Bühne frei für Costa-Concordia-Prozess

15. Oktober 2012, 18:46
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Im Stadttheater von Grosseto hat der Prozess um die Havarie des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia begonnen. Bei der ersten, einwöchigen Beweisaufnahme ist nur die Hälfte der zehn Angeklagten dabei

Unzählige Kamerateams, die zur Beweisaufnahme im Costa-Concordia-Prozess nach Grosseto gekommen waren, wurden am Montag enttäuscht. Der Unglückskapitän Francesco Schettino fuhr in einer Limousine mit verdunkelten Scheiben in einen Seiteneingang des zum Gerichtssaal umfunktionierten Stadttheaters. Ein massiver Polizeikordon hielt Journalisten und Neugierige auf Distanz. Alle umliegenden Straßen waren aus Sicherheitsgründen abgeriegelt worden.

Die Beweisaufnahme, die mindestens eine Woche dauern soll, ist Journalisten nicht zugänglich. Von den insgesamt zehn Angeklagten erschien nur knapp die Hälfte, darunter der Zweite Kapitän Ciro Ambrosio, ein Offizier und der Verantwortliche des Costa-Krisenstabs. Der österreichische Vizepräsident der Costa-Concordia-Betreiberfirma Costa Crociere, gegen den wegen des Verdachts der Beihilfe zur fahrlässigen Tötung ermittelt wird, blieb entgegen den Erwartungen dem Beweissicherungstermin fern.

125 Rechtsanwälte

Die Untersuchungsrichterin Valeria Montesarchio nahm auf der Bühne des Theaters Platz, die 125 Anwälte im Zuschauerraum. Dann ersuchte sie die Sachverständigen unter dem Vorsitz von Admiral Giuseppe Cavo Dragone um die Erläuterung des Gutachtens und der Analyse des Fahrtenschreibers. Das Gericht hatte den Experten im März 50 detaillierte Fragen zum Unfallhergang vorgelegt. Am Montag bestimmten zunächst prozesstechnische Details die Diskussion. Die Richterin zog sich mehrmals zur Beratung über Anträge der Verteidiger zurück. Schettinos Anwalt beschuldigt auch den indonesischen Steuermann des Kreuzfahrtschiffes. Dieser habe laut Gutachten während der umstrittenen "Verneigung" des Schiffes (ein waghalsiges Manöver) vor der Insel Giglio einen der Befehle Schettinos missverstanden. 32 Menschen waren bei dem Unglück vor zehn Monaten ums Leben gekommen.

Beweisaufnahme

Zur Beweisaufnahme kamen nur wenige der 4200 damals an Bord befindlichen Passagiere. Einer schüttelte Schettino die Hand und wechselte einige Worte mit dem nervös wirkenden Kapitän, der erwiderte: "Hoffen wir, dass hier die Wahrheit ans Licht kommt. Schettino werden fahrlässige Tötung in zahlreichen Fällen, das Verlassen seines Schiffs und verspäteter Alarm zur Last gelegt.

Die Überlebenden Ernesto Carusotti und Paola Falconi erklärten, Schettino treffe sicher ein Teil der Schuld: "Doch bei dem, was nach dem Aufprall des Schiffes auf die Klippen von Giglio passierte, ist es ein Wunder, dass wir noch am Leben sind."

Der in der Zwischenzeit von der Reederei Costa entlassene Unglückskapitän kann erst nach dem Beweissicherungsverfahren das Wort ergreifen. Seine fristlose Kündigung hat er vor einem Arbeitsgericht angefochten. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 16.10.2012)

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    Carabinieri bewachen das Teatro Moderno in Grosseto, das zur Aufklärung des Costa-Concordia- Unglücks zum Gerichtssaal umfunktioniert wurde. Der beschuldigte Kapitän wurde abgeschirmt

  • Die Verhandlung fand in einem Theater in Grosseto statt. Vor den Toren herrschte großes Medieninteresse.

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