Baumgartner - der gottgefällige Jumper

15. Oktober 2012, 17:00

Faszinierendes Abenteuer Schleimen - Mediale Vereinnahmung eines Mannes, der "durch die Schallmauer in die Geschichtsbücher" gelangt

Das Wochenende hat Österreich wieder einmal deutlich und egal, was Feministinnen meckern, als Heimat großer Söhne bestätigt - von Werner Faymann vielleicht ein wenig abgesehen. Wer einen Absprung vom Fünf-Meter-Trampolin, mit fünf Minuten Vorbereitung, in Badehose und ohne von einem Kracherl-Vermarkter gesponsert zu sein, schon für einen sportlichen Quantensprung hält, darf nicht länger auf Unsterblichkeit hoffen. Er muss einem "Teufelskerl" den Vortritt lassen, und das bitte neidlos, auch wenn seine Leistung, wie "Heute" erkannte, "ein kleiner Schritt für Felix Baumgartner, ein großer für Red Bull" war. Er steht schon jetzt als "Mann des Jahrhundert"s fest, mag sich dieses auch noch 88 Jahre hinziehen, "und so wurde er unsterblich".

Wer "durch die Schallmauer in die Geschichtsbücher" gelangt, wie die "Kronen Zeitung" ahnt, kann sich über Vereinnahmung nicht beklagen. "Zur Zeit" wusste schon vor dem Sprung: "Baumgartner überwindet Gesetze der Physik". Aber dort ist Sympathie für Männer, die Gesetze überwinden, traditionell Blattlinie. "Jetzt ist unser Felix unsterblich", tat er doch einen "Sprung für die Ewigkeit", jubelte auch "Österreich", und Wolfgang Fellner wurde über Nacht vom Saulus zum Paulus. "Vor 5 Tagen habe ich in dieser Kolumne meine Zweifel am Sinn des Medien- und Marketing-Hypes rund um den Weltall-Springer Felix Baumgartner geäußert." Dass er so viel gesunden Menschenverstand über das Gelingen des Experiments hinaus nicht durchhalten würde, war abzusehen. Als "eines der faszinierendsten Abenteuer der Menschheit begann", war früher "Zweifel" dahin und Fellner reuig aufseiten der Sieger, wie es das Geschäft des Boulevards verlangt: "Deshalb bin ich an dieser Stelle der Erste, der nicht nur eine Entschuldigung, sondern ein von Herzen kommendes Kompliment an Felix Baumgartner und seinen Sponsor Dietrich Mateschitz sendet."

Faszinierendes Abenteuer Schleimen, und nicht zu knapp. "Den Hut muss man auch vor Dietrich Mateschitz ziehen. Es ist das Wesen der wahren Marketing-Genies, dass sie sich Dinge trauen, die Normalbürger nicht zu träumen wagen", vor allem, wenn sie andere zu Dingen vermarkten, die gesetzteren "Normalbürgern" nicht einmal im Traum einfallen würden.

Dass Michael Jeannée aus Anlass der Himmelfahrt am religiösen Wahn nur knapp vorbeischrammen würde, war zu erwarten. Aber so knapp? "Am vergangenen Dienstag war es nur der Atem, der Hauch Gottes, der in der Wüste New Mexicos fünf Jahre Vorbereitung und Ihren Lebenstraum auf einen Ballon reduzierte, der jämmerlich in sich zusammenfiel". ER hat sich dann aber doch noch zusammengerissen, "und gestern, Felix, war es der liebe Gott höchstpersönlich, der es sich anders überlegt hatte". Und seine Überlegungen deckten sich - wie anders? - mit denen des "Krone" -Postlers: "Der liebe Gott ... der menschlichen Wagemut belohnte und sogar über die 50 Red-Bull-Millionen, die, so sie statt für das Unternehmen Stratos gegen den Hunger in der Welt investiert worden wären, eh nur ein Tropfen auf den heißen Stein bedeutet hätten, großzügig hinwegsah."

Göttliche Gnade für Red Bull? "Warum tat er das? Ich glaube, ich weiß es. Weil da etwas an Ihnen ist, das gottgefällig. Weil Sie mehr denn ein vermessener Abenteurer und verrückter Jumper sind." Das weiß Jeannée, "weil ich auf meinem Fernsehschirm daheim in Döbling in die Augen Ihrer Mutter sah, als es 'soweit' war und in diesen Augen das Folgende las: Weil nämlich der Herrgott ihn so geschaffen hat, durch mich, seine Mutter, die ihm das Leben schenkte." Hoffentlich versteht Kolumnistenkollege Schönborn den Wink und leiert demnächst in Rom die Seligsprechung des "gottgefälligen Jumpers" an. Der Kolumnistenkollegin Swoboda nahm Jeannée mit seiner Laienpredigt den Wind aus den Gefühlssegeln. Sie hörte vor dem Fernseher lediglich "von irgendwo ein glücklich klirrendes Geräusch. Der Baumgartner-Mutter ist soeben das Herz zersprungen." Keine Angst, wo es glücklich klirrt, klirrt es "vor Freude".

An anderen großen Söhnen der "Krone" wären noch Frank Stronach als Autobiograf und Arnold Schwarzenegger als Sensation der Frankfurter Buchmesse abzuhandeln, aber dafür ist diesmal kein Platz. Nur so viel sei versprochen: "Der Terminator beruft schon für kommenden Jänner in Wien einen weltweiten Energie-Gipfel ein". Bei dieser Gelegenheit wird er, eine Kleinigkeit für ihn, "alle Schöpfungskräfte bündeln". Und wer freut sich schon jetzt darauf? "Krone"-Kolumnistin Monika Langthaler. (Günter Traxler, DER STANDARD, 16.10.2012)

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... verschwind mal von der Bühne, das ist seine Show ...

http://www.youtube.com/watch?v=S4gqrPGnLhA

Meine Güte, dass der Jeanee (entweder in Gemeinheit oder in frömmelnder Gefühlsduselei) noch überraschen kann!

Es gibt bestimmte Quanten-Sprünge vom 20-m-Turm, die ich nicht einmal in der Vorstellung aushalte. Sie rauben mir dann die Ruhe. Dann pflege ich in Panik zum Telefon zu greifen; erreiche aber immer nur den sozialpsychiatrischen Notdienst. (Falls gewünscht.)
Und wo bleibt dann der Sinn der Sache, oder des Sprungs?
Ist es nicht unsere Gesellschaft, die einen Sprung in der Schüssel hat?

wenns weiter nichts ist

heimische medien haben schon verwunderlicheres geleistet als schnell mal achselzuckend ein paartausend kinder verhungern zu lassen um einem werbeetat zu schmeicheln und die resonanzen der volksseele einzufangen.
und ehrlich, ein spaß war's ja doch sich den schmarrn anzusehen und dann in der mittagspause darüber zu dillettieren.

Die Leser der Zeit,wissen hoffentlich das nichts die Gesetze der Physik überwindet.

Die Leser der "Zur Zeit", nicht verwechseln bitte.

den quantentheoritischen Erkenntnissen zufolge sind das ja wohl eher Richtlinien welche die breite Masse bei der Stange halten soll.
Wenn keiner hinschaut passiert alles Mögliche.

eben. alles _mögliche_. unmögliches passiert nur im subatomaren bereich. mit einer gewissen wahrscheinlichkeit.

Kompliment an Herrn Traxler. Sich das immer wieder zu geben und sich dann auch noch ernsthaft damit auseinander zu setzen, wenn auch mit ironischer Distanz, lässt auf einen starken Magen schließen.

Typisch österreichisch.....

Kaum hat jemand etwas Einmaliges geschafft, wird alles mies geredet. Wohl nur aus Neid, weil man erkennt, dass man selbst absolut bedeutungslos ist in dieser Welt. FB hat durch seine Aktion niemanden geschadet, im Gegenteil, er hat Mio. von TV-Zusehern WELTWEIT eine spannende Zeit bereitet, indem er sie an der Verwirklichung seines Lebenstraums teilhaben hat lassen. Die Meisten, die hier negativ schreiben haben IMHO KEINE Ahnung davon was es heisst, SO ein Projekt von Anfang bis Ende durch zu ziehen. Gebe es nicht solche "Macher" wie ihn, würden wir heute noch in Steintafeln ritzen und nicht unsere Kommentare via Web posten. Interessant zu sehen, dass FB international als Held gefeiert wird und in Ö durch den Dreck gezogen wird. Traurig!

Großer Gott! Die österreichischen Zeitungen sind wirklich die schlechtesten der Welt. Und ich dachte immer, Thomas Bernhard hätte übertrieben.

In der Österreichzeitung stand,

dass dieser Sprung die Welt verändert hat.
Geht’s noch?
Was hat sich denn verändert????
Für Baumgartner war es ein Abenteuer und für Mateschitz eine Werbung und ins G.-Buch der Rekorde kommt man mit viel Blödsinn.
Wissenschaftlich hat es wohl nicht viel gebracht also wären die 50 Mio. wohl in einem Sozialprojekt besser angelegt gewesen.

Aber immer noch deutlich besser investiert als das Geld von den Banken verzocken zu lassen.
Wissenschaftlicher Nutzen hin oder her, ich fand das ganze überaus unterhaltsam und spannend.

Warum lassen sich eigentlich Medien immer so leicht als Werbemedium mißbrauchen?

Billiger kann man keine Werbung machen - Gratulation RED BULL

"..so sie statt für das Unternehmen Stratos gegen den Hunger in der Welt investiert worden wären, eh nur ein Tropfen auf den heißen Stein bedeutet hätten, großzügig hinwegsah."

wie zynisch

Was man alles gegen den Hunger auf der Welt machen könnte?

Alle Zeitungen könnten befristet auf ihre Werbeeinnahmen verzichten; das Kulturbudget von Städten könnte um die Hälfte gekürzt werden; wir könnten alle 1% mehr Steuern zahlen, ...
und das so zusammengekommene Vermögen investiert man in Maßnahmen gegen den Hunger auf der Welt.

Was für Maßnahmen das wohl sein könnten? Jedenfalls kann ich mir vorstellen, dass allseits bekannte Nahrungsmittelkonzerne ganz vorne stehen und die Hand aufhalten.

Und für Waffenlieferungen wird auch was raus schauen. Das hat ja Tradition in den größten hungerleidenden Gebieten dieser Erde.

Man könnte die Welt so leicht besser machen - nur Red Bull ist so gemein und investiert in einen PR-Gag.

es scheint schwer zu sein, zu diesem Weltrekord-Ereignis etwas sinnvolles zu sagen.

Jenseits von Spektakel-Inszenierung scheint da doch auch was zu sein - aber was?

Bestleistungen, zumal unter Einsatz des ganzen Lebens haben extremen Symbolwert in unserer Kultur - sosehr, dass jeder schon diese gewisse Bedeutungsleere dieses Symbols spürt. Irgendwie spürt man auch, dass diese ganze übersteigerte Leistungsorientierung nicht mehr wirklich zu irgendwas sinnvollem hinführt.... Es bleiben Menschen, die halt irgendwelche Ideen haben und sich Träumen verschreiben, weil das halt subjektiven Sinn ergibt, verloren in der Vereinzelung, getragen von Techniker- und Wissenschafter-Teams und anderen "Schwärmen".

Und der aufgestellte PR-Weltrekord, um den es eigentlich ging, wirkt auch irgendwie schal.

Geschichtsbücher ???

ja wer liest die denn ???

In die Geschichte der PR wird die Sache wohl eingehen, und sicher bald in einschlägigen Lahrbüchern auftauchen. Ja, und auch das Elobarat aus dem Hause der irischen Bierbrauer erscheint ja als Buch , und dort wird sich das Event sicher noch in vielen kommenden Editionen zwischen den Rekorden Im Gummistiefelwerfen und Ähnlichen finden.

Aber sonst ? Seien wir ehrlich, wer außer ein paar Eingeweihten oder aktiven Fallschirmsportlern kannte denn vor diesem Event Herrn Kittinger, der diese Rekorde vorher hielt ?

Geschichtsbücher ??? ja wer liest die denn ???

Man schlage nach im Geschichtsbuch über die Luftfahrt. Dort gibt's auch Kapitel über die Ballonfahrt und den Fallschirmsprung. Und Interessierte lesen die immer wieder, so wie es Interessierte gibt, die im Geschichtsbuch des Automobils, der Eisenbahn, der Schifffahrt, des ersten Weltkriegs, des Indochinakrieges oder sonstigen historischen Gegebenheiten nachblättern.

war das jetzt hoffenltich der letzte baumgartner-artikel?

Das Leben als RedBullMitarbeiter ist hat.

Da muss man also aus 39 km Höhe abspringen wenn der Chef anschafft.

aufs häusl nehm ich immer zwei zeitungen mit

eine zum lesen und die krone zum ...

gut erkannt.

der sprung, die aktion an sich wären ja was einzigartiges im bereich der sport-marketing-ehen, aber die unfassbare schleimerei und das fanboygehabe haben da ziemlich viel negatives in mancher wahrnehmung bewirkt.

Ich wusste gar nicht, dass der Standard neuerdings eine geschützte Werkstätte ist.

Habe selten so einen Stuss gelesen.

Nachdem ich nicht bis zum Ende durchgehalten habe, lasste ich mal die Möglichkeit im Raum stehen, dass dieses Wortgewirr erst in seiner Gesamtheit seinen Wert entfaltet - das bezweifle ich aber sehr.

Weswegen es auch in seiner Gesamtheit zusammengetragen und schon damit kommentiert wird.
Die geschützte Werkstätte des Jahres:
Die Kronen-Zeitung. An zweiter Stelle: Fellner. Beide
schützen darüberhinaus ihre devoten Leser vor möglicher Erkenntnis.

(Leider ist Letzteres auch vermehrt, wenn auch vereinzelt, in letzter Zeit auch in Qualitätsblättern der Fall. Beispiel: der Umgang der Presseelite mit dem Thema der psychischen Krankheit.)

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