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In der DNA zu lesen heißt, sie mit anderen zu vergleichen und Krankheiten zu erkennen.
Das Baby hatte von Anfang an keine Chance. Es war ein Junge, er kam in der 33. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Das Kind hatte offene Stellen an Kopfhaut und Oberlippe. Die Ärzte konnten die Ursache nicht finden. Drei Tage später tauchten neue Hautgeschwüre auf. Bald waren auch die Schleimhäute betroffen, die Luftröhre des Säuglings musste mittels eines Schlauchs offen gehalten werden. Die Symptome verschlimmerten sich, die Haut des Jungen zerfiel förmlich. Nach 54 Tagen starb er.
Der oben beschriebene Fall ereignete sich am Children's Mercy Hospital (CMH) in Kansas City im US-Bundesstaat Missouri. "Dieses Baby wurde fast sieben Wochen lang am Leben gehalten und muss stark gelitten haben", erklärt Stephen Kingsmore. Das Leid hätte nicht so lange dauern müssen, glaubt Kingsmore, der als Arzt und Forscher am CMH tätig ist und den Fall genauestens untersucht hat.
Die Basis seiner Aussage ist rein wissenschaftlicher Natur. Der Mediziner hat das genetische Profil von Patient CMH064 (so die anonymisierte Benennung des Kindes in den Akten) posthum anhand einer Blutprobe untersucht und konnte so die Ursache der Krankheit ermitteln: ein genetischer Defekt mit unausweichlich tödlichen Folgen. Es handelt sich dabei um eine Mutation im Gen GJB2, welche in der frühen Embryonalentwicklung eingetreten sein muss, sagt Kingsmore. Wären die Eltern, die selbst keine Träger waren, bereits kurz nach der Geburt über den genetischen Schaden informiert gewesen, hätten sie die lebenserhaltenden Maßnahmen einstellen lassen, um die Qualen ihres Kindes nicht unnötig in die Länge zu ziehen.
Die Entdeckung der fatalen Mutation gelang Kingsmore und seiner Forschungsgruppe dank einer neuen Gentest-Methode. Die Experten sequenzierten dabei das gesamte Genom des kleinen Patienten und durchsuchten das Ergebnis anschließend mittels SSAGA, eines eigens zu diesem Zweck erstellten Computerprogramms, nach verdächtigen Codes. Zusammen mit CMH064 wurden noch drei weitere, lebensgefährlich erkrankte Babys nach dem neuen Verfahren getestet. Bei insgesamt drei der vier Säuglinge konnte das Team innerhalb von nur 50 Stunden einen genetischen Defekt als Krankheitsursache dingfest machen. Bisher dauerten solche umfassenden Untersuchungen vier bis sechs Wochen.
Derzeit sind 3500 verschiedene monogenetische Krankheiten bekannt. Die meisten zeigen bereits in den ersten 28 Lebenstagen Auswirkungen. Ungefähr 500 dieser Erkrankungen sind behandelbar, erklärt Kingsmore. Es sei zwar nicht jede heilbar, aber bei richtiger Therapie könne zumindest die Lebensqualität verbessert werden, die Lebenserwartung lasse sich oft steigern. Entscheidend ist, dass die Therapie früh einsetzt, und dafür braucht es eine schnelle, exakte Diagnose. Schwierig bei Säuglingen ist, dass "das Krankheitsbild noch nicht vollständig ausgeprägt ist und ein Baby keine Symptome beschreiben kann".
Das neue, von Kingsmore und seinen Kollegen entwickelte Testverfahren soll Abhilfe schaffen. Eine detaillierte Beschreibung der Methodik wurde Anfang des Monats im Fachmagazin Science Translational Medicine (Bd. 4, S. 154ra135) veröffentlicht. Ihre Stärke liegt nicht nur in der vollständigen Entschlüsselung des Patienten-Erbguts, sondern auch in der Kombination der Sequenzierungsergebnisse mit den Symptomen und dem Abgleich mit einer Datenbank, in der bereits bekannte Gendefekte und deren Auswirkungen erfasst sind. Hierfür kommt die SSAGA-Software zum Einsatz.
Die Methode hätte vor allem bei seltenen, schweren Krankheiten Potenzial, sagt Kingsmore. "Wir wissen dann ungefähr, wonach wir suchen." Zur Routineuntersuchung an allen Neugeborenen ist der Ansatz indes nicht geeignet, meint er. Es gäbe dann wahrscheinlich zu viele unklare Testergebnisse, die nochmals überprüft werden müssten, das wäre nicht kosteneffizient. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 15.10.2012)
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