Athen erwartet baldige neuerliche Hilfstranche

  • Die Krise wirft immer längere Schatten.
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    Die Krise wirft immer längere Schatten.

Laut griechischem Ministerpräsidenten braucht das Land Liquidität "wie eine Wüste den Regen" - und mehr Zeit

Athen/Frankfurt am Main - Das krisengeschüttelte Griechenland hofft auf die baldige Auszahlung der nächsten Hilfstranche. "Die Wirtschaft benötigt Liquidität wie eine Wüste den Regen", sagte Ministerpräsident Antonis Samaras. Das angeschlagene Euro-Mitgliedsland werde das Geld sicherlich bald erhalten und die Gespräche über Sparmaßnahmen abschließen. Griechenland könne sich ohne die finanziellen Hilfen nicht erholen. Finanzminister Yannis Stournaras sagte indes, dass die Verhandlungen mit den internationalen Geldgebern nicht wie von Samaras angekündigt bis zum EU-Gipfel am Donnerstag beendet seien dürften.

Die Gespräche mit der Europäischen Zentralbank (EZB), dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU-Kommission dauern bereits länger als erwartet. Griechenland wird seit Anfang 2010 mit Milliarden des IWF und seiner Euro-Partner gestützt, steckt aber in einer tiefen Rezession fest. Zurzeit prüfen Inspektoren des IWF, der EZB und der EU, ob eine weitere Tranche von 31,5 Milliarden Euro aus dem 130 Milliarden Euro schweren zweiten Hellas-Hilfspaket ausgezahlt werden kann.

Krise als Chance

Der ehemalige griechische Außenminister (2010 bis 2011) und jetzige Europaparlamentarier Dimitrios Droutsas (PASOK) hat unterdessen in Wien die Notwendigkeit von Strukturreformen in seinem Land betont. "Die Krise ist eine große Chance für den Neuaufbau Griechenlands", so Droutsas bei einer vom Renner-Institut veranstalteten Podiumsdiskussion. Gleichzeitig forderte er ein Ende der Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands.

Mittlerweile seien die Stimmen gegen einen Euro-Austritt Griechenlands zwar weitgehend verstummt, da alle wichtigen Entscheidungsträger erkannt hätten, dass ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion einen Domino-Effekt hätte. Doch viel zu lange sei die griechische Krise in Europa innenpolitisch missbraucht worden. Dadurch sei großer Schaden angerichtet worden. Auch die deutsche Bundeskanzlerin "Merkel hat diese Sprüche mit ihrer eigenen Rhetorik unterstützt", meinte Droutsas.

Unterschied zwischen Politik und Bevölkerung

Korruption und Steuerhinterziehung existierten leider in Griechenland, ebenso wie es einen "brain drain" junger Menschen und den Unwillen gewisser Menschen ihren Beitrag zu leisten gebe, erklärte Droutsas. Dennoch müsse man zwischen der Bevölkerung und dem politischen System unterscheiden, das sich "mit Händen und Füßen" gegen Änderung sträube, da dadurch Privilegien und Einkommensquellen wegfielen.

Die griechische Gesellschaft habe in den vergangen 35 Jahren eine politische Mentalität erlebt, in der Klientelismus und mangelnde Strafverfolgung bei Vergehen vorherrschten. Die Politik habe die Gesellschaft in die falsche Richtung geführt und sei durch ihre enge Verflechtung mit Wirtschaft und Medien hauptverantwortlich für die Krise. Sparmaßnahmen seien absolut notwendig, doch wurde "zuviel in zu kurzer Zeit" verlangt. Mit dieser Art und Weise der Krisenbewältigung werde Griechenland die Chance einer tiefgreifenden Strukturreform genommen, so Droutsas.

Auf die bedeutende Rolle Griechenlands als Stabilitätsfaktor in der Region verwies die ehemalige österreichische Botschafterin in der Türkei und nunmehrige Abteilungsleiterin im Außenministerium Heidemaria Gürer. Ein Euro-Austritt Griechenlands würde wirtschaftliche Schockwellen auf dem gesamten Westbalkan auslösen. Durch die Krise sei der EU-Enthusiasmus ebendort massiv zurückgegangen. Ein positives Beispiel sei die Entwicklung der Beziehung Griechenlands zur Türkei. Die Probleme mit Nordzypern, Mazedonien und dem Kosovo traue sich aber keine griechische Regierung anzugehen.

Mittelschicht zerbröselt

Der Journalist, TV-Moderator und Künstler Lakis Iordanopoulos verwies auf die zunehmende Stärke der neonazistischen Partei Goldene Morgenröte, die in jüngsten Umfragen schon bei zehn Prozent liege. Griechenland sei durch die Maßnahmen Europas in die Enge getrieben worden. Merkel habe etwa verlangt, dass die Hilfsprogramme wehtun müssten. Die Folge sei allerdings, dass die Mittelschicht "total zerbröselt wurde" und dadurch der Aufstieg der Rechtsextremen ermöglicht wurde.

Georg Georgakopoulos, Direktor des Contemporary Art Meeting Point in Athen, verwies darauf, dass bei Ausbruch der Krise im Kunstbereich zuerst gekürzt worden war. Während früher "das gesamte Wirtschaftsleben staatlich umarmt" gewesen sei, habe der jetzige Wegfall der Subventionen einen explosionsartigen Anstieg von privaten Initiativen bewirkt. Dennoch sei die Gesellschaft stark unter Druck und durch die ständigen Demonstrationen das Wirtschaftsleben stark beeinträchtigt.

Anleihezinsen fallen

Die griechischen Anleihezinsen sind zwar weiterhin die höchsten in der Eurozone, doch fielen die Renditen auf 10-Jahres-Papiere am Dienstag mit 17,485 Prozent auf den niedrigsten Stand seit mehr als einem Jahr. Am 13. Juni hatten sie noch 30,731 Prozent betragen, der bisherige Tiefstand des Jahres 2012 wurde am 19. März mit 18,08 Prozent erreicht.

In den anderen Ländern der Eurozone gab es relativ wenig Bewegung. Die Entwicklung am Sekundärmarkt war von einem leichten Auf und Ab der Zinsen gekennzeichnet. Österreichs Rendite wurde mit 1,951 Prozent neuerlich billiger. Spanische und italienische Zinsen gingen etwas nach oben. (APA/Reuters, 16.10.2012)

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