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Ensemble von Laurent Chétouanes "Sacré Sacre du Printemps" im Tanzquartier.
Wien - Die Geschichte von Le Sacre du printemps ist traurig. Eine patriarchale Gesellschaft treibt, um ihren Zusammenhalt zu stärken, eine junge Frau in den Tod. Aber das war nicht der Grund dafür, dass die Uraufführung dieses Balletts im Paris des Jahres 1913 zum Skandal geriet. Den Aufruhr im Auditorium verursachten vielmehr Igor Strawinskys fremd klingende Musik und Vaslav Nijinskys Choreografie.
Bis heute wird das Thema im Tanz in unzähligen Variationen durchgespielt. Die jüngste Version unter dem Titel Sacré Sacre du Printemps von dem renommierten französisch-deutschen Regisseur und Choreografen Laurent Chétouane (39) war gerade im Tanzquartier Wien zu sehen.
Der historische Hintergrund dazu ist äußerst vielfältig. Mary Wigman und Maurice Béjart zum Beispiel nahmen sich Sacre vor. Sogar in dem Zeichentrickfilm-Klassiker Fantasia der Disney Studios tanzen Saurier zu Strawinskys Musik. Weitere Sacre-Tänze stammen von Pina Bausch, Marie Chouinard und Raimund Hoghe. In Österreich zeigte Christine Gaigg im Jahr 2000 ihr Sacre Material. Und Chris Haring präsentierte vor zwei Jahren bei Impulstanz Sacre - The Rite Thing.
Zu den spannendsten Interpretationen zählen die Butô-Version ohne männliche Tänzer Haru no Saiten - Un Sacre du Printemps von Carlotta Ikeda und eine konzeptuelle Arbeit von Xavier Le Roy, der Simon Rattles Dirigat der Strawinsky-Musik nachtanzte.
Laurent Chétouane geht den Klassiker aus einer hochaktuellen Perspektive an, die ganz Europa bewegt: den Umgang mit dem Fremden. Das Fremde in der eigenen Kultur, die Begegnung mit anderen Kulturen, das Fremdwerden des Vergangenen und das Fremde im Blick auf die Zukunft - all dies ist in seinem Stück geladen. Erst einmal entfremdet der Choreograf sein Publikum von dem Kult um das Frühlingsopfer-Ballett. Dafür wird Sacré Sacre..., das "heilige Opfer", mit beinahe bissiger Ironie vorgeführt. Erstens findet im Stück kein Opfer statt. Denn zweitens sind alle sieben Figuren bereits tot.
Sie treten als Zombies auf. Sie blecken ihre Zähne. Ihre Gesichter tragen Zeichen der Verwesung. Und sie bewegen sich stilisiert künstlich, steif, zuweilen wackelig. Dazu gleitet geisterhaft das Bild einer Landschaft, in dem zuweilen zwei kalte Sonnen leuchten, über drei Screens. Außerdem erhält Strawinskys Stück einen "fremden" kompositorischen Zusatz (von Leo Schmidthals).
Seit Jahrhunderten stehen lebende Tote in verschiedenen Kulturen für das denkbar Fremdeste und Umheimlichste. Über diese Metapher führt Chétouane sein Publikum an das Unerklärliche heran. Ohne das aus dem Kino bekannte Blutspektakel. Und ohne Anbiederung. Damit uns das Fremde als solches vertraut werden kann. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 15.10.2012)
Nächste Aufführungen: Bremen, 26.+27.10.; Berlin, 7.-9.11.
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