Studie empfiehlt Anspruch auf Familienzeit

15. Oktober 2012, 16:31
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Die Untersuchung "Zukunft mit Kindern" analysierte österreichische Familienpolitik und fordert eine Kindergrundsicherung

Berlin - Einen rechtlichen Anspruch auf "Familienzeit" über die gesamte Erwerbstätigkeit bei insgesamt längerer Lebensarbeitszeit empfiehlt die Studie "Zukunft mit Kindern". Sie wurde am Montag in Berlin präsentiert. In der Analyse von Expertinnen und Experten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina wurde unter anderem die Fertilitätsentwicklung und Familienpolitik in Österreich, Deutschland und der Schweiz analysiert. Da die zentralen Ergebnisse und Trends für alle drei Staaten im Wesentlichen übereinstimmen, "richten sich auch die Empfehlungen weitgehend identisch an alle drei Länder". 

"Zeit für Fürsorge"

Der derzeitige stark auf die ersten Lebensjahre des Kindes fokussierte Karenzanspruch soll durch "Zeitoptionen" abgelöst werden. Nicht nur bei der Geburt eines Kindes, sondern auch etwa bei Schul- und Wohnungswechsel, längerer Krankheit des Kindes oder eines Elternteils solle genug Zeit für Fürsorge bleiben - die "gegenwärtige Konzentration der Lebensarbeitszeit auf die mittleren Jahre soll durch eine flexible Entzerrung abgelöst werden, die auch eine Verlängerung nach hinten beinhaltet". 

Rechtlicher Anspruch

Möglich sein sollen sowohl temporärer Berufsausstieg als auch Teilzeitmodelle. Derzeit ist diese Möglichkeit in Österreich nur in den ersten Jahren nach der Geburt möglich. "Ein bestimmtes, politisch definiertes Kontingent an Familienzeit muss über den Lebenslauf hinweg zur Verfügung stehen. Wer für andere sorgt, muss einen rechtlichen Anspruch darauf haben", heißt es in dem Papier. Um dies allen Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen, wird außerdem ein Ausgleich für den Entfall des Erwerbseinkommens sowie eine sozialversicherungsrechtliche Absicherung empfohlen. 

Modelle für beide Elternteile

Außerdem empfiehlt die Studie, dass sich solche Modelle ausdrücklich an beide Elternteile richten müssen. Sie müssten außerdem "über die unmittelbare Kernfamilie hinaus" möglich sein. Für die Forscher wäre dies ein Weg zu größerer sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit, "denn Chancengleichheit am Arbeitsmarkt hängt eng mit gleichen Zeitchancen zusammen - mit vergleichbaren Möglichkeiten, sich um Familienmitglieder zu kümmern". 

"Kindergrundsicherung"

Weiters wird die Schaffung einer "Kindergrundsicherung" vorgeschlagen, die sämtliche kindbezogenen Transferleistungen in einer einzigen existenzsichernden und zu besteuernden Leistung für alle Kinder bündelt. Der Vorteil wäre unter anderem die Verhinderung einer Stigmatisierung von Familien durch Bedürftigkeitsprüfungen - grundsätzlich sollen alle Familien (und alle Familienformen) davon profitieren, eine entsprechende Umverteilung erfolge über die Besteuerung. 

Sinkende Geburtenraten

Analysiert wird auch die Entwicklung der Geburtenraten in den drei Staaten: Demnach bleiben in Österreich 17 Prozent, in der Schweiz 21 Prozent und in Westdeutschland 22 Prozent der Frauen kinderlos. Im Vergleich zu Nord- und Westeuropa weisen die drei Staaten niedrige Geburtenziffern auf. 2009 betrug etwa die zusammengefasste Geburtenziffer in Deutschland und Österreich 1,4 und in der Schweiz 1,5 Kinder pro Frau, das ist weit unter dem Niveau der "Bestandserhaltung" (2,1). 

Geburt wird aufgeschoben

Dies hänge zu einem guten Teil mit dem Aufschieben der Geburten in ein höheres Lebensalter zusammen. In Österreich lag etwa das Durchschnittsalter bei Erstgeburt 2008 bei 27,8 Jahren, in Ostdeutschland bei 27,5, in Westdeutschland bei 28,7 in der Schweiz bei 29,6 Jahren, dem höchsten Wert in Europa. (APA, 15.10.2012)

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    Die Studie fordert ein tragfähiges Netz in Form einer "Kindergrundsicherung".

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