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Chronist seiner selbst: Julian Schutting. der am 25. Oktober seinen 75. Geburtstag feiert, webt über die reale Vorlage für sein kühnes Werk einen hauchfeinen Schleier.
Wien - Manchmal, wenn die Liebe alle Begriffe übersteigt, klammert sie sich an Erscheinungen, die ihrem Drängen Halt verleihen. In Julian Schuttings Prosabuch Die Liebe eines Dichters ist es das Ave- oder Angelusläuten, das dem Autor den Weg zur Geliebten weist. Während die Kirche im 19. Wiener Gemeindebezirk die Glocken in Schwung hält, eilt der Erzähler los, um an der Haustür des begehrten Wesens zu klingeln.
Ihm wird aufgetan: Mit pochendem Herzen eilt der Dichter die Stiege hinan. Es ist keine verwegenere Liebe denkbar als diese noble, keusche, von der Schutting als Chronist seiner selbst Rechenschaft ablegt. Von der Geliebten darf er scheue Wangenküsse erwarten; man teilt die Vorlieben für Botanik, für die klassische Musik, für ausgedehnte Wanderungen im Weichbild von Wien. Wohl darf die Liebe des Dichters auf Erwiderung hoffen, jedoch nicht auf Erfüllung.
Schuttings poetisches Konzept steht bewusst quer zur Abgebrühtheit und Aufgeschlossenheit der Generation "YouPorn". Der Dichter hält akribisch das Verrinnen der Zeit fest, beschreibt den Wechsel der Medien: Indem das erzählende Ich unter vernehmlichem Zähneknirschen die Hoffnung auf Erfüllung preisgibt, eröffnet sich ihm das Reich poetischer Freiheit. Schuttings Buch, eine literarische Groß- und Glanztat dieses Bücherherbstes, huldigt dem völlig abwegig gewordenen Konzept der "Hohen Minne".
Die geliebte Person wird zum Phantasma. Je genauer sich der Autor in den Lobpreis ihrer Vorzüge vertieft, desto spukhafter und rätselhafter erscheint diese "adoratio".
Das Liebesobjekt existiert tatsächlich. Schutting, der in weniger als zehn Tagen seinen 75. Geburtstag feiert, webt einen hauchfeinen Schleier um die reale Vorlage für sein kühnes, verstiegenes Werk. Nach allem, was er sagt, drängt er das Buch seiner Gefährtin nicht auf. Das Wort " Sublimierung" kommt ihm zwar über die Lippen, aber die handfeste Liebe achtet er darum nicht gering: "Die hohe Minne ist das Artefakt. Die niedere Minne, das ist das Bauernmädel." In seiner melodiösen Sprache klingt ein solcher Satz keinen Augenblick prätentiös.
Ein Stunden- und Jahresbuch wie Die Liebe eines Dichters erweckt leicht den Anschein, in ihm wären die Herzensergießungen eines zum Leiden entschlossenen Heiligen gesammelt. Nichts wäre weniger wahr. Schuttings weit ausschwingende Sätze verraten das Kalkül eines Meisterlyrikers.
Obwohl: "Die Lyrik ist mittlerweile die Domäne der Dummen. In der Lyrik wird heute so beschränkt geschrieben wie auf keinem anderen Gebiet. Wann das begonnen hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nach der Bachmann." Schutting liebt den althergebrachten Zwang überkommener Formen. Wenn das gesellschaftliche Leben solche Formen nicht mehr bereitstellt, hat der Dichter sie zu entwerfen und in seinen Büchern zu verwahren, zusammen mit anderen Fundstücken des Lebens. "Wenn man nicht Außenwelt in sich hereinholt, glotzt man nur in eine Leere hinunter", sagt Schutting.
Er habe ein Fieber an sich wahrgenommen und dieses Fieber festgehalten. Der Erzähler seines Buches spricht von den Bleistiften, die über der Beschäftigung mit der Geliebten zu kleinen Stummeln geworden sind. In Wahrheit hat Schutting seinen Text immer wieder ausgedruckt und neu überschrieben. Manchmal störte ihn die Anhäufung zu vieler Präpositionen (man muss sich Schutting-Sätze als metrisch exakte Präzisionsaufzeichnungen vorstellen).
Das größte Kompliment habe er aus dem Munde seiner Lektorin erfahren: " Ich würde sie an den Maler Turner erinnern. Nähme man da oder dort eine Kleinigkeit weg, würde sich das ganze Bild auflösen." Etwas Schöneres könne man über seine Poesie nicht sagen. Julian Schutting springt auf und verabschiedet sich. Er durchquert Wien, wann immer es geht, zu Fuß, und wenn es ihn drei Stunden kostet. Vor allem aber darf er kein Aveläuten versäumen.
Die Liebe eines Dichters braucht etwas, woran sie sich halten kann. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 16.10.2012)
Julian Schutting: "Die Liebe eines Dichters". Salzburg/Wien, Jung & Jung 2012.
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...mit Ihrem feinsinnigen, voller Empathie für Herrn Schutting als Person und als Lyriker verfassten Artikel haben Sie ihm selbst und seinem Buch einen kleinen Liebesdienst erwiesen, weil Sie zart den Schleier von ihm und seinem Werken/Wirken heben, und zwar genau so weit, dass man als Leser Ihres Artikels hoch- und niederminnige Lust bekommt, die Neuerscheinung zu kaufen.
Bei uns in der Haizingergasse hat er(sie) die ersten Schritte als Professorin gemacht. (Als "Beiwagerl " neben der regulären Professorin.) Und sie hatte den Mut und die Überzeugung recht dummen und kindischen 15-jährigen "Ganserln" ihre Lyrik vorzutragen. Sehr zu meiner Freude. Unvergessen.
dass er immer noch schreibt.
Hatte die Freude vor Jahren drei Schreibseminare in der Steiermark bei ihm besuchen zu dürfen. Ein unglaublich lieber Mensch, der einem das Handwerk des Schreibens durch stundenlange Diskussionen in der Gruppe wirklich nahebringen konnte. Sehr bereichernde Wochen.
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