonellenfrei sind." Seit 2012 ist es in der Europäischen Union verboten, Hühnereier aus nicht kontrollierten Betrieben zu verkaufen.

Trotzdem kam es heuer in Mitteleuropa zu einem ungewöhnlichen Anstieg von Infektionen mit einem bislang unauffälligen Salmonellenstamm - den Salmonella Stanley. Gab es bisher davon in Österreich jährlich höchstens ein paar Fälle - quasi als Urlaubsmitbringsel aus Afrika, Asien oder Lateinamerika -, kam es seit dem Sommer 2011 zu 173 gesicherten Infektionen mit Salmonella Stanley. Als Verursacher des neuen Ausbruchs wurde der Salmonella- Stanley-Stamm zuerst in Belgien identifiziert.

Rasch und genau

Trotz intensiver Bemühungen in mehreren Ländern fand man jedoch keine gemeinsame Quelle, die diesen europaweiten Ausbruch hätte erklären können. Anfang August 2012 wurde schließlich auch die Ages mit der Suche nach der Herkunft des Krankheitserregers betraut.

Bereits einen Monat später wurden die österreichischen Forscher fündig - und zwar in einer ungarischen Putenherde. Von dort ausgehend, so die bislang nicht widerlegte Hypothese, wurde der Erreger über Putenfleisch oder Eintagesküken in ganz Europa verbreitet. Wie war es möglich, die Herkunft dieser Krankheitserreger so genau und rasch zu bestimmen? "Wir haben parallel zu unseren epidemiologischen Untersuchungen - also der Recherche, wer von den Erkrankten wann was gegessen hat -, auch die Methode des DNA-Fingerprintings eingesetzt", erklärt Franz Allerberger.

DNA-Fingerprints für Bakterien werden heute weltweit zur genetischen Identifikation von Krankheitserregern eingesetzt, doch die Ages-Forscher haben diese Methode maßgeblich weiterentwickelt. Während die aktuelle Standardmethode, das PFGE-Fingerprinting, je Probe zwei Tage dauert und fast 100 Euro kostet, können mit dem neuen Verfahren bei minimalem Kostenaufwand bis zu 300 Proben an einem Tag untersucht werden. Eine Entwicklung, die international mit großem Interesse verfolgt wird und kürzlich im renommierten amerikanischen Fachjournal Applied and Environmental Microbiology publiziert wurde.

Erreger in Ungarn gefunden

Diese Vorgehensweise hat die österreichischen Gesundheitswächter schließlich zu einer großen Truthahnzucht- und -mastfabrik in Ungarn geführt, wo sie den Salmonella-Stanley-Stamm in den befruchteten Eiern und in Kotproben einer Truthahnherde fanden. Selbst in Lebensmittelproben konnten die Erreger nachgewiesen werden.

So schnell in ganz Europa verbreiten konnte sich dieser Salmonellenstamm auch durch die länderübergreifende Arbeitsteilung bei der industrialisierten Geflügelproduktion. So werden in Ungarn jene Hochleistungsrassen gezüchtet, die in kürzester Zeit aus möglichst wenig Futter möglichst viel Fleisch ansetzen. Die befruchteten Eier dieser Tiere werden nach Österreich zum Ausbrüten verkauft. Von dort wiederum werden die sogenannten Eintagesküken weiter in die verschiedensten EU-Länder exportiert.

"Als Folge einer möglichst billigen Massentierproduktion sind derartige Krankheitsausbrüche trotz eines immer besseren Kontrollsystems natürlich nie gänzlich auszuschließen", sagt Allerberger. "Das aus Lateinamerika importierte Sojafutter beispielsweise ist bis zu drei Prozent mit Salmonellen belastet."

Zumindest aus dem betroffenen ungarischen Unternehmen werden in nächster Zeit wohl keine S.-Stanley-verseuchten Eier oder Tiere mehr kommen, da es mittlerweile streng kontrolliert wird.

Und wie beurteilt der Experte den überraschenden Umstand, dass Österreich bei den humanen Salmonelleninfektionen über dem EU-Durchschnitt liegt? Die Inzidenz (Zahl der Neuerkrankungen) an gemeldeten Salmonellosen beim Menschen in Österreich ist mit 26 pro 100. 000 Einwohner höher als der EU-Durchschnittswert.

Die Länder mit der niedrigsten Inzidenz sind Portugal (1,9 / 100.000) und Griechenland (2,6 / 100.000). "Weil im Gegensatz zu verschiedenen anderen Ländern in Österreich die tatsächlichen Infektionszahlen dokumentiert werden", sagt Allerberger. "Sehr enthüllend sind hier die Daten aus Schweden, wo man auch das Ferienland von infizierten schwedischen Urlaubsheimkehrern erfasst. Dabei stellte sich nämlich heraus, dass die meisten Infektionen aus Griechenland, Spanien und Portugal mitgebracht werden."

Erstaunlicherweise liegen die offiziellen Infektionszahlen dieser Länder aber weit unter jenen von Österreich. "Wir haben in Österreich ein sehr gutes System und sind auch in der Forschung vorn dabei", sagt Allerberger. "Seit 2005 sind die Krankenhäuser zudem verpflichtet, jedes Zoonoseerreger-Isolat für ein DNA-Fingerprinting an die Ages schicken". Es dürfte also kein Zufall sein, dass der jüngste Salmonellenausbruch in Österreich abgeklärt werden konnte. (Doris Griesser/DER STANDARD, 17. 10. 2012)

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