Inge Eberhard: Eine himmlische Regentin aus dem Lavanttal

15. Oktober 2012, 19:14
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In Hsipaw, einer Kleinstadt im Hochland von Burma, ist die Geschichte einer Österreicherin lebendig

Darin spiegelt sich auch die Entwicklung des Landes wider, das sich langsam wieder öffnet.

 

Hsipaw/Wien - An einem Jännertag des Jahres 1954 legte die SS Warwickshire im Hafen von Rangun (Yangon) an. Das Schiff war schnell umgeben von begrüßenden Massen. Inge wandte sich ihrem Mann zu: "Irgendjemand sehr Wichtiger muss wohl an Bord sein." Ihr Ehemann blickte sie an: "Es gibt etwas, das ich dir sagen muss, meine Liebe." Sie erfuhr, dass der Empfang ihnen galt, da ihr Gemahl Saopha - ein Prinz - des Shan-Staates Hsipaw im damaligen Burma (heute offiziell Union von Myanmar, siehe Wissen) war. Sie erwiderte darauf wie in einem kitschigen Roman: "Du hättest mir das sagen müssen. Ich bin nicht richtig angezogen."

Die Szene findet sich in ihrem Buch "Zwielicht über Burma. Mein Leben als Sao Thusandi - Prinzessin der Shan", das sie auf Betreiben ihres späteren Mannes Tad Sargent schrieb und das demnächst verfilmt wird. Sao Kya Seng, ihr Prinz, hatte offenbar befürchtet, sie könnte ihn aus falschen Beweggründen heiraten, und verheimlichte ihr seinen Status.

Die 21-jährige Inge Eberhard aus Bad St. Leonhard im Lavanttal in Kärnten hatte in den USA studiert und dort den aus Burma stammenden Bergbauingenieurstudenten kennengelernt. Sie heirateten 1953. Die Tochter eines Oberförsters begab sich mit ihrem Mann in dessen Reich - Hsipaw, auf dem Shan-Plateau im Nordosten Burmas gelegen, nahe der chinesischen Grenze, entlang der aus dem Zweiten Weltkrieg bekanntgewordenen Burma-Straße. Heute ist Hsipaw eine 400 Jahre alte Stadt am Fluss Doat Hta Waddy mit 15.000 Einwohnern.

Versprochene Unabhängigkeit

Der Shan-Staat, einst in 34 Fürstentümer, heute in 48 Shan-Bezirke aufgegliedert, strebt wie viele andere "teilautonome" Staaten in Burma nach der einst versprochenen Unabhängigkeit. Entsprechend kritisch beäugt die Regierung die dortigen Vorgänge. Das betrifft auch die Erinnerungen an das letzte Prinzenpaar.

Der junge Prinz Sao Kya Seng war mit vielen neuen Ideen aus den USA zurückgekehrt und wollte das archaische Feudalsystem beseitigen. Er übereignete Reisfelder an Bauern und überließ ihnen sogar kostenlos neue Landwirtschaftsmaschinen, ging gegen Korruption vor und investierte Profite aus dem Abbau der immensen Bodenschätze in Weiterentwicklungen. Inge, die nun den Namen Sao Thusandi trug, führte in ihrer Rolle als Mitregentin (sie wurde 1957 offiziell zur Mahadavi, zur himmlischen Regentin, ernannt) viele positive Neuerungen ein, etwa eine dreisprachige Schule, eine Entbindungsstation und eine Kinderwohlfahrtsgesellschaft zur Senkung der hohen Kindersterblichkeit.

Doch der Traum währte nicht lange. Viele Teilstaaten rebellierten schon längst gegen die Zen tralregierung in Rangun. Es ging um das in der Verfassung garantierte Sezessionsrecht der Shan und Kayyah sowie der zugesagten Halbautonomie für die Volksgruppen der Mon und Rakhiner.

Als zudem das christliche Volk der Kachin im Norden Myanmars zu den Waffen griff, um sich gegen die Einführung des Buddhismus als Staatsreligion zu wehren, beendete der Oberbefehlshaber der burmesischen Armee, General Ne Win, die separatistischen Bestrebungen gewaltsam und entmachtete mit einem Staatstreich am 2. März 1962 die Regierung sowie die Oberhäupter der verschiedenen Staaten.

Auch Prinz Sao Kya Seng wurde verhaftet. Bis heute weiß man nicht, was mit ihm geschah. Die zahlreichen Briefe von Inge und ihren Töchtern an die Regierung mit der Bitte um Informationen über den Verbleib von Sao Kya Seng blieben unbeantwortet. Nach seiner Verhaftung war Inge unter Hausarrest gestellt worden, konnte aber 1964 mit ihren zwei Töchtern nach Österreich flüchten. Von dort ging sie wieder in die USA, wo sie erneut heiratete.

Dennoch blieb sie in Hsipaw unvergessen. In vielen Haushalten hängen wieder Schwarz-Weiß-Fotos des Prinzenpaares samt ihren beiden Töchtern. Bis 1962 war es ohnehin üblich, neben dem Buddha-Bildnis ein Hochzeitsfoto der beiden am Hausaltar zu platzieren. Danach war es bis 2010 verboten, derartige Fotos aufzuhängen. Auch Inges Autobiografie, meist als Raubkopie aus Thailand, findet sich bei einigen Bewohnern. Im Buchgeschäft von Hsipaw wird man forsch darauf hingewiesen, dass ihr Buch auf dem Index steht.

Erinnerung als Protest

Immerhin wird das Hochhalten der Erinnerung an das Paar und somit der eigenen Identität als Protest gegen die Machthaber verstanden. So mancher Bewohner zeigt bereitwillig Fotos, oft aus der eigenen Kinderzeit, spielend mit den beiden Töchtern des Prinzenpaares. Die dreisprachige Schule steht noch heute, ist aber im Besitz der Regierung und dient als Vorschule. Die Mutter-Kind-Einrichtung und die Entbindungsstation wurden entweder niedergerissen oder zweckentfremdet.

Ein weiteres Vermächtnis ist der 1924 erbaute ehemalige Shan-Palast (East Haw). Verwalter und Bewohner sind des Prinzen Neffe Sao Oo Kya samt Familie. Sie empfingen immer wieder Touristen zu Führungen. Die Besuche wurden nicht zuletzt durch ein Magazin der Regierung forciert, das den Palast im Zuge des ersten touristischen Versuchs ("Myanmar 1996") bewarb.

Im Jahre 2005 wurde Sao Oo Kya jedoch verhaftet. Offiziell, weil er ohne Touristenlizenz "arbeitete", auch wenn er keinen Eintritt verlangte. Der eigentliche Grund war die Angst der Regierung vor nationalistischen Bestrebungen. Sao Oo Kya wurde wegen seiner "touristischen Aktivitäten" zu 13 Jahren Haft verurteilt. 2009 kam er wieder frei. Er zog nicht mehr in den Palast, sondern lebt heute wie viele andere "Aufrührer" in Taunggyi, der größten Stadt des Shan-Staates.

Seine Frau Fern hielt die Stellung in Hsipaw. Im Juli 2012 erhielt sie die offizielle Genehmigung, wieder Besucher im Palast zu empfangen. Fern sieht der Zukunft optimistisch entgegen und merkt an, dass die Zeiten in Burma langsam besser würden, ist aber immer noch vorsichtig, wenn es um Fragen der Politik geht.

Zu Inge Sargent hat die Familie keinen Kontakt mehr. Inge gründete, obwohl sie nie wieder ihren Fuß in ihr ehemaliges Reich setzte, die Hilfsorganisation "Burma Lifeline", die sich hauptsächlich um Shan-Flüchtlinge kümmert. (Rainer Feldbacher und Martina Haselböck , DER STANDARD,16.10.2012)

Wissen: Westliche Hoffnung im geopolitischen Poker

Sie war 16 Jahre in Haft oder stand unter Hausarrest und erhielt für ihren Widerstand gegen das burmesische Militärregime 1991 den Friedensnobelpreis. Seit Frühjahr ist Aung San Suu Kyi (67), Oppositionsführerin im Parlament - und demnächst vielleicht Staatsoberhaupt. Der amtierende Präsident, Exgeneral Thein Sein, hat dies jüngst nicht mehr ausgeschlossen, und Suu Kyi ist dazu bereit, "wenn das Volk es wünscht". Dazu müsste aber die Verfassung geändert werden. Denn nach geltendem Recht darf Suu Kyi nicht kandidieren, weil sie mit einem Briten verheiratet war, mit dem sie zwei Kinder hat.

Die politische Rehabilitierung Suu Kyis ist vorläufiger Höhepunkt einer vorsichtigen Liberalisierungs- und Öffnungspolitik des Landes, das freilich auch nach den Wahlen 2010 und 2012 vom Militär dominiert wird. Ziel des Demokratisierungsprozesses ist die Lockerung der internationalen Handelsblockaden, die Burma isoliert und in wachsende Abhängigkeit von China getrieben haben. 1988 hatte das Militär eine friedliche Volkserhebung blutig niedergeschlagen. Die danach von den USA verhängten Handelssanktionen sollen nun gelockert werden, wie Außenministerin Hillary Clinton nach einem Treffen mit Präsident Thein Sein am Rande der jüngsten UN-Generalversammlung ankündigte. Den USA eröffnet der (nicht ganz freiwillige) Sinneswandel der burmesischen Machthaber die Chance, den Einfluss des geostrategischen Konkurrenten China in der Region einzudämmen.

In Burma umfasst dieser Einfluss den militärischen wie den wirtschaftlichen Bereich. Beispielsweise betreibt China seit 1994 auf den Großen und Kleinen Kokosinseln nördlich der indischen Andamanen und Nikobaren einen Stützpunkt für elektronische Aufklärung und einen Flugplatz und hat in strategischen Wirtschaftsbereichen (Erdöl- und Erdgastransit, Stromerzeugung, Rohstoffförderung) seine Hände im Spiel.

Burma wurde 1989 vom Militär offiziell in Republik der Union von Myanmar umbenannt, was ein Signal für das endgültige Überwinden der Kolonialzeit sein sollte. Viele, vor allem westliche Länder, aber auch Suu Kyi haben den Namen Burma beibehalten - als Signal gegen das Militärregime. (jk)

  • Prinz Sao Kya Seng und Prinzessin Sao Thusandi, gebürtige Inge Eberhard, mit ihren beiden Töchtern um 1960.
    foto: standard/feldbacher

    Prinz Sao Kya Seng und Prinzessin Sao Thusandi, gebürtige Inge Eberhard, mit ihren beiden Töchtern um 1960.

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