Chimborazo: Todesangst auf dem höchsten Berg Ecuadors

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  • Umwelt schonen, Wasserquellen schützen und keinen Müll wegwerfen: Naturschutz wird in Ecuador groß geschrieben und tatsächlich sind die Straßengräben sauberer und gepflegter als anderswo in Südamerika.
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    Umwelt schonen, Wasserquellen schützen und keinen Müll wegwerfen: Naturschutz wird in Ecuador groß geschrieben und tatsächlich sind die Straßengräben sauberer und gepflegter als anderswo in Südamerika.

  • Die Wälder am Rand der Anden sind fast durchgehend mit Wolken verhangen. So verging im Süden des Landes auch kaum ein Tag ohne leichten Nieselregen.
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    Die Wälder am Rand der Anden sind fast durchgehend mit Wolken verhangen. So verging im Süden des Landes auch kaum ein Tag ohne leichten Nieselregen.

  • Der typische Verlauf von Hochlandstraßen in Ecuador: Weitläufige Serpentinen führen bergab zu einem kleinen Dorf oder über einen Bach, um sich danach wieder ebenso weit bergauf zu schlängeln.
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    Der typische Verlauf von Hochlandstraßen in Ecuador: Weitläufige Serpentinen führen bergab zu einem kleinen Dorf oder über einen Bach, um sich danach wieder ebenso weit bergauf zu schlängeln.

  • Auf weit über 4.000 Höhenmeter irgendwo auf der Inkastraße mit Johannes und Serena aus Tirol. Mehr als zehn Tage waren wir gemeinsam unterwegs und teilten die Wildheit, Naturbelassenheit, Abgeschiedenheit und Schönheit Ecuadors.
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    Auf weit über 4.000 Höhenmeter irgendwo auf der Inkastraße mit Johannes und Serena aus Tirol. Mehr als zehn Tage waren wir gemeinsam unterwegs und teilten die Wildheit, Naturbelassenheit, Abgeschiedenheit und Schönheit Ecuadors.

  • Wenig ist im heutigen Ecuador vom einst gigantischen Inkareich übriggeblieben. Ein paar Ruinen sind noch vorhanden und der ausgetretene, steinige Weg ist ab und zu erkennbar - wir taten uns aber ganz schön schwer, am Weg zu bleiben.
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    Wenig ist im heutigen Ecuador vom einst gigantischen Inkareich übriggeblieben. Ein paar Ruinen sind noch vorhanden und der ausgetretene, steinige Weg ist ab und zu erkennbar - wir taten uns aber ganz schön schwer, am Weg zu bleiben.

  • Auf der Küstenseite Ecuadors dreht sich fast alles um Bananen, die nach Erdöl das wichtigste Exportgut sind.
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    Auf der Küstenseite Ecuadors dreht sich fast alles um Bananen, die nach Erdöl das wichtigste Exportgut sind.

  • Aufstieg zum höchsten Berg des Landes: Vom ersten Lager auf etwa 4.000 Metern war der Chimborazo noch schön 
anzusehen und fotogen. Seine Gipfel waren immer nur für ganz 
kurze Zeit enthüllt.
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    Aufstieg zum höchsten Berg des Landes: Vom ersten Lager auf etwa 4.000 Metern war der Chimborazo noch schön anzusehen und fotogen. Seine Gipfel waren immer nur für ganz kurze Zeit enthüllt.

  • Ab 6.000 Metern nahm der Spaßfaktor stetig ab. Auf- und Abstieg trieben uns fast bis zur völligen 
Erschöpfung. Über 
Pausen entschied nicht mehr der Kopf, sondern der Körper, wenn er 
plötzlich zusammensackte.
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    Ab 6.000 Metern nahm der Spaßfaktor stetig ab. Auf- und Abstieg trieben uns fast bis zur völligen Erschöpfung. Über Pausen entschied nicht mehr der Kopf, sondern der Körper, wenn er plötzlich zusammensackte.

Durch schmale Täler, kleine Dörfer und größere Städte bis auf den über 6.000 Meter hohen Chimborazo, wo die Knie mehr als schlotterten

"Der Wald ist die Lunge der Erde", "Wasser ist Leben" und "Achte den Lebensraum der Tier". Entlang der Straßen in Ecuador sind alle paar Kilometer Schilder mit solchen Aufschriften zu finden. Der Schutz des intakten Ökosystems wird hier ernst genommen. Aber abseits der herkömmlichen Verkehrswege gibt es noch viel mehr Einzigartiges zu entdecken.

In den vergangenen Wochen wanderten wir etwa 1.000 Kilometer durch das faszinierende Hochland Ecuadors und wurden Tag für Tag aufs Neue bezaubert. Von wilden Gebirgsbächen und heftigen Wasserfällen, dichten Nadelwäldern und noch dichterem Dschungel, mächtigen Bergwänden und verschneiten Vulkanen, einer einmaligen Tierwelt und der außergewöhnlichen Artenvielfalt. Sowie von einer indigenen Bevölkerung, die im Einklang mit ihrer Umwelt lebt, anstatt sie zu zerstören.

Start in La Balsa

Die Reise durch das Äquatorland begann für uns in La Balsa, dem wohl entlegensten Grenzübergang zu Peru. Wir mussten erst am Privathaus des Grenzbeamten klopfen, um überhaupt einen Ausreisestempel zu bekommen. Auf der anderen Seite der Brücke ging es ebenso gemütlich zu. Von hier aus windet sich eine enge Sandstraße wie eine Achterbahn durch den wolkenverhangenen Regenwald.

Die Täler sind so schmal, dass die Strecke über nahezu alle Berge und ausnahmslos bergauf oder bergab führt. Dazu kommt, dass sich der Berg gegen den Einschnitt der Straße wehrt und aufgrund der teils strengen Witterung stetig herunterbricht und den Weg blockiert. Viele Abschnitte sind dadurch ständige Baustellen und wegen knöcheltiefen Schlamms schwer passierbar.

Es gab vereinzelt Ortschaften und winzige Siedlungen am Weg. Die steilen Hänge verwenden die Bewohner als Anbauflächen für Bananen, Papayas und Kakao in kleinen Mengen. Gleich am ersten Tag wurden wir mit vielen weiteren exotischen Früchten vertraut gemacht und reichlich beschenkt. Die Gastfreundlichkeit und Bescheidenheit der Menschen, ihr einfaches, unkompliziertes, friedliches Leben und die wilde Schönheit der Natur in diesem entlegenen Teil des Landes haben uns vom ersten Tag an in den Bann gezogen.

Pause in Loja

Mit Loja haben wir nach schwierigen 200 Kilometern die erste größere Stadt erreicht. Wir rasteten hier etwas, bevor es am Panamerican Highway weiter Richtung Norden ging. Spätestens jetzt waren wir im Hochland und stiegen in den darauffolgenden Tagen immer noch höher in die ecuadorianischen Anden. Diese durchziehen das Land in Süd-Nord-Richtung und teilen es in drei völlig unterschiedliche Gebiete: im Osten das dünn besiedelte Amazonasbecken, im Westen das Küstengebiet und dazwischen das Hochland, wo der Großteil der Bevölkerung lebt. Dazu kommen noch die Galapagos-Inseln, die neben rund 25.000 Einwohnern wohl eine äußerst interessante Tier- und Pflanzenwelt beheimaten.

Ecuador gilt trotz der geringen Größe als eines der abwechslungsreichsten Länder der Welt. Die Biodiversität ist so hoch wie kaum woanders und wird in den zahlreichen Nationalparks des Landes erhalten. Ebenso vielfältig zeigen sich die Naturvölker, die größtenteils im Dschungel, aber auch in kleinen Andendörfern zu Hause sind. Beachtlich viele davon können immer noch nach eigenen Vorstellungen, Traditionen und Wertesystemen leben.

Im schönen Cuenca

Cuenca gilt für viele neben Quito als die schönste Stadt des Landes. Das Zentrum mit den engen gepflasterten Gassen, unzähligen Kirchen und Plätzen wurde auch zum Weltkulturerbe erklärt. Wir verbrachten ein paar schöne Tage dort, doch der Weiterweg gefiel uns noch viel mehr. Vor allem weil wir wieder einmal Begleitung hatten. Zusammen mit Johannes und seiner Freundin folgten wir den Spuren der Inka durch kleine Täler und einsame Berglandschaften. Die Inkastraße verband einst die Städte Cusco und Quito, doch heute sind davon nur noch wenige Abschnitte erhalten. Auch alte Ruinen liegen hier und da am Weg und zeugen von einer beachtlichen Hochkultur.

In vielen Teilen des Hochlandes konnten wir bäuerliches Leben in direktem Einklang mit "Pachamama" (Mutter Erde) und eine tiefe Verehrung der Natur beobachten. Andere Teile des Landes hingegen werden von zerstörerischen Umwelteingriffen und Menschenrechtsverletzung heimgesucht. So schreiten Ölkonzerne seit Jahrzehnten immer weiter in den Regenwald östlich der Anden vor, um die endlichen Schätze aus dem Amazonasboden zu pumpen.

Eingriffe wie diese führen zu massiver Entwaldung und Vergiftung sowie zur Verdrängung von unzähligen Lebewesen und ganzen Stämmen. Ein Ende der Zerstörung ist nicht in Sicht. Ecuador hat nach Venezuela und Brasilien die drittgrößten Ölvorkommen in Südamerika und produziert rund 500.000 Barrel Öl pro Tag.

Bananen als bedenklicher Exportschlager

Auf der anderen Anden-Seite, im Küstengebiet, wird das zweitwichtigste Exportprodukt Ecuadors produziert. Jährlich werden fünfeinhalb Millionen Tonnen Bananen verschifft. Vor allem der niedrige Preis der Frucht spielt eine wesentliche Rolle. Ein Blick auf eine konventionelle Plantage zeigt, wer die tatsächlichen Kosten für unseren Genuss trägt. Es sind die Arbeiter, die für viel zu wenig Geld viel zu viel schuften und weder Schutz, Rechte oder Absicherung noch sonstige Leistungen erhalten. Die Marktkonzentration auf wenige globale Konzerne führt auch hier zu rücksichtsloser, verantwortungsloser und blinder Ausbeutung.

Neben massiven Menschnerechtsverletzungen wird die Umwelt erheblich vergiftet. Der konventionelle Anbau von Bananen gilt als der giftigste überhaupt, weil Pestizide, Herbizide, Fungizide, Insektizide und Nematozide eingesetzt werden. Allerdings gibt es mittlerweile auch ökologische, fair gehandelte Alternative, die mittlerweile wohl fast jede europäische Supermarktkette führt.

Staunend vor dem Chimborazo

Zurück in die Berge, die auf unserem Weg Richtung Norden immer höher wurden. Die Vegetation nahm stetig ab und übrig blieb nur stacheliges, hartes Andengras. Schließlich erreichten wir die berühmte "Ruta de los Volcanes" (Straße der Vulkane), an der sich auch der höchste Berg des Landes befindet: der 6.268 Meter hohe Chimborazo. Allerdings ist die Besteigung des Vulkans ohne jegliche Gletschererfahrung und gerade zu dieser Zeit nicht die beste Idee, wie uns die erste Agentur mitteilte, bei der wir uns informierten.

Bei einer zweiten Agentur erzählten wir von unserer bisherigen Reise und erfuhren, dass wir schon eine Gipfelchance hätten. Auch unsere Spezialwünsche wurden erfüllt: Wir konnten den ganzen Weg gehen und nicht erst vom Basislager aus starten, wo wir unseren Bergführer treffen wollen. Außerdem bekamen wir für den Aufstieg geügend Obst. So befanden wir uns nach einem etwa 50 Kilometer langen Marsch im Carell-Refugium auf 4.850 Meter und nützten die restliche Zeit zur Akklimatisierung.

Als Anfänger über Gletscherspalten springen

Mit kompletter Eisausrüstung, Helm, Stirnlampen und sicher dem doppelten Volumen in unseren Rucksäcken starteten wir aufgeregt nachts um elf in Richtung Gipfel. Wir waren zu fünft, ein Bergführer für uns beide und ein weiterer mit einem Amerikaner am Seil. Noch war nur die Finsternis ungewöhnlich, doch als wir nach etwa zwei Stunden die Steigeisen anlegen mussten und dem Eis immer näher kamen, begann etwas ganz neues für uns. Erst jetzt fragte uns Fabio ob wir Erfahrung am Gletscher hätten und wir wunderten uns, dass er die Antwort nicht wusste. Jedenfalls entstand zusätzlich zur steigenden Anstrengung der Druck, die Unerfahrenheit nicht zu zeigen - denn wir wollten nicht frühzeitig umkehren, weil es zu gefährlich für Anfänger sein könnte.

Aufgrund des starken Windes und der damit verbundenen Steinschlaggefahr konnten wir nicht die Normalroute gehen, sondern mussten eine längere, steilere, aber etwas sicherere nehmen. Die zwei Lichter hinter uns verschwanden bald und wir erfuhren später, dass die andere Seilschaft früh umkehren musste. So waren wir die einzigen am Berg und kämpften uns erst zügig, dann Schritt für Schritt und bald nur noch auf allen Vieren bergauf. Als wir die erste tiefe Gletscherspalte springend passierten und ich daraufhin mehrmals abrutschte und mich nur noch ein dünnes Seil am Berg hielt, erkannten wir den Ernst der Lage. Der Gedanke ans Umkehren beschäftigte die restlichen fähigen Gehirnzellen, doch die größte Angst war jetzt, nicht mehr heil nach unten zu kommen.

Die wahren Gefahren offenbaren sich im Sonnenlicht

Gegen sechs Uhr morgens kamen wir nach sieben mühsamen Stunden dann doch ganz oben an. Der eisige Wind verwandelte die -20 Grad in gefühlte -30 und der Sonnenaufgang war noch immer eine Stunde entfernt. So mussten wir uns sogleich an den befürchteten Abstieg machen, ohne das Erreichen des Gipfel genießen zu können. Die Sonne schenkte etwas Kraft, Motivation und mehr Sicht, allerdings konnten die Füße schon lange nicht mehr hintreten, wo sie sollten.

Erst jetzt sahen wir das ganze Ausmaß des mächtigen Gletschers, die Steilheit und die Tiefe der Spalten. Neben den körperlichen Qualen spürten wir große Achtung und wahre Demut vor der Natur. Wir erreichten einen Punkt, an dem unsere physischen Kräfte erschöpft waren und uns nur noch der Geist weitertrieb. So schafften wir es quasi im Halbschlaf zur Schutzthütte, wo wir uns gegenseitig das Versprechen gaben, nie wieder einen derartigen Gletscher besteigen zu wollen.

Beim Abschied schon wieder mutiger

Einige Wochen später denken wir erwartungsgemäß schon wieder ganz anders über die Sache. Wir wissen, dass wir die Strapazen bald vergessen haben und bei der nächsten Versuchung wieder nicht widerstehen können. Neben den Erinnerungen an richtige Todesängste bleibt auch dieses Gefühl von Stolz und tiefer Zufriedenheit zurück.

Es ist immer wieder fantastisch und unglaublich reizvoll, unsere Kleinheit vor der Natur zu erkennen. Wir wissen, dass wir in bestimmen Teilen der Welt wirklich nichts verloren haben, doch freuen uns schon jetzt auf eine weitere, unvernünftige Herausforderung. Allerdings auf einem ganz anderen Teil der Erde. Adios Ecuador, adios Südamerika! (Rowin Höfer/Marvin Fritz, derStandard.at, 18.10.2012)

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