Erreger und "bakterielle Geister"

  • Fachärztin Talin Barisani-Asenbauer.
    foto: med-uni wien

    Fachärztin Talin Barisani-Asenbauer.

Die Wiener Augenärztin Talin Barisani-Asenbauer entwickelt neue Strategien zur Bekämpfung von seltenen und weitverbreiteten Augenkrankheiten

Das Leiden hat vielerlei Ursachen: Infektionen, Giftstoffe, Nebenwirkungen von Medikamenten oder Störungen des Immunsystems. Sie alle können Uveitis auslösen, eine oft wiederkehrende und schmerzhafte Entzündung des Augeninneren, die in vielen Fällen zur vorübergehenden oder gar dauerhaften Erblindung führen kann. In Europa sind Hochrechnungen zufolge 38 von 100.000 Personen betroffen. Uveitis gilt deshalb als seltene Krankheit, aber leider auch als eine vernachlässigte. Und ihre Auswirkungen werden meist unterschätzt.

Fachleute vermuten, dass Uveitis in den Industrieländern für fünf bis 20 Prozent aller Fälle von erworbener Blindheit verantwortlich ist. Die Krankheit, so heißt es, könnte volkswirtschaftlich gesehen ähnlich hohe Kosten verursachen wie Diabetes. Doch genaue Zahlen fehlen, und aus medizinischer Perspektive gibt es beim Thema Uveitis ebenfalls noch viele Wissenslücken.

Talin Barisani-Asenbauer will das ändern. Die Fachärztin für Ophthalmologie (Augenheilkunde) an der Medizinischen Universität Wien gilt weltweit als eine der wenigen Experten auf dem Gebiet der Uveitis-Forschung. Leider werde die Krankheit oft zu spät korrekt oder gar nicht diagnostiziert, sagt Barisani-Asenbauer "Das Problem ist, dass viele dieser Entzündungen verdeckt sein können." Sie treten in solchen Fällen im hinteren Augenbereich auf und sind von außen nicht sichtbar. Dementsprechend dürfte es auch eine relativ hohe Dunkelziffer geben.

Psychisch beeinträchtigt

Ein oft übersehener Aspekt der Uveitis-Erkrankungen sind die psychischen Beeinträchtigungen der Patienten. Die Menschen leiden unter den Schmerzen und der Verringerung ihrer Sehkraft. Sie werden zumindest zeitweise arbeitsunfähig, haben Angst, ihren Job zu verlieren und vielleicht komplett zu erblinden.

Das hat Folgen. Bei einer Studie, die Barisani-Asenbauer zusammen mit Kollegen durchgeführt hat, litten knapp ein Drittel der untersuchten Uveitis-Betroffenen unter einer seelischen Folgebelastung. 12,3 Prozent mussten als klinisch relevant depressiv eingestuft werden, wie es im "British Journal of Ophthalmology" heißt.

Zudem scheint starker Stress Ausbrüche von chronischer Uveitis auslösen zu können. Verhaltenstherapie und andere Formen psychologischer Unterstützung sollten deshalb bei der Behandlung eine zentrale Rolle spielen, meint Barisani-Asenbauer. Erste diesbezügliche Betreuungsversuche hätten sehr gut funktioniert. Weil man die Krankheit oft nicht sieht, ist ihre Akzeptanz im sozialen Umfeld von Uveitis-Patienten häufig gering, sagt die Ärztin. Mit anderen Worten: Man nimmt das Leiden der Kranken oft nicht ernst. Vor allem für Kinder ein großes Problem.

Die Uveitis-Forschung ist indes nicht das einzige Feld, worauf Barisani-Asenbauer aktiv tätig ist. Seit Ende 2009 leitet sie auch das vom Wirtschaftsministerium finanzierte Laura-Bassi-Zentrum-Ocuvac. Dort werden spezielle Impfstoffe für den Einsatz im Augenbereich entwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei das sogenannte konjunktivale Epithel. Es überzieht Teile des Augapfels und die Innenseite der Lider. Die Zellen dieses Gewebes haben die Eigenschaft, potenzielle Krankheitserreger per Endozytose aufzunehmen, um sie anschließend praktisch dem Immunsystem vorzuführen - so wie das auch in anderen Teilen des Körpers wie zum Beispiel in der Darmschleimhaut geschieht.

Klassische Impfstoffe werden meist in die Muskulatur injiziert, können dann jedoch das Immunsystem an den Schleimhäuten nicht ausreichend stimulieren. "Aber keiner hat bisher daran gedacht, die Augenschleimhaut als Impfort zu betrachten, und das ist, woran wir arbeiten", erklärt Barisani-Asenbauer. Die Idee bietet einige Vorteile. Die Verabreichung ist einfach - ein paar Augentropfen reichen -, und sie ermöglicht es, sowohl eine systemische als auch auch eine lokale Immunantwort aufzubauen. Letzteres ist zur Vorbeugung von infektiösen Augenkrankheiten wie das in Drittweltländern häufig auftretende Trachom von Bedeutung.

Auslöser von Trachomen sind Bakterien der Art Chlamydia trachomatis. Als intrazelluläre Parasiten können sie in den Augen große Schäden anrichten, bis hin zur völligen Erblindung. Da die Betroffenen, überdurchschnittlich oft Frauen, nicht länger zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen können, verfestigt die Krankheit vielerorts die Armut.

Das Ocuvac-Team hat zusammen mit der Firma Bird C eine revolutionäre Impfmethode gegen Trachome in Vorbereitung. Die Experten bringen harmlose Bakterien mittels eingeschleustem Erbgut dazu, C. -trachomatis-spezifische Antigene zu produzieren und diese anschließend in ihre Zellwände einzubauen. Anschließend werden die Bakterienzellen unter Einsatz von Enzymen komplett entleert. Nur die Hüllen bleiben übrig. Fachleute bezeichnen sie als "bacterial ghosts", Bakteriengeister, abgekürzt BG.

Bakterien als Geister

Die mikroskopisch kleinen "Gespenster" sind der Impfstoff. Sie werden, wie sich in Labortests gezeigt hat, bereitwillig von konjunktivalen Epithelzellen aufgenommen. Anschließend codiert das Immunsystem einen Erkennungsmechanismus für die biochemische Struktur der C. -trachomatis-Antigene. Im Falle einer tatsächlichen Infektion mit dem Krankheitserreger kann dann sofort eine zielgenaue Abwehrreaktion erfolgen.

Einer der größten Vorteile von "bacterial ghosts" als Impfpräparat ist ihre hervorragende Haltbarkeit. Die leeren Bakterienhüllen lassen sich problemlos getrocknet lagern und transportieren - ein enormes Plus, wenn Impfkampagnen in entlegenen Regionen ohne Infrastruktur stattfinden sollen.

Die Methode dürfte sich nicht nur zur Bekämpfung von Augenkrankheiten eignen, sagt Talin Barisani-Asenbauer. Das konjuntivale Epithel scheint vielmehr eine erstklassige Schaltstelle zum gesamten Immunsystem zu sein.

Auch gegen andere Infektionskrankheiten lässt sich wahrscheinlich so impfen. Erste Tierversuche mit Tetanus-Antigenen zum Beispiel haben ermutigende Resultate erbracht. Diese Studienergebnisse werden demnächst in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht. Ein vielversprechender Weg tut sich auf. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, 17. 10. 2012)

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