Österreichs Universitäten sind besser als ihr Ruf

Kommentar der anderen15. Oktober 2012, 19:13
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Zugleich aber leider auch schlechter, als es dem Wissenschaftsstandort Österreich zuträglich ist

Es ist ja wirklich begrüßenswert, dass derzeit der Diskurs in Österreich über die tertiäre Bildung viel Raum einnimmt. Die Universitäten sind praktisch täglich Thema und eine breitere Öffentlichkeit als früher nimmt die Themen zumindest wahr. Bedauerlich ist, dass seitens der Politik die wichtigen lenkenden Schritte auf sich warten lassen - und nicht nur das! Das derzeit brodelnde Gebräu aus Massenstudien, fehlende Studienplätze, kapazitätsorientierte Finanzierung, Rankings, Studiengebühren, gendergerechte Zugangsregeln u. a. m. verbauen zunehmend den Blick auf das Wesentliche. Das Wesentliche ist, um mit dem Positiven zu beginnen:

Die österreichischen Universitäten sind (noch) bei weitem nicht so schlecht, wie in der Öffentlichkeit diskutiert - ein Platz unter den ersten drei Prozent der etwa 17.000 Universitäten weltweit kann wohl kaum als schlecht bezeichnet werden -, sie weisen zahlreiche Stärken und international ausstrahlende wissenschaftliche Leuchttürme auf und die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und anderen Stakeholdern funktioniert ausgezeichnet.

Erfreulich ist auch, dass sich die Zusammenarbeit der Universitäten in den vergangenen Jahren stark ausgeweitet hat und es mittlerweile neben gemeinsamen Forschungsprogrammen, die schon seit langem betrieben werden, auch zahlreiche Kooperationen in der Lehre gibt.

Gleichzeitig aber ist die Bedrohung groß, den Anschluss an die internationalen Entwicklungen verlieren - denn ein Perpetuieren des derzeitigen Zustandes, bedeutet Rückschritt: Andere Länder bauen das Universitätssystem aus, Österreich verliert zumindest relativ. Symptomatisches Detail: In etlichen Studien (insbesondere im MINT-Bereich - die Mehrheit davon zählt nicht zu den Massenstudien) haben wir zu wenige und nicht zu viele Studierende.

Was aber passiert nun angesichts des offensichtlichen Mangelzustandes? In wesentlichen Fragen der Zuganges und der Finanzierungsformen der Unis besteht nachhaltiger Dissens und fortgesetzter Stillstand zwischen den Regierungsparteien. Einzelne Maßnahmen, die in den vergangenen Jahren gesetzt wurden, blieben - wenn auch manchmal als ein Schritt in die richtige Richtung anzuerkennen - Stückwerk und Quelle von enormem administrativen Zusatzaufwand.

Die derzeitige Verteilungsdiskussion, um die - dankenswerter Weise von Wissenschaftsminister Töchtele erstrittenen - zusätzlichen Mittel für die Leistungsvereinbarungsperiode 2013-2015 in der Höhe von etwa 750 Millionen Euro wird, unbeachtet von der Öffentlichkeit, in wenig strategische Bahnen gelenkt. So wurden etwa die Grundbudgets der Unis umverteilt - von jenen Universitäten, die in den vergangenen Jahren bessere Leistungskennzahlen abgeliefert haben, hin zu jenen, die unter dem Durchschnitt lagen. Die Verhandlungsposition für etliche (vor allem technisch orientierte) Universitäten liegt nun bei den Budgetwerten des Jahres 2007 (!).

Die derzeitige Diskussion um die Finanzierung von 100 zusätzlichen Professuren für die Massenfächer aus dem vorhandenen Budget bedeutet - sollte sich diese Meinung durchsetzen, was wahrlich nicht zu hoffen ist - einen weiteren Aderlass für die sehr erfolgreichen kleineren Universitäten.

Man bedenke dabei, dass die Kosten für diese 100 Professuren der Gründung einer kleineren Universität gleich kommt - und, dass die Zusatzmittel bereits ohne dieser Maßnahme kaum ausreichen, um den Status quo in den kommenden drei Jahren aufrecht zu erhalten. Klare Rahmenbedingungen für die Universitäten, so wie sie die Fachhochschulen haben, und eine klare Strategie für die Universitätslandschaft, um den zukünftigen Bedarf der Gesellschaft zu decken und für die gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen gerüstet zu sein, sind weiterhin nicht in Sicht.. All diese Faktoren bedingen eine massive Schwächung Wissenschafts- und Innovationsstandortes Österreich. (Martin H. Gerzabek, DER STANDARD, 16.10.2012)

Martin H. Gerzabek ist Rektor der Universität für Bodenkultur Wien.

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