Die Hisbollah-Drohne: Ein Schuss geht nach hinten los

Analyse16. Oktober 2012, 19:12
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Was von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah als Großtat gepriesen wurde - die Entsendung einer Drohne in den israelischen Luftraum -, könnte sich für die schiitische libanesische Partei und Miliz im Nachhinein als Schuss ins eigene Knie erweisen, zumindest PR-mäßig. Zwar tun sich die libanesischen Politiker anderer Lager schwer damit, etwas zu kritisieren, was gegen die israelischen Sicherheitsinteressen gerichtet ist. Aber die Stellungnahmen in den Tagen danach gehen durchwegs in die die Richtung, dass die Hisbollah nicht das Recht hat, auf eigene Faust etwas zu tun, was die Sicherheit des Libanon gefährden könnte. So eine Drohne sei ein tolles Ding - wenn sie unter Kontrolle des Staates steht.

Am deutlichsten wurde am Montag ausgerechnet Najib Mikati, der von der Hisbollah und ihren Verbündeten unterstützte libanesische Premier. Die Regierung lehne jede Verletzung von Uno-Sicherheitsratsresolution 1701 ab, sagte er. 1701 war jene Resolution, die im August 2006 den Krieg zwischen Israel und dem Libanon beziehungsweise der Hisbollah beendete. Auch von anderen Politikern wurde die Hisbollah dafür gescholten, dass sie mit ihrer Aktion die Waffenruhe aufs Spiel setze. Sie sei für alle Konsequenzen zum Nachteil des Libanon verantwortlich, zitiert The Daily Star etwa den maronitischen Rechtspolitiker (Forces Libanaises) Samir Geagea. Auch die direkten politischen Gegner der Hisbollah, die Kräfte rund um den Sunniten Saad Hariri - für den Mord seines Vaters Rafik al-Hariri werden Hisbollah-Mitglieder verantwortlich gemacht -, übten lautstarke Kritik. Der frühere Premier Fuad Siniora beschuldigte die Hisbollah, den Libanon zur Plattform der Auseinandersetzung zwischen dem Iran und Israel zu machen. Denn die Drohne war ja, wie Nasrallah angemerkt hatte, aus iranischer Produktion, wenn auch im Libanon von der Hisbollah zusammengebaut.

Staatspräsident Michel Sleiman hatte als Reaktion auf den Drohnenflug beziehungsweise Nasrallahs stolzes Bekenntnis dazu zwar auch seine höfliche Bewunderung ausgedrückt, gleichzeitig aber festgehalten, dass der Libanon endlich eine nationale Verteidigungsstrategie brauche, die dem Libanon die Fähigkeiten der Hisbollah zur Verfügung stelle. Das ist nichts anderes als eine Verschlüsselung der Forderung nach einer Abrüstung des militärischen Arms der Hisbollah. Zu diesem Thema findet - zumindest theoretisch - seit 2006 ein „Nationaler Dialog" statt, der jedoch erst in diesem Jahr nach einer eineinhalb-jährigen Pause wieder aufgenommen wurde. Die Abrüstung aller libanesischer Milizen, also auch der Hisbollah, wird ja auch von Uno-Sicherheitsratsresolutionen gefordert. Zwar wird der Dialog, der im November fortgesetzt werden soll, in unmittelbarer Zukunft gewiss keine großen Erfolge in diese Richtung erzielen, aber die Hisbollah hat „erreicht", dass sehr öffentlich und lautstark an die Anomalie erinnert wird, dass eine Miliz im Libanon stärker ist als die libanesische Armee.

Was die Hisbollah übersehen hat

Die Hisbollah dürfte zweierlei übersehen haben: erstens, wie sehr ihre Unterstützung für das Assad-Regime in Syrien ihr Image - und das des Iran - angekratzt hat und zweitens den heraufdämmernden Wahlkampf für die Parlamentswahlen 2013. Die politischen Gegner sehen eine Chance, die Hisbollah zu stutzen, indem man sie als iranische Marionette entlarvt - wobei dem Iran das Schicksal des Libanon völlig egal sei. Die Entscheidungen der Hisbollah, schreibt die Kommentatorin Hanin Ghaddar in NOW Lebanon, seien „entweder dumm oder verantwortungslos. Aber natürlich sind diese Entscheidungen genauso wie die Drohne selbst: hergestellt im Iran und ausgeführt im Libanon."

Und der Iran? Teheran trug ohne Zweifel auch selbst zum wachsenden Unmut bei, indem es in den Hisbollah-Chor des Selbstlobs für die Drohne einstimmte. Der iranische Verteidigungsminister Ahmed Vahidi sagte im Staats-TV, dass der Iran seine „großen Fähigkeiten" der „islamischen Nation" zur Verfügung stelle. Das „zionistische Regime hat in dieser Hinsicht eine Niederlage erlitten". Damit ist gemeint, dass die israelische Abwehr nicht so funktioniert, wie sie sollte. Aber die Israelis widersprechen der Darstellung, dass die Drohne unbemerkt in ihren Luftraum eindrang. Man habe sie vielmehr bewusst über unbewohntes Gebiet fliegen lassen und dort abgeschossen. Nasrallah hatte bei seiner Rede angedeutet, dass sie der Atomanlage in Dimona - wo wahrscheinlich israelische Atomwaffen lagern - nahe kam.

Der Iran zeigt Flagge

Dass die „islamische Nation" den Iran als potenziellen Führer anerkennt, gehört zum iranischen Selbstbild - aber dass Teheran da plötzlich so stark und unmissverständlich Flagge zeigt, ist natürlich nicht einfach nur Eitelkeit, sondern eine Strategie. Der unter den Sanktionen im Atomstreit leidende Iran zeigt, dass mit ihm zu rechnen ist. Und das stimmt ja auch: Bashar al-Assad ist völlig vom Iran abhängig - aber er kämpft in Syrien auch den Kampf des Iran, aus iranisch-syrischer Sicht gegen den westlichen Imperialismus und die mit ihm verbündeten arabischen Golfstaaten. Dass der Krieg in Syrien auch ein iranischer ist, wird von iranischen Offiziellen seit dem Sommer ziemlich offen zugegeben, auch wenn eine militärische Unterstützung weiter bestritten wird. Mit der Drohne versuchen die Iraner ebenso offen, den Libanon als Territorium, in dem dieser Konflikt ebenfalls ausgetragen wird, zu markieren, diesmal nicht in der Konfrontation mit den syrischen Rebellen, sondern mit Israel. Entsprechend empört sind die Reaktionen aus dem Hisbollah-feindlichen Lager im Libanon. Die Hisbollah ziehe, indem sie Kämpfer nach Syrien schicke, den Libanon nicht nur in den Syrien-Krieg, sondern auch in einen iranisch-israelischen Konflikt hinein. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 16.10.2012)

  • Da war die Drohne Geschichte.
    foto: foto:israeli defense forces via ap video, file/ap/dapd

    Da war die Drohne Geschichte.

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