150 Filme pro Jahr

Interview

Birger Schmidt ist Gründer und Leiter des Berliner Fußballfilm- festivals "11mm". Im Interview spricht er über die Hintergründe seiner Leidenschaft, seine Lieblingswerke und warum Fußballfilme immer besser werden

ballesterer: Wie ist es zur Gründung des »11mm«-Filmfestivals gekommen?

BIRGER SCHMIDT: Das Festival ist eine Art groß gewordenes Hobby. Ich bin durch und durch Filmfan und auch aus diesem Grund vor 25 Jahren nach Berlin gezogen. Davor bin ich jedes Jahr zur Berlinale gefahren, irgendwann habe ich mir gedacht, dass ich doch besser gleich dorthin ziehen könnte, anstatt mir immer für die Reise Urlaub zu nehmen. Film ist eine große Antriebskraft in meinem Leben, der Fußball genauso, und die beiden Dinge passen einfach gut zusammen.

Das reicht, um ein eigenes Filmfestival hochzuziehen?

Schmidt: Nein, da kommt noch ein biografisches Detail dazu. Ich war fünf Jahre lang beim British Council in Berlin tätig. In besonderer Mission, denn in den Jahren vor der WM 2006 hat man sich dort Fußball als einen Schwerpunkt gesetzt. Und das kam so: Viele deutsche Jugendliche und junge Erwachsene fahren gerne nach England, aber nur wenige Engländer nach Deutschland. Daraufhin ist in England eine Umfrage gemacht worden, woran das liegen könnte. Die englischen Jugendlichen haben zu Protokoll gegeben, dass sie an Deutschland einfach wenig interessieren würde. Es sei kein Urlaubsland, ihre Lektüre in Bezug auf Deutschland ging meistens in Richtung Hitler und Zweiter Weltkrieg, das einzig Interessante sei die Techno-Szene in Berlin und eben der Fußball, die alte Rivalität. Daraufhin hat der Rektor des British Council gesagt, dass wir im Vorfeld der WM etwas machen müssten. Ich hatte das große Glück, der Auserwählte zu sein, der die beiden Länder durch verschiedene fußballkulturelle Projekte zusammenbringen sollte. 

Wie Fußballfilme?

Schmidt: Genau. Ich habe mir vor Ort vieles angesehen, war in diversen britischen Städten, habe mit Fanzine-Machern gesprochen und so weiter. Dabei bin ich auf viele Fußballfilme in den Geschäften gestoßen und ganz berauscht zurückgekommen. Dann habe ich einen Freund von mir gefragt, ob man nicht ein Festival rund um Fußballfilme machen könnte, und er hat mich angespornt, es zu versuchen. Das British Council hat uns dann das erste Festival im Jahr 2004 finanziert, dabei sind auch nur britische Filme gelaufen.

Suchen Sie die Filme, die am Festival gezeigt werden, alle persönlich aus?

Schmidt: Ich bin einer von drei Leuten in der Festivalleitung, und wir sind auch diejenigen, die in Rücksprache mit befreundeten Journalisten oder weiteren Teammitgliedern von »11mm« das endgültige Programm zusammenstellen. In jedem Jahr gibt es mindestens einen Schwerpunkt. Wie es klassisch zu einem Filmfestival gehört, sollen auch immer die besten Neuerscheinungen präsentiert werden. Darüber hinaus gibt es auch eine Retro-Reihe und einen Kurzfilmwettbewerb. 

Wie viele Fußballfilme sehen Sie im Jahr?

Schmidt: Etwa 150. 

Etwas viel, würde ich meinen.

Schmidt: Wenn das Festival vorbei ist, kann ich für drei Monate keinen Fußballfilm mehr sehen. Ich gehe danach auch noch gerne ins Kino, aber es darf kein Ball über die Leinwand rollen.

Steigt die Anzahl der neuen Filme zu diesem Thema von Jahr für Jahr?

Schmidt: Ja, es gibt immer mehr Neuerscheinungen, vor allem im Kurzfilmsektor. Wahrscheinlich, weil es mittlerweile im Bereich der Animation einfacher ist, gute kurze Filme zu machen. Dadurch, dass wir weltweit Scouts beschäftigen, besser gesagt, Freundinnen und Freunde, die uns über neue Fußballfilme informieren, erfahren wir von immer mehr Werken. Entscheidend - und unser großes Glück - ist aber, dass auch die Qualität der Filme besser geworden ist. Die Geschichten werden interessanter, und es treten nicht mehr nur schlechte Schauspieler auf, die Fußballer spielen, oder Fußballer, die schlechte Schauspieler sind. Gerade beim Casting zu den Fußballfilmen hat sich viel getan. 

Kritiker wagen oft übertriebene Vergleiche zwischen Fußball und Film ...

Schmidt: ... elf Meter soll man vor der Leinwand sitzen.

Aber gibt es auch tatsächliche Berührungspunkte beider Bereiche?

Schmidt: Da wäre vor allem die Faszination darüber, was in 90 Minuten alles gezeigt werden kann. Das Drama, das in eineinhalb Stunden sichtbar wird, und seine verschiedenen Protagonisten. Die dein Herz erwärmen, weil du sie seit Jahren verfolgst. Egal, ob du in jeden Robert-de-Niro-Film gehst oder zu den Spielen deiner Mannschaft und deines Lieblingsspielers. Zu dieser Bindung an eine Person kommt auch noch die Story dazu. Die Szenen, die sich während einer Fußballsaison abspielen, haben, wenn es auch weit hergeholt sein mag, Parallelen zu dem, was in einem Film passiert. Ich spreche von Begeisterung und Huldigung, von vollstem Genuss und kompletter Erschütterung nach diesen 90 Minuten. Es ist ein großes emotionales Erlebnis, einen tollen Film zu sehen oder ein großartiges Fußballspiel. 

Was unterscheidet den Fußballfilm von anderen Sportfilmen? Gibt es da eine Besonderheit?

Schmidt: Rein technisch ist es einfacher, einen Boxer-, Radfahrer- oder Formel-1-Film zu machen. Es ist eine große Herausforderung, ein Stadion mit 60.000 Zusehern darzustellen oder die Dynamik und Ballfertigkeit eines Hauptdarstellers. Man kann leichter Boxszenen nachstellen oder jemanden hinters Steuer setzen oder auf das Rad, wenn man realistische Einstellungen sucht. Das ist für mich schon die große Schwierigkeit des Fußballfilms. 

Wie definieren Sie eigentlich, ob ein Film die Kriterien für das Festival erfüllt? Sie können ja nicht jeden Film berücksichtigen, in dem ein Ball durchs Bild springt.

Schmidt: Wir haben keine festen Kriterien. Die Faszination Fußball muss deutlich werden, und es müssen Geschichten rund um den Fußball erzählt werden. 

Würden Sie bei Ihrer reichhaltigen Erfahrung folgende Frage überhaupt noch für zulässig halten: Warum gibt es eigentlich keine guten Fußballfilme?

Schmidt: Diese Frage ist Anfang der 2000er Jahre häufig von Filmkritikern gestellt worden. Es hat ja auch immer geheißen, Fußballfilme seien Kassengift und hätten in Kinos nichts zu suchen. In den letzten Jahren hat sich die Situation aber stark verändert. Bei unserem zehnjährigen Jubiläum wollen wir eine Art Best-of zeigen und auch den besten Fußballfilm aller Zeiten küren. Gewählt wird er von den Zuschauern und Juroren aus dem Fußballgeschäft. Wir sind gerade mit der Auswahl der Filme beschäftigt und merken, wie viele mittlerweile in Frage kommen. Daher ist Ihre Frage wohl nicht mehr zulässig. Das Seltsame ist aber nach wie vor: Wir hatten bereits neun Festivals, und alle neun Sieger des Publikumspreises »Die goldene Elf« waren Dokumentarfilme. Daher denken wir darüber nach, im Jubiläumsjahr in zwei Sparten, Spielfilm und Dokumentarfilm, auszuzeichnen. 

Nennen Sie mir drei Spielfilme, die für Sie zu den besten Fußballfilmen aller Zeiten zählen.

Schmidt: Einerseits der inzwischen schon recht bekannte britische Film »The Damned United«. Er ist schauspielerisch hervorragend gemacht, und er erzählt die bewegende Geschichte eines Trainerschicksals. Gleichzeitig enthält er auch vieles, was ich am britischen Film generell liebe: Realismus, guter Humor und packende Fußballszenen. Als Einstieg, um Spielfilme mit Fußball zu sehen, wäre »The Damned United« der richtige. Dann empfehle ich »El Camino de San Diego«, ein sehr poetischer Film aus Argentinien über einen jungen Mann und seine Liebe zu Diego Maradona. Ein bezauberndes Roadmovie, das auch Leute begeistern wird, die nicht so dicht am Fußballfilm dran sind, aber eine schöne Geschichte mit tollen Bildern und einem großartigen Hauptdarsteller sehen wollen. Mein dritter Liebling ist »Das Wunder von Bern«. In Deutschland ist er stark umstritten, dafür kommt er im Ausland sehr gut an. Ich weine gerne im Kino, und dieser Film hat mich zum Weinen gebracht. 

Was denken Sie über die mittlerweile zahlreichen Filme zu Fans, Fankultur und Hooligans?

Schmidt: Da bin ich sehr zwiegespalten. Ich finde die meisten Spielfilme zu diesem Thema absolut misslungen und in erster Linie gewaltverherrlichend. Einem Film wie »Football Factory« gebe ich das Prädikat sehenswert, obwohl darin auch viele Gewaltszenen vorkommen. Aber dank der Zeitzeugen und Fans, die bei der Drehbucharbeit dabei waren, ist dieser Film realistisch. Ansonsten stammen die besten Filme rund um die Ultra-Bewegung und den Hooliganismus aus dem Dokumentarfilm. Filme, die beispielsweise mithilfe von Fanprojekten entstanden sind oder bei denen der Regisseur sich tatsächlich länger Zeit gelassen hat, um die Fans aus der Szene nach ihrem Alltag zu befragen. Ich spreche von kleinen Filmen, die häufig weder im Kino gezeigt werden noch als DVD zu haben sind, aber bei uns für das Festival eingereicht werden. 

Sind in bestimmten Ländern die Filmschaffenden eher am Thema Fußball interessiert als in anderen?

Schmidt: Wir haben mit dem britischen Film begonnen, und bis heute können wir jährlich damit rechnen, dass wir sehenswerte Produktionen aus Großbritannien erhalten. In Deutschland hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Wir merken aber allein an der Anzahl der Einreichungen, dass Lateinamerika der Ort ist, wo Filme mit diesem Thema am liebsten gesehen werden. Skandinavien ist stark auf unserem Festival vertreten, im Gegensatz zu den klassischen europäischen Fußballländern wie Italien, Spanien und Frankreich.
Gerade Filmemacherinnen und Filmemacher mit feministischem Anspruch haben in den letzten Jahren den Fußball entdeckt. Ein Beispiel wäre »Football under Cover«, der 2008 beim Festival ausgezeichnet wurde.
Das ist auch für uns ein Phänomen. Von Anfang an war die Zahl der Zuseherinnen am Festival wesentlich höher als im Stadion. Voriges Jahr, als die Frauenfußball-WM in Deutschland gastierte, hatten wir eine eigene Frauenfußballfilmreihe mit zwölf der besten Werke. Darunter auch »Hana, Dul, Sed«, einen Film aus Österreich über das nordkoreanische Frauenfußballteam.

Im Dokumentarfilm entstanden herausragende Produktionen, etwa »The Other Chelsea« oder »The Game of Their Lives«. Ist es vielleicht ein Vorteil für die Dokumentarfilmer, dass sie sich im Gegensatz zu Spielfilmregisseuren mit Fußball gar nicht auskennen müssen?

Schmidt: Ganz bestimmt. Dieses Jahr haben wir »11mm« zum ersten Mal auch im Ausland präsentiert, in Polen und in der Ukraine. Ich war in beiden Ländern mit dem Regisseur von »The Other Chelsea«, Jakob Preuss, unterwegs. Es war sehr interessant, weil er auch in den Publikumsgesprächen immer wieder darauf hingewiesen hat, dass er mit Fußball nicht viel am Hut hat. Er hat sich als Politik- und Geschichtsinteressierter mit dem ukrainischen Klub Schachtjor Donezk auseinandergesetzt. Das hat ihm einen besonderen Blick ermöglicht, und er hat es auch geschafft, mit den Protagonisten seines Films, etwa dem Oligarchen und Klubbesitzer Rinat Achmetow, eine andere Art von Gespräch zu führen. Normalerweise würden diese Leute, wenn es um den Klub geht, ihre klassischen Floskeln gegenüber Sportjournalisten abgeben. Weil sie wissen, der Journalist schreibt es sowieso in den Sportteil und erwartet keine großen Gedanken. Aber gegenüber einem Filmer gehen sie anders mit der Thematik um. Und die Dokumentarfilmer eröffnen neue Blickwinkel. 

Geben Sie uns noch einen Ausblick auf das Festival 2013.

Schmidt: Ein Schwerpunkt wird Brasilien sein, anlässlich der WM 2014. Wir arbeiten auch ganz eng mit einem Festival in Rio de Janeiro zusammen. Außerdem gibt es neben der Best-of-Reihe auch eine Best-of-the-Rest-Reihe von Filmen, die wir in den letzten neun Jahren nicht gezeigt haben. Und wir widmen uns 50 Jahren Bundesliga, mit Schmankerln aus einem halben Jahrhundert. (Stefan Kraft)

Birger Schmidt (48) arbeitet als Erziehungswissenschaftler und ist beim Landessportbund in Berlin zuständig für die Bereiche »Fußball und Bildung« sowie »Fußball und Kultur«.

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