Zieh, Gold, zieh!

16. Oktober 2012, 13:44
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Den Anlegern bleiben die Banken unheimlich, das Edelmetall könnte neue Rekordmarken erreichen. Seit Nebukadnezars Zeiten schützt Gold vor Inflation

Der Goldpreis genießt den Ruf, ein Fieberthermometer des Geldes zu sein. Je mehr eine Währung an Kaufkraft verliert, desto teurer wird das Edelmetall. Hohe Inflationsraten lassen den Preis für Gold steigen. Angeheizt durch niedrige Zinsen und die damit verbundene Geldschwemme der Zentralbanken, rechnen viele Marktbeobachter mit so einem Szenario. In Österreich legt die Inflation bereits zu. Mit 2,7 Prozent erreichte sie im September ein Acht-Monats-Hoch.

Unheimlicher Inflationsdruck

Der Inflationsdruck steigt nicht nur durch Sprit oder Heizöl und Gas, die kurzweiligen Schwankungen unterworfen sind, sondern auch durch teurer werdendes Wohnen. Höhere Mieten bilden stark steigende Immobilienpreise ab. Das "Betongold" ähnelt dem Gold darin, eine Krisenwährung zu sein. In die Teuerung fließen also zunehmend Inflationsängste mit ein. Und das wird durchaus in Kauf genommen, meint der Ökonom Thorsten Polleit. Er schreibt Bankern und Politikern zu, sich mittels Inflation der europäischen Schuldenlasten entledigen zu wollen.

Noch weiß niemand genau, welches Maß an Inflation die Krisenbekämpfung der Notenbanken nach sich ziehen wird. Dass die Geldmenge in der Eurozone seit Beginn der Finanzkrise um knapp 30 Prozent auf nahezu 10.000 Milliarden Euro gestiegen ist, ist in der Realwirtschaft nicht in dieser Dimension angekommen. Die Banken haben das Geld nicht verliehen, die Nachfrage nach Gütern stieg dadurch ebenso wie die Inflation nur moderat.

Lockruf der Zentralbanken

Die jüngsten Gelddruckprogramme haben aber auch ohne Teuerungssprünge den Preis des Edelmetalls gestützt. Zu den EZB-Krisenhilfen gesellen sich die Pendants der amerikanischen Notenbank Federal Reserve. Ihr Programm Quantitative Easing ("Quantitative Lockerung") etwa geht in die dritte Runde (QE3). Aktuell greift die Federal Reserve dem US-Immobilienmarkt mit milliardenschweren Käufen von Immobilienpapieren unter die Arme.

Seine magische Anziehungskraft verdankt Gold dabei "unbegrenzten" Zentralbankhilfen. Sei es durch Stützungskäufe eines privaten Marktsegments (Federal Reserve) oder des Staatsanleihenmarktes (EZB). Für Aktien könnte diese Verheißung eine kurzfristige, für Gold sogar eine langfristige Himmelfahrt sein.

Wie weit es nach oben geht, dürfte auch vom konkreten Volumen des EZB-Anleihekaufprogramms ("Outright Monetary Transaction Programme") abhängen. Die EZB will damit die Zinsen auf Staatsanleihen europäischer Krisenländer im Zaum halten. Zwar gibt es durch diese mutmaßliche Wunderwaffe keine Geldschwemme - EZB-Chef Draghi hat bekundet, die ohnehin stark ausgeweitete Geldmenge stabil halten zu wollen. Sehr wohl bleibt aber die von dem Programm unabhängige Angst, dass die wirtschaftliche Krise in den taumelnden Volkswirtschaften durch die an die EZB-Hilfe geknüpften Sparziele verlängert wird. Das trübt die Exportaussichten wirtschaftlich gesunder Länder wie Österreich oder Deutschland.

Allzeit-Rekord greifbar

All das hat Gold in den letzten drei Monaten zu einem guten Geschäft gemacht. Das Edelmetall verteuerte sich in Dollar von 1.580 auf 1.740 je Feinunze (entspricht 31,1 Gramm). Der Preis in Euro zog von 1.290 auf 1.340 an. Auch wenn Gold in den letzten Tagen kräftig verloren hat, deuten Expertenkommentare auf einen Aufwärtstrend hin, der anhalten wird. "Die Inflation wird uns begleiten, das ist ein Faktum", sagte Peter Brezinschek von der Raiffeisen Bank International. Die Preissprünge bei Gold und Immobilien zeigten das, sagte er Anfang des Monats beim Forum Alpach.

Der für das Goldhandelshaus Degussa arbeitende Ökonom Polleit lässt sich gar zu einer Prognose hinreißen und sieht das Edelmetall am Ende des Jahres bei 1.950 Dollar. Nach oben sieht er noch viel Raum, da zweistellige Inflationsraten in den nächsten Jahren "sehr wahrscheinlich" seien.

Zaghafter ins Horn bläst Andrea Gentilini, der für die schweizerische Privatbank UBP arbeitet. Er erwartet vor allem durch das Fedsche Gelddrucken kräftige Preissprünge. Die Geldspritzen Quantitative Easing eins und zwei, die mit Abständen von 2008 bis 2011 gelaufen sind, hätten Gold über die Jahre monatlich zwei Prozent Wertzuwachs gebracht. Geht der Trend bei QE3 weiter, dann bewegt sich Gold noch 2012 auf 1.900 Dollar - den 2011 erreichten Allzeit-Rekord - zu.

Inder und Chinesen entscheiden mit

Die rosarote Brille haben in der Geldwelt aber manche schon weggelegt. "Fed-Eingriff ist letzte Chance für Gold", titelten Medien vor zwei Monaten. Gemeint war damit das erwähnte QE3. Kurz aufbäumen würde sich der Preis noch, dann wäre die langjährige Erfolgsgeschichte zu Ende. Im Markt stecke einfach zu viel Geld zu Spekulationszwecken. Der Verfall wird einsetzen, meinte Nikos Kavalis, der für die Royal Bank of Scotland arbeitet. Ihm zufolge käme der Goldpreis im Jahr 2015 bei 1.250 Dollar zu liegen, was einem Wertverlust von über 29 Prozent entspräche.

Das Kalkül dahinter: Auf den Preis wirkt sich neben den Inflationsängsten auch aus, ob Gold auch real gekauft wird. Im zweiten Quartal 2012 ging die Nachfrage um sieben Prozent auf 990 Tonnen zurück. Die Europäer haben weniger Angst vor einem Zerfall des Euro und kaufen weniger zu, so auch die Österreicher. Vor allem aber Inder und Chinesen haben weniger zugelangt. Sie sind die mit Abstand größten Goldkäufer weltweit. 

Brotversorgung gesichert

Wen dieser temporäre Einbruch der Nachfrage nicht abschreckt, der könnte es sich überlegen, dieser Tage - mitten in einem Preisknick - zu investieren. Mitunter auch aus skurrilen, aber durchaus handfesten Gründen. Da die indische Rupie gegenüber dem Dollar etwas an Boden gewinnt, wird das in der US-Währung gepreiste Gold günstiger. Aus diesem Grund gehen die heiratswilligen Inder in der Festival- und Hochzeitssaison vermehrt zum Juwelier. Und die eine oder andere Tonne Gold mehr über den Ladentisch. Man darf also auf viele asiatische Flitterwochen hoffen.

Aber auch wer gar nicht spekulieren will, ist bei Gold gut aufgehoben. Gegen Inflation kann man sich damit gut absichern. Zu Zeiten des babylonischen Königs Nebukadnezar II. soll man für eine Unze Gold 350 Laibe Brot bekommen haben. Das geht sich auch heute locker aus. (sos, derStandard.at, 16.10.2012)

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    Zu Zeiten König Nebukadnezars II. soll man für eine Unze Gold 350 Laibe Brot bekommen haben. Das geht sich auch heute locker aus.

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