Visionen eines jüdischen Querdenkers

  • Moshe Ben-Gavriêl, etwa 1960 in Jerusalem: Er sprach fließend Arabisch und kleidete sich auch gern im arabischen Stil.
    foto: andrea lauritsch

    Moshe Ben-Gavriêl, etwa 1960 in Jerusalem: Er sprach fließend Arabisch und kleidete sich auch gern im arabischen Stil.

Der Journalist und Autor Eugen Hoeflich alias Moshe Ben-Gavriêl träumte von einem jüdisch-palästinensischen Staat - eine Klagenfurter Historikerin hat die Tagebücher des Utopisten neu gesichtet

"Es geschehen so viele Dinge um uns herum, die einen Menschen wie mich, der von seinen Ideen besessen und verfolgt ist, verrückt machen können. (...) Die Araber sind verhältnismäßig ruhig, aber unsre Nazionisten, die Revisionisten, treiben Schweinereien sondergleichen. Mich drückt alles enorm nieder, sodass ich recht hoffnungslos in die Zukunft schaue."

Als der in Wien geborene jüdische Schriftsteller und Journalist Eugen Hoeflich im Dezember 1933 diese Sätze in sein Tagebuch schrieb, lebte er bereits seit sechs Jahren in Jerusalem und nannte sich Moshe Ya'akov Ben-Gavriêl. Mit Österreich und Europa überhaupt hatte er geistig abgeschlossen, erwartete nichts mehr von einer Kultur, in der er die Wurzeln aller verderblichen Ismen lokalisierte: vom Nationalismus, Antisemitismus und Imperialismus bis zum Kapitalismus.

Seine Hoffnung richtete sich auf eine besondere Form des Kulturzionismus, eine geistige Rückkehr der Juden zu ihren orientalisch-asiatischen Ursprüngen. Politischer Ausdruck dieser Hoffnung war die Errichtung eines binationalen Staates in Palästina, in dem Juden und Araber, ähnlich wie die Schweizer in Kantonen, friedlich zusammenleben. Eine Vision, deren Verwirklichung die bis heute andauernde Katastrophensituation im Nahen Osten hätte verhindern können.

Ben-Gavriêls Idee teilten selbst damals nur wenige. "Es war zwar nur eine Minderheit, doch es bildeten sich vor allem unter den vorwiegend jüdischen Intellektuellen etliche Gruppierungen, die zumindest in den 1920er- und -30er-Jahren für eine Verständigung und einen binationalen Staat eintraten", berichtet die Klagenfurter Historikerin Andrea Lauritsch. Im Zuge ihrer vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Edition der Tagebücher Moshe Ya'akov Ben-Gavriêls von 1933 bis 1945 setzt sich die Forscherin nicht nur mit der Biografie des einst sehr erfolgreichen Schriftstellers auseinander, sondern bringt anhand seiner persönlichen Aufzeichnungen auch höchst brisante zeit- und kulturhistorische Aspekte der Entstehung und Entwicklung des Staates Israel ans Licht.

Der erste Teil der Tagebücher von 1915 bis 1927 wurde übrigens schon 1999 vom dem 2003 verstorbenen Wissenschafter Armin A. Wallas bearbeitet und bei Böhlau veröffentlicht. Mit dem aktuellen Projekt will Andrea Lauritsch nun die Pionierarbeit ihres verstorbenen Kollegen und Lebensgefährten weiterführen.

Zwei Monate hat sie in diesem Sommer die Archive der Nationalbibliothek in Jerusalem durchforstet und neben den dort aufbewahrten Tagebüchern Ben-Gavriêls auch seine Zeitungsartikel und Sekundärliteratur zur Zeitgeschichte gesichtet. Zentrales Thema seiner persönlichen Aufzeichnungen ist die im Lauf der Jahre immer problematischer werdende Verständigung zwischen Juden und Arabern.

Ernüchternde Aussichten

"Es lässt sich eine wachsende Ernüchterung und sogar Resignation erkennen", sagt Lauritsch. "Er war der Überzeugung, dass die zunehmende Feindschaft zwischen den Kontrahenten von einem aggressiven Bandenwesen auch auf jüdischer Seite gefördert werde." Er prophezeite schon damals einen Teufelskreis von Racheakten, dessen Anfang nicht mehr zu eruieren und dessen Ende nicht absehbar sei.

Seinen politischen Pessimismus auszudrücken, erlaubte sich Ben-Gavriêl aber nur in den Tagebüchern - in seinen Artikeln bleibt er ungebrochen kämpferisch. So tritt er vehement gegen araberfeindliche revisionistische Zionisten wie Ze'ev Jabotinsky und seine Anhänger auf, die er als die "Braunhemden von Palästina" bezeichnet.

Ya'akov Ben-Gavriêls Vorstellung eines binationalen Staates beruhte auf zum Teil sehr pragmatischen Grundpfeilern, die in revisionistischen Kreisen bestenfalls belächelt wurden: Seine Überzeugung, dass die jüdischen Einwohner im Dienste eines friedlichen Zusammenlebens mit den " arabischen Brüdern" nicht nur die hebräische, sondern auch die arabische Sprache beherrschen müssten, fand allenfalls unter Intellektuellen Beachtung. Ben-Gavriêl selbst jedenfalls nahm diese Forderung ernst - er sprach fließend Arabisch und kleidete sich auch gern im arabischen Stil. Eine Gewohnheit, die ihm am Strand von Tel Aviv einmal zum Verhängnis wurde, als ihn eine Gruppe rechtsgerichteter Juden brutal zusammenschlug.

Friedenskämpfer und Soldat

Durch seine Arabischkenntnisse und seine guten Kontakte zu allen Bewohnern Palästinas konnte er die politischen Entwicklungen auf beiden Seiten genau beobachten und in seinen Artikeln darüber berichten. Die wachsende Feindschaft zwischen Juden und Arabern veranlasste ihn noch vor Kriegsbeginn dazu, der paramilitärischen Haganah beizutreten.

Ein harscher Widerspruch zu seinen Ideen und Hoffnungen, der sich bis zu seinem Tod 1965 durch seine Biografie zieht: "Die Engländer, deren unentschiedene Politik als Mandatsmacht er oftmals kritisiert hat, boten der jüdischen Minderheit wenig Schutz, sodass auch Ben-Gavriêl sich Selbstschutzgruppen anschloss. Der den Frieden vehement propagierende ehemalige k. u. k. Offizier nahm dann noch notgedrungen an drei weiteren Kriegen teil: Als Soldat im Weltkrieg in der Jewish Brigade, im Unabhängigkeitskrieg 1948 und noch 1956", berichtet Andrea Lauritsch über die lebenslange Zerrissenheit des Publizisten zwischen ideologischem Anspruch und Pragmatismus.

Etliche Tagebucheintragungen zwischen 1933 und 1945 kreisen um Ben-Gavriêls prekäre Einkommenssituation. Wurden doch ab 1933 viele deutschsprachige Zeitungen eingestellt, für die er als Korrespondent arbeitete. Erst ab den 1950er-Jahren war die Existenzsicherung für ihn kein Thema mehr: "Zu dieser Zeit war er", sagt Lauritsch, "ein äußerst erfolgreicher Schriftsteller, der in Deutschland bekannter war als Ephraim Kishon." In vielen israelischen Anthologien wurde er trotzdem totgeschwiegen, weil er als einer der ersten bereits Anfang der 50er-Jahre eine Verständigung mit Deutschland gesucht hat. Auch damit erwies sich Eugen Hoeflich alias Moshe Ya'akov Ben-Gavriêl wieder einmal als visionärer Einzelkämpfer, der seiner Zeit voraus war. (Doris Griesser/DER STANDARD, 17. 10. 2012)

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"Es war zwar nur eine Minderheit, doch es bildeten sich vor allem unter den vorwiegend jüdischen Intellektuellen etliche Gruppierungen, die zumindest in den 1920er- und -30er-Jahren für eine Verständigung und einen binationalen Staat eintraten"

Nun, die offizielle Vertretung der Jischuw wäre in den 20ern und 30ern sehr wohl an einem Doppelstaat interessiert gewesen, zB beim Teilungsplan der Peel-Kommission 1937 waren zwei voneinander abhängige Staaten vorgesehen, für welche zusammen Jerusalem als binationale (aber ungeteilte!) Hauptstadt vorgesehen war.

Dieser Teilungsplan scheiterte ua. an dem viel zu kleinem zugesprochenem Landanteil des jüdischen Staates und - wie noch immer - an der Verhandlungsunwilligkeit der arabischen Seite.

"Er prophezeite schon damals einen Teufelskreis von Racheakten, dessen Anfang nicht mehr zu eruieren und dessen Ende nicht absehbar sei"

leider hat er recht behalten

heute gälte er wohl als "antisemit"

Lesen sie auch was da steht?

"Die wachsende Feindschaft zwischen Juden und Arabern veranlasste ihn noch vor Kriegsbeginn dazu, der paramilitärischen Haganah beizutreten."

"Der den Frieden vehement propagierende ehemalige k. u. k. Offizier nahm dann noch notgedrungen an drei weiteren Kriegen teil: Als Soldat im Weltkrieg in der Jewish Brigade, im Unabhängigkeitskrieg 1948 und noch 1956."

Jemand, der gegen rechte Israelis war, aber nicht die Staatlichkeit Israels in Frage gestellt hat, würde auch heute nicht als Antisemit gelten.

das ist falsch

lesen sie nur hier im forum

so gut wie keiner der hier schreibenden israelkritiker stellt "die Staatlichkeit Israels in Frage", trotzdem müsen sie sich ständig als antisemiten beschimpfen lassen

Hier im Forum

liest man ziemlich oft genau das: Israel hat kein Existenzrecht. Und das was nicht durch die Zensur kommt, wird deutlich ärger sein, wenn man sich mal die entsprechenden Threads in der Presse gibt.

Aber egal: Bevor sie für andere sprechen, die ohnehin nicht auf sie hören, sollten sie vielleicht sagen, wie sie persönlich dazu stehen.

Außerdem ist das Selbstmitleid, das sie angeblich immer verunglimpft werden echt nicht notwendig. Erstens hab ich sie noch nie so genannt, und wenn ich einen "Israelkritiker" des Antisemitismus zeihe, dann weil er einer ist und nicht weil er sich nur selber leid tut.

"dann weil er einer ist und nicht weil er sich nur selber leid tut"

sie meinen also, daß es ihnen zusteht, zu dekretieren, wer antisemit ist, und wer sich dagegen wehrt, kann das nur aus selbstmitleid tun?

genau diese haltung kritisiere ich ja: sie als israel-apologet sind immer im recht,ergo müssen alle im unrecht sein, die anderer meinung sind als sie...

sie zeihen eben nicht dann jemand des antisemitismus, wenn er sich antisemitisch äußert, sondern wenn jemand - ihrer unterstellung zufolge - "antisemit ist". das ist sehr praktisch, denn dann kommts gar nicht mehr erst darauf an, was jemand SAGT - es gilt, was ihrer meinung nach GEMEINT gewesen sein müsse

ich sag ihnen gern, wie ich dazu stehe

obwohl sie das auch meinen beiträgen bisher mühelos hätten entnehmen können. ich sag ihnen auch, daß die meisten israelkritiker hier das genauso sehen wie ich, selbst wenn es auch (wenige) solche gibt, wie sie sie genannt haben

selbstverständlich hat israel ein existenzrecht

aber genauso selbstverständlich gibt ihm das nicht das recht zu völkerrechtswidriger besatzung, unterdrückung und ausbeutung der palästinenser, und rechtfertigt natürlich auch nicht ein jeder rechtsstaatlichkeit hohn sprechendes vorgehen (selbiges gilt auch für israels gegner)

mein unmut über die denunziation als "antisemit" hat nichts damit zu tun, ob sie persönlich das getan haben

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