Online statt zu leben: Neues Buch über Dauerkommunikation

Nina Pauer schreibt darüber, "Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen"

Vielleicht müssen wir einfach öfter die Klappe halten - zumindest die virtuelle. Also mal nicht mailen, simsen, posten, twittern, kommentieren oder liken. Dann würde unser Leben wohl auch nicht an uns vorbeirauschen, während wir auf das Smartphone oder den Computer starren und tippen, tippen, tippen. So beschreibt es jedenfalls die Autorin Nina Pauer in ihrem Buch "LG ;-) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen". Neben der Überforderung, die all die Kommunikationskanäle mit sich bringen, skizziert die "Zeit"-Journalistin die Abhängigkeit von unseren virtuellen Ichs - und bezweifelt, dass wir noch ohne sie können.

Geburtstagserinnerungen piepen

Endlich mal wieder in Ruhe quatschen. Das hatte Anna ihrer Mutter versprochen, als sie die gemeinsame Zugfahrt zu Oma beschlossen hatten. Zwischen den beiden Frauen steht am Ende nur die Armlehne - und Annas Handy, das permanent vibriert: Freundin Marie ruft an, Geburtstagserinnerungen piepen, die Chefin spricht auf die Mailbox, und dann ist da noch Annas Ex, der der Welt per Facebook von seinem Examen mitteilt. Annas Kampf gegen die roten Bläschen - neue Mail, neuer Anruf, neuer Kommentar - ist aussichtslos, denn ständig passiert etwas. Die Welt steht nicht still, und das ist Annas Problem: Sobald sich das Handy bemerkbar macht, wächst ihre Unruhe - etwas zu verpassen, jemandem nicht gerecht zu werden, gleich reagieren zu müssen. Die Mutter muss warten, das Handy geht vor.

So sehr das Internet Anna beherrscht, so sehr schränkt es auch den Familienvater Markus, Mitbegründer eines jungen Start-Ups, ein. Er hat Nervenzusammenbruch, Burn-Out und Therapie bereits hinter sich. So versucht Markus in einer Art Neustart nun, den Arbeitswahnsinn mit ständiger Erreichbarkeit hinter sich zu lassen. Also: Mails checken zu geregelten Zeiten und klar abgesteckte Arbeitsbereiche mit seinem Unternehmenspartner. Versunken in den Computerbildschirm ist Markus trotzdem. Und auch das Handy kann er kaum aus den Augen lassen.

"Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation"

Pauer - die 2011 "Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation" veröffentlichte - stellt in ihrem zweiten Buch zwischen der Geschichte ihrer Protagonisten immer wieder kluge Fragen zum täglichen Kommunikationsirrsinn. Ist das, was wir erleben nur dann ein Erlebnis, wenn wir es mitteilen? Oder behält es seinen Wert nur dann, wenn wir es für uns behalten? Wieso ist es so schwer, offline zu sein? Wie sollten wir unsere Zeit überhaupt nutzen?

Pauer beschreibt mal komische, mal traurige, teils absurde und teils anstrengende Situationen, die viele so oder so ähnlich wohl schon erlebt haben. So extrem Anna und Markus allerdings sind - die Botschaft ist keine düstere. Pauer zeigt auch, dass es bei den wirklich wichtigen Momenten im Leben noch jeder schafft, den Kopf zu heben und den Blick vom Bildschirm abzuwenden. Bei Markus ist das, wenn ihn die Gefühle für eine andere Frau übermannen, bei Anna, wenn ihre Mutter ihr vom Gesundheitszustand der Oma erzählt.

In solchen Momenten steht die Welt, die aus den Computern, Tablet-PCs und Smartphones zu uns dringen will, zwar genauso wenig still. Doch sie interessiert in diesem Moment nicht. Weil wir wieder in unserer eigenen sind. Dass aber dieser Zustand ein seltener geworden ist, zeigt die Autorin sehr deutlich. Vielleicht sollten wir wirklich öfter mal die Klappe halten. Oder auf Flugmodus schalten. (APA/dpa, 16.10. 2012)

Link

Nina Pauer, "LG ;-) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen", 224 Seiten, S. Fischer Verlag, 15,40 Euro;

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8 Postings
Gegenmaßnahmen

Im Gegensatz zu Telefonanrufen oder persönlichen Gesprächen, bei dem beide Beteiligten logischerweise gleichzeitig anwesend sind, muss man asynchrone Kommunikation NICHT sofort lesen oder gar beantworten.

Jedes E-Mail-Programm lässt sich so einstellen, dass man NICHT benachrichtigt wird, wenn eine neue E-Mail eingetroffen ist.

Smartphones lassen sich so einstellen, dass Facebook/Google+/wasauchimmer KEINE Töne/Vibrationen verursachen sondern ihre Nachrichten nur in eine Benachrichtungsliste eintragen (oder gleich gar nichts tun).

Dadurch kann man den Zeitpunkt, wann man sich mit diesen Medien beschäftigen möchte, SELBST wählen.

wäre schön wenn das die Leute auch machen würden...

... jedoch haben viele die Angst etwas zu verpassen und wollen jederzeit so schnell wie möglich informiert werden :( Da wird so mancher Facebook Pinnwand Eintrag dann zum realtime chat :/

Mich nervts nur.

Gefällt mir der Text! Genau aus dem Grund, habe ich mich vor etwa 3-4 Monaten von FB abgemeldet.

In der Früh immer schon der Blick aufs iPhone, in der U-Bahn die ersten Comments, im Büro immer das Fenster nebenan offen, in der U-Bahn heim, weiter kommentiert, am Abendtisch Meldungen die reinkommen...

Ständiges Gepiepse, auf alles muss man antworten und alles blinkt und ist interessant.

Zack. Abgemeldet, Von einer Sekunde auf die andere. Es ist nachwievor eine neue Erfahrung, wenn nicht ständig in der Sekunde 3 e-Mails, 5 FB Posts beantwortet werden wollen.

"wenn nicht ständig in der Sekunde 3 e-Mails, 5 FB Posts beantwortet werden wollen"

Genau das ist aber in meinen Augen das große Missverständnis. Diese Postings "wollen" NICHT beantwortet werden. Man kann sich ganz bewusst entscheiden, WANN und OB man sie beantworten möchte.

Das nennt man asynchrone Kommunikation. Im Gegensatz zu einem Anruf, bei dem beide Gesprächspartner gleichzeitig etwas tun müssen ist das bei E-Mails, SMS, Postings usw. nicht notwendig.

Wenn man es kann...

Ich bin eine zu neugierige Nase. Das ist wie, wenn es hinter einem kracht. Da kann ich auch nicht sagen, ich drehe mich später mal um.

Ob die eintrudelnde Meldung am iPhone wichtig ist, oder Kategorie: kann ich morgen auch erst beantworten, weiß ich erst, wenn ich es gelesen habe...

"Die Mutter muss warten, das Handy geht vor."

Und genau hier fängt es an! Ich verstehe nicht woher es kommt, dass ein Anrufer oder SMSler immer wichtiger ist, als die Person die einem gerade gegenüber sitzt. "Warte mein Handy" ist für mich keine Entschuldigung. Es ist einfach eine Respektlosigkeit in meinen Augen, dass ich auch alle Freunde mit denen ich häufiger zu tun habe wissen lasse! Diese stimmen mir auch immer zu, und viele haben es sich mittlerweile abgewöhnt und halten es aus, wenn sie mal erst 10min später eine SMS lesen als sie sie bemerkt haben,...

Oder das Posten von unnützen Postings

Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen.

Am meisten verpassen wir Menschen unser Leben durch das Schreiben von unnützen Büchern bzw. durch das Lesen dieser zuvor erwähnten unnützen Bücher ;-))

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