IWF schwenkt um: Sparen kann Krise verschlimmern

16. Oktober 2012, 15:08
  • Es geht nicht weiter - der IWF ändert seine Einstellung zum Sparen.
    foto: apa/patrick pleul

    Es geht nicht weiter - der IWF ändert seine Einstellung zum Sparen.

Der Währungsfonds hat aus historischen Fehlern gelernt, Griechenland, Spanien und Portugal sollen mehr Zeit fürs Sparen bekommen

Frankfurt am Main - Eine Mischung aus Schadenfreude und Frust - so lässt sich die Reaktion einstiger Schuldnerländer des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf dessen Strategiewechsel bei den Euro-Krisenländern wohl am besten beschreiben. Länder wie Argentinien, Indonesien oder Südkorea sehen ihre leidvollen Erfahrungen endlich anerkannt: dass nämlich harsche Sparpolitik allein den Karren nur noch tiefer in den Dreck zieht.

Denn zu dieser Erkenntnis ist der IWF nun auch gekommen: Hauseigene Studien der mächtigen Finanzorganisation zeigen, dass der wirtschaftliche Schaden einer aggressiven Sparpolitik bis zu drei mal höher sein kann als ursprünglich angenommen. Doch während zum Beispiel Griechenland jetzt darauf hoffen kann, von seinem bisher sehr strengen Kreditgeber mehr Zeit zur Sanierung des Haushalts zu erhalten, kommt die Einsicht für "IWF-Absolventen" in Lateinamerika und Asien viel zu spät.

Aus Fehlern lernen

"Sie haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt", freut sich der indonesische Handelsminister Gita Wirjawan. "Was wir 1998 durchgemacht haben, war schmerzlich. Ich habe das erlebt und ich hoffe, dass die Schwierigkeiten, die wir ausgestanden haben, eine Lehre sind." Nach Einschätzung des argentinischen Wirtschaftsministers Hernan Lorenzino ist die Einsicht des IWF ein "erster Schritt", um in den verschuldeten europäischen Ländern einen umsichtigeren Kurs einzuschlagen.

Es ist Aufgabe des 188 Mitgliedsstaaten zählenden Internationalen Währungsfonds, die weltweiten Finanzsysteme zu überwachen und bei Zahlungsbilanzproblemen von Regierungen oder bei einem drohenden Staatsbankrott einzugreifen. Die Organisation ist dafür bekannt, seinen Schuldnern harte Bedingungen zur Haushaltskonsolidierung zu diktieren. Diesen Kurs ist der Fonds bis jetzt auch in der europäischen Schuldenkrise gefahren. "Ratschläge sind manchmal schwierig - sowohl im Geben als auch im Annehmen", gestand IWF-Chefin Christine Lagarde nun vor wenigen Tagen auf der Herbsttagung des IWF und der Weltbank ein. Sie setzt sich jetzt dafür ein, Athen mehr Zeit zu geben. Alles andere wäre kontraproduktiv, so das Argument.

Die harte IWF-Politik während der Krisen in Asien und Lateinamerika hat in den betroffenen Ländern tiefe Spuren hinterlassen. Die bis heute beispiellose Staatspleite Argentiniens vor gut zehn Jahren und das damit verbundene Leid der Bevölkerung hätte Kritikern zufolge durch flexiblere Auflagen des Fonds verhindert werden können. Inzwischen wieder auf gesunden Beinen stehend, findet das Land auch heute kaum gute Worte für den IWF. Der Unterstützung der Finanzwirtschaft weit mehr Bedeutung als der Realwirtschaft beizumessen, führe dazu, dass am Ende die Arbeiter die Krise auszubaden hätten, wurde Wirtschaftsminister Lorenzino kürzlich von einer Konferenz in Buenos Aires zitiert.

Hilfskredit

Auch Indonesien hatte 1997 einen zehn Milliarden Dollar (7,71 Mrd. Euro) schweren Hilfskredit erhalten. Als Gegenleistung musste das Land seine Ausgaben kürzen, Steuern erhöhen, Banken schließen und seine Geldpolitik straffen. All das sollte den konjunkturellen Abschwung im Schach halten. Doch es kam anders: Statt eines anvisierten drei-prozentigen Wachstums brach die indonesische Wirtschaft 1998 um 13 Prozent ein. Ähnlich erging es Südkorea. Nach Einschätzung von Chung Duck-koo, der damals für Südkorea die Verhandlungen mit dem IWF leitete, hatte der Fonds fälschlicherweise eine Währungskrise als finanzpolitische Krise diagnostiziert und die falschen Reformen verordnet. "Das war wie ein Feuerwehrmann, der zu spät kommt, zu wenig Wasser dabei hat und dann auch noch den Brandherd nicht richtig erkennt", sagt Chung Duck-koo. "So wurde das Feuer noch größer."

Bis heute ist die Reputation des IWF in Asien angeschlagen. Länder der Region haben gut sechs Billionen Dollar an Währungsreserven angesammelt, unter anderem, um niemals wieder beim IWF vorsprechen zu müssen.

Straffe Geldpolitik

Ein Fehler, der dem IWF in der Vergangenheit angelastet wurde, war das Beharren auf einer straffen Geldpolitik. Den die Wirtschaft lähmenden staatlichen Sparprogrammen hätten schließlich die Zentralbanken mit Zinssenkungen gegensteuern können, erklären Volkswirtschaftler. Unternehmen wären so entlastet worden. Das sieht inzwischen auch der Währungsfonds ein. Allerdings nutzt es ihm bei der aktuellen Krise wenig, denn die Leitzinsen liegen schon auf historisch niedrigen Niveaus, und die Notenbanken haben den Markt mit billigem Geld geflutet.

"Wir sind in einer Phase, in der viele Länder in einer Liquiditätsfalle gefangen sind", konstatiert IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard. Die noch zur Verfügung stehenden Mittel der Geldpolitik seien von daher eingeschränkt. Die Haushalte müssten also zum Großteil ohne den ausgleichenden Effekt der Geldpolitik konsolidiert werden.

So bleibt nicht viel, um die unter der Schuldenlast und den Reformauflagen ächzenden Länder zu entlasten, außer: Zeit. Christine Lagarde hat für Griechenland einen Aufschub von zwei Jahren ins Gespräch gebracht, auch für Portugal und Spanien fordert sie mehr Geduld. Bei den anderen Geldgebern aus der Eurozone trifft der Vorschlag auf ein gemischtes Echo. Und der Währungsfonds erlebt ein Novum: der IWF muss seine Partner von seiner "weicheren" Strategie überzeugen. (APA/Reuters, 16.10.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 99
1 2 3
Das Kuriositätenkabinett der Politiker, Ökonomen und -Institutionen

Totale Unfähigkeit der Institutionen, wie z.b. d der FED, und SEC und
des IMF:

- Die Fähigkeit die Risken korrekt zu identifizieren wurde durch einen hohen Grad an Gruppendenken untergraben.
- Die Grundannahme, dass finanzielle Krisen in großen Volkswirtschaften unwahrscheinlich sind, herrschte vor als auch intellektuelle Befangenheit eine große Rolle spielte.
- Die Notwendigkeit stärkerer Regulierung wurde heruntergespielt und die Kultur des IMF war darauf ausgelegt, abweichende Meinungen zu entmutigen.

http://www.theintelligence.de/index.php... ionen.html

Nein, nein, die fordern nicht WENIGER Sparen...

sondern nur ANDERES Sparen.

Ein Umdenken - und gar noch in sozialen Masstäben - ist von dem Verein ganz sicherlich nicht zu erwarten.

Genau ...

Deshalb kauf ich mir morgen einen Ferrari -
Wer schenkt mir das Geld - ich will nicht sparen!

ich muss dich in zweierlei hinsicht enttäuschen:

du hast den ferrari bereits bezahlt

fahren tut ihn aber ein anderer

die freuden eines verzinsten umverteilungsprozesses sind somit auch dir zu teil geworden;-)

Sie verwechseln hier betriebswirtschaftliche

und volkswirtschaftliche Vorgänge.
Das macht der Stronach aber auch! :-)

Haben die Leute vom IWF von irgendetwas eine Ahnung?

nicht wirklich... :(

welches Sparen denn?

wieso glauben alle, Deutschland und Co würden sparen? Ihre Wirtschaft funktioniert eben noch ein wenig besser, weswegen man nicht merkt, dass das Defizit und die Staatsverschuldung genau so hoch, wenn nicht gar höher ist als bei den ach so bösen Südländern.

mit 20 jahren verspätung endlich draufgekommen, dass sparen allein nicht hilft. naja, es besteht also noch hoffnung, dass die vielen krisen, in denen wir drinnen stecken, doch irgendwann mal, in ferner zukunft, gelöst werden könnten...

aber geh

captain obvious strikes again!

Ohne Schulden gibt es kein Wachstum

It's the maths, stupid...

und ohne schulden gibts kein geld

Nach gefühlten 200 Postings

schließt sich der IWF meiner Meinung an.
Es wird doch nicht etwa der Fall eingetreten sein, dass sich die Ökonomen des IWF mit grundlegenden Mechanismen der Volkswirtschaft auseinandergesetzt haben.
Wenn sich jetzt auch noch die konservativen/neoliberalen Konservativen gewisse Grundkenntnisse aneignen und die Mutter aller Krisenbewältigungen (Merkel) überzeugen können, dann sehe ich Licht am Ende des Tunnels.

ja, geht mir nicht anders - auch wenn ich mit meinen Hoffnungen vorsichtig bin...

Schön dass wenigstens der IWF langsam zu kapieren scheint, was namhafte Experten von Anfang an gesagt haben, aber von praktisch allen Entscheidungsträgern ignoriert wurde. Es ist allerdings zu befürchten dass Merkel und Schäuble weiterhin an ihrem rigiden Sparkurs festhalten werden, vor allem weil er Merkel in der Heimat gute Umfragewerte beschert. Und einer kleinkarierten Politikerin wie Merkel ist Europa letztlich genauso scheissegal wie z.B. unseren Blauen. Hauptsache daheim gibt's Beifall.

....jepppp....

ist ja klar dass man gegen die Wand fährt, wenn man denkt mit egoismus, konsumismus, und ähnlichem dem System "gesunder Hausverstand" tolle Strategien in der Hand zu haben...
Staat wie Banken.... Geld nehmen und Sparen wenn alles Gut läuft, damit man Geld ausgeben und ankurbeln kann wenn's abwärts geht und man den Umschwung sucht. Ich weiss dass es nicht GANZ so einfach ist, aber von der Grundrichtung her absolut korrekt... und leider war die Realität in den letzten Jahren immer weiter vom System "gesunder Hausverstand" entfernt.
Die Banken wollten unbedingt dass wir uns verschulden... tja... nun sind wir in der Kriese... und wir haben kein Geld,... nur Schulden. Wer investiert nun??? :P ...halt in kurz und auf bauernschlau ausgedrückt...

…und "Krieg" ist eigentlich "Frieden", wie bereits…

…ein gewisser Herr Orwell äußerst profund zu berichten wußte.

ein WAHNSINN der Millionen Existenzen ruinierte !

das wird ja hier im Artikel gar nicht erklärt:

Der IMF war bisher davon ausgegangen, daß 1 Euro Staatsausgaben die Wirtschaft um 0.5 Euro anregt, sprich von jedem Euro 50 Cent verloren gehen

Deshalb sparen, sparen, sparen

Nun gesteht er ein, daß je Euro 90 Cent bis 1,70 Euro (!) Wirtschaftseffekt erzielt wird

Also sparen Spanien, Griechenland, Portugal, Ungarn etc und zig afrikanische und lateinamerikanische Länder gerade ihre Wirtschaft kaputt

weil diese Affen ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben!!!

Abgesehen davon, daß ich mich für Keynes freue^^ - man sieht wieder einmal, daß die "da oben" alle minderbegabte Vollkoffer sind, dank Connections zu ihrem Job gekommen, und mit Wasser kochen

Keine Ehrfurcht! Druck machen! Wissen zählt!

1. geht es darum, wofür die Staatsausgaben verwendet werden. Rolltreppen ins Nichts, Bankenrettungen und anderes Unnützes haben auf Dauer einen negativen Wirtschaftseffekt.

2. Gibt es einen Grenznutzen der Verschuldung. Irgendwann sind die zu zahlenden Zinsen höher, als der mit den Ausgaben erzielte Wirtschaftseffekt.

3. Für die USA brachte jeder Dollar Staatsausgaben im abgelaufenen Jahrzehnt weit weniger als 1 Dollar Wirtschaftswachstum.

4. Das Problem, welches hinter der aktuellen Krise steht, ist der real existierende Keynesianismus, welcher in den letzten Jahrzenten eine Blase nach der anderen produziert hat. Nun ist die Blase so groß, dass ihr Platzen verheerende Folgen hätte, weshalb Konkursverschleppung betrieben wird.

Wir können gerne versuchen uns in keynesianistischer Manier weiterzuverschulden, es dürfte blos schwer werden, Gläubiger zu finden. Somit ist der Zusammenbruch unausweichlich.

Sparen bedeutet Gelder beiseite zu legen.

Wovon derzeit die Rede ist, sind menschenverachtende Kürzungen.

Sparen...

...ist an sich nicht schlecht...
kann man aber halt nur machen wenn es gut läuft und man sich's auch leisten kann! hier liegt der essentielle Fehler... Geld ausgegeben als es Rund lief... und nun einsparen... FATAL ERROR IN SYNTAX 404

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not

Ist doch ein uralter Spruch.

Die Frage ist, warum Politiker erst dann Sparen wenn alles viel zu spät ist? Sind die wirklich so dämlich?

Nein, in der Demokratie machen Politiker immer was die Masse verlangt. Und in der Masse sind die Menschen leider ofr sehr dumm. Die so genannte Schwarmintelligenz gibt es beim Menschen nicht.

Es gibt Prozesse die sind nicht reversibel. Diese Schuldentürme kann man nicht mehr abbauen. Durch kein Sparen auf dieser Welt.

Aber klar kann man die abbauen.

Indem man nämlich ganz einfach die den Schulden gegenüberstehenden Guthaben abschöpft.
Simple as that.

oh so laut IMF ist das Gegenteil von "sparen" also "mehr zeit zum sparen geben"

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 99
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.