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vergrößern 644x429Im Villgratental schauen die Kühe wirklich blöd. Weil ihnen die Schafe beim Almabtrieb seit dreißig Jahren die Show stehlen.
Informationen:
"Wotscha, wotscha" und "lekleklek" schallt's über die Alm. So klingen die Motivationsrufe der Schäfer, die ihre Tiere von der Schlötteralm ins Tal treiben, wo sie in sicheren Gefilden überwintern werden. Das Tempo ist hoch. Die Schafherde kommt quasi im Schweinsgalopp über Stock und über Stein eines Steilhangs, die Schäfer traben hinterher und achten darauf, dass sich keines der Tiere aus dem Bulk ins appetitliche Unterholz absetzt. Ziel des Schafabtriebs ist zunächst die Oberstalleralm auf 1800 Meter im hintersten Winkel des Villgratentales. Dann geht's weiter talwärts und heim zu den Höfen.
Zufrieden sehen sie aus, die Tiroler Stein-, weiße und braune Berg- und ein paar Merinoschafe. Sie haben einen Sommer auf der Hochalm hinter sich, in dem sie sich "selbst würzen, indem sie die Kräuter dort oben fressen", wie es Josef Schett ausdrückt.
Schett war derjenige, der das Villgratental "aufs Schaf brachte". Er war Bankangestellter, bevor er Mitte der 1980er-Jahre den Hof seiner Eltern übernahm und angesichts der damaligen Butter- und Milchseen zum Schluss kam, dass er mit der Rinderzucht nicht weit kommen würde. Schafe waren im damals kuhgeprägten Osttirol allerdings ein Kuriosum, das man sich gerade einmal für den Eigenbedarf am Hof hielt.
Was die Natur hergibt
Aus diesen Anfängen entstand Zug um Zug die sogenannte "Villgrater Natur", ein Zusammenschluss von rund 40 Vertragsbauern, die Schafe züchten. Genutzt wird alles, was diese grundsympathischen Tiere hergeben - vor allem die Wolle, die zu Dämmmaterial, Matratzen, Decken, Teppichen und Kleidung weiterverarbeitet wird; aber natürlich auch deren Milch, aus der unter anderem Seife und Kosmetika hergestellt werden. Und keinesfalls zu vergessen: die kulinarische Verwertung als Osttiroler Berglamm, von der die Besucher der regionalen Gasthäuser profitieren.
Schett erzählt gerne davon, wie selbstständig und geländegängig diese Tiroler Steinschafe sind, und warum sich gerade ihre Wolle für die Verwertung am Bau eignet. Oder ab wann man die Böcke von den Weibchen trennen muss, damit die Lämmer nicht gerade auf der Hochalm zur Welt kommen. Allerdings sind längst auch die Tiere selbst zu "Fremdenführern" geworden: Es gibt hier sogenannte "Schafwandertage", an denen man die prächtigen Tiere im Sommer auf der Alm besucht und mit ihnen wandert. Oder man ist eben im Herbst dabei, um sie wieder ins Tal zu bringen.
Die Hänge mit den gerade noch sattgrünen Wiesen und den verstreut stehenden Bauernhäusern aus dunklem Holz sind hier freilich eine Augenweide. Einige der Gebäude haben hundert Jahre und mehr auf dem Buckel. Und Bettenburgen oder andere älplerische Bausünden sieht man kaum.
Damit das so bleibt, hat sich das Tal Zurückhaltung bei der Ausbeutung der gegebenen Möglichkeiten auferlegt. Bis heute wehrt man sich mit Erfolg dagegen, in "Skizirkusse und Tälerschaukeln" eingebunden zu werden. Und bis dato ist es auch unmöglich, als nicht im Villgratental Gemeldeter Häuser oder Grundbesitz zu erwerben.
Selber Senner sein
Im Gegenzug scheint es dem Tal gelungen zu sein, als Edeldestination unter Tourengehern, Wanderern und anderem berginteressiertem Volk zu gelten. Almhütten, die früher von Bauernfamilien genutzt wurden, um Tiere auf der Sommerweide zu betreuen, kann man heute als Gast mieten: für die Dauer einer ganzen Saison oder auch nur während einer oder zwei Wochen. Diese Hütten sind natürlich rustikal im Charakter, auf die Grundbedürfnisse hin ausgestattet, und sie werden meistens mit Holz beheizt. Auf der Oberstaller-alm bilden rund fünzehn dieser prächtigen Holzhäuser eine Art Dorf mit eigener Kapelle. 46 solcher Berghütten gibt es insgesamt in Innervillgraten, 19 in Außervillgraten, und einige davon werden auch im Winter vermietet.
Die Villgratener waren viele Jahrhunderte lang Meister der Selbstversorgung und gelten bis heute als eigenwillig. Dass der Weg, der hier eingeschlagen wurde, auch künftig beibehalten wird, darüber scheint man sich einig zu sein. Immerhin ist es diese "Unberührtheit", die vermehrt auch als Filmkulisse nachgefragt wird. Als Schauplatz des wohl bekanntesten realen Wildererdramas Österreichs ist das Tal seit 1982 ohnehin gut bekannt. Die Geschichte von Pius Walder wurde bereits mehrfach zum Stoff von Büchern und TV-Sendungen.
"Uns fehlt nichts", behauptet jedenfalls die Homepage des Tales und auch die "Villgrater Natur" wirbt mit: "Kommt her, bei uns gibt es nichts!" Kaum wo ist dieses "Nichts" so reizvoll. (Luzia Schrampf, Album, DER STANDARD, 13.10.2012)
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