Die Würde einer Bettlerin

15. Oktober 2012, 17:06
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Der Dokumentarfilm "Natasha" von Regisseurin Ulrike Gladik läuft in der Reihe "salty doks" in Salzburg

Weltweit gesehen ist Armut die Norm, Reichtum die Ausnahme. Das gilt auch für die relativ reichen Gesellschaften West- und Mitteleuropas, in denen die Ärmsten der Armen zunehmend ausgegrenzt werden. Demonstrativ zur Schau gestelltes Elend können Menschen in einer profitorientierten Leistungs- und Konsumgesellschaft scheinbar sehr schlecht ertragen, Staat wie brave Bürger reagieren gereizt: mit ordnungspolitischen und disziplinierenden Maßnahmen, "bestenfalls" mit Desinteresse.

Bettelnde Menschen werden zum Sicherheitsproblem erklärt, die Vertreibung aus den Innenstädten mittels Bettelverboten soll jede " Geschäftsstörung" vermeiden - und Armut, die heutzutage ganz schnell auch einige der vorbeihetzenden Passanten treffen kann, ausblenden. Zu den etwa 1000 bis 1500 einheimischen Bettlern kommen noch Roma und Sinti aus (Süd-)Osteuropa. Abseits von Klischees wirft Regisseurin Ulrike Gladik in Natasha (2008) einen Blick hinter die Kulissen, heute läuft der Dokumentarfilm in der Studio-West-Reihe "salty doks".

Über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren begleitete Gladik ihre Protagonistin Natasha Kirilova, die unter ärmlichen Bedingungen im kleinen bulgarischen Ort Bresnik lebt. Sie ist gehbehindert und Prothesenträgerin, der Ehemann kann oder will Natasha und ihren gemeinsamen Sohn nicht unterstützen. Stattdessen muss die Romni zusätzlich noch die eigenen Eltern finanziell alimentieren. Ein großes Plus des Films ist, dass er zeigt, warum dem so ist: Nach der Wende 1989 wurden Betriebe geschlossen oder ins Ausland verkauft, die Roma arbeitslos.

Während Natashas Verwandte Alteisen sammeln und Mülltonnen durchwühlen, reist sie immer wieder für einige Monate per Bus nach Graz oder Wien, um sich Almosen zu erbetteln. Das fällt nicht nur wegen der Trennung vom Sohn schwer, denn keiner erniedrigt sich gern öffentlich. Gladik verzichtet auf einen Off-Kommentar, die Menschen - und die Bilder - sprechen für sich. So erfährt man viel von einer (meist) starken Frau, die nicht als Opfer dargestellt wird. (dog, DER STANDARD, 16.10.2012)

Das Kino, Salzburg,
0662/87 31 00, 19.00
www.daskino.at

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