Nichts als neue Beschwerden

  • Halbherzige Versuche, den Begleiterscheinungen des Älterwerdens ein Schnippchen zu schlagen: Isabella Rossellini als Endfünfzigerin Mary in Julie Gavras' Tragikomödie "Late Bloomers".
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    Halbherzige Versuche, den Begleiterscheinungen des Älterwerdens ein Schnippchen zu schlagen: Isabella Rossellini als Endfünfzigerin Mary in Julie Gavras' Tragikomödie "Late Bloomers".

Tragikomödie über die Erfahrung des Alterns: Hauptdarstellerin Isabella Rossellini ist der große Pluspunkt von Julie Gavras' zweitem Kinofilm "Late Bloomers"

Wien - Mary fühlt sich immer öfter unsichtbar. Einst hat die Sprachlehrerin Women's Lib mitgemacht, aber trotzdem drei Kinder großgezogen. Mit deren Vater, einem Architekten, ist sie nach wie vor verheiratet. Er arbeitet noch in seiner Firma, sie hat die Berufstätigkeit aufgegeben. Jetzt, kurz vor dem sechzigsten Geburtstag, kommt zu ständig neuen, altersbedingten Beeinträchtigungen auch die immer drängendere Frage, was denn mit dem Leben noch Neues anzufangen sein könnte.

"Late Bloomers" heißt die Tragikomödie von Julie Gavras ("La faute à Fidel!", 2006), in der Mary (Isabella Rossellini) und ihr Mann Adam (William Hurt) und mit ihnen ihr gesamtes Umfeld aus Familie, Freunden und Arbeitskollegen allmählich lernen, sich in einem weiteren Lebensabschnitt behaglich einzurichten.

Zunächst nimmt Mary diese Herausforderung wörtlich, kauft ein Telefon mit extragroßen Tasten, lässt in Bad und Klo Haltegriffe montieren und das Bett mechanisch aufrüsten. Ihrem Mann kann sie diese Vorkehrungen und den Antrieb dahinter nicht verständlich machen. Zu den Irritationen über das sich verändernde Selbst kommt also eine veritable Beziehungskrise.

Leise Abschiedsstimmung

Die Erzählung lässt es allerdings bei einer Aneinanderreihung von bemerkenswerten Vorkommnissen bewenden. Auch der Film selbst lässt sich - nach einer berückenden langen Kamerarückfahrt zu Beginn - nicht wirklich Zeit, um der leisen Abschiedsstimmung nachzuspüren, die Mary umtreibt. "Late Bloomers" ist keine tiefgründige Charakterstudie. Auch als Komödie bleibt er innerhalb bewährter Arthouse-Standards.

Aber in Details zeigt der Film eine gute Beobachtungsgabe (wie appliziert man Wimperntusche, wenn man sich ohne Brille im Spiegel nicht mehr richtig sieht?). Und er entwickelt gewisse Qualitäten als Ensemblefilm. Immerhin sind in Nebenrollen britische Veteranen wie Doreen Mantle, Joanna Lumley oder Simon Callow zu sehen; Arta Dobroshi, eine Entdeckung der Brüder Dardenne, spielt Adams junge Mitarbeiterin, die nicht nur seinen beruflichen Ehrgeiz wieder weckt.

Vor allem aber hat Regisseurin und Koautorin Gavras mit Isabella Rossellini eine Hauptdarstellerin besetzt, der man gerne zusieht, weil sie ihre Figur glaubhaft verkörpert, sie erdet und da und dort wirkungsvolle, koboldhafte Akzente gegen die Unsichtbarkeit setzt. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 17.10.2012)

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