Wenn der FC Barcelona spielt

Reportage |
  • Warmup: Barcelonas Navarro verwirft nicht.

  • Welch herrlicher Videowürfel.
    vergrößern 800x1067
    foto: derstandard.at/vetter

    Welch herrlicher Videowürfel.

  • Sarunas Jasikevicius an der Freiwurflinie: Ginge wohl auch mit verbundenen Augen.
    vergrößern 800x600
    foto: derstandard.at/vetter

    Sarunas Jasikevicius an der Freiwurflinie: Ginge wohl auch mit verbundenen Augen.

Barça: Das ist viel mehr als nur Futbol. Lokalaugenschein im Liga-Alltag der nicht minder magischen Basketball-Sektion

Barcelona - "Das ganze Stadion! Ist ein Geschrei! Wir sind die Blau-Roten, Ganz gleich, woher wir kommen" - Kurz vor Anpiff erklingt die "cant del Barça", die Hymne des FC Barcelona. Einfach göttlich. Und es darf artig mitgeklatscht werden. Vorhang auf also für die Stars. Nicht Messi. Nicht Xavi. Und auch kein Iniesta. Die europäischen Basketballgötter hören auf die Namen Marcelinho, Juan Carlos Navarro oder Sarunas Jasikevicius.

Von Marcelinho hört man, er habe Radaraugen. Seine ersten zwei Pässe zerstören die gegnerische Verteidigung, 2,17-Meter Gigant Ante Tomic bekommt unter dem Korb leichte Punke serviert. Der FC Barcelona empfaengt Murcia. Liga-Alltag und trotzdem europäischer Basketball, zum Ergötzen.

Die Selbstverständlichkeit des Erfolgs

Ein Basketball, der nicht so athletisch ist wie in der NBA, dafür Zuckerpässe und Teamplay. Mitte des zweiten Viertels zieht Spaniens Hero Juan Carlos Navarro nach einer gewitzten Finte zum Korb und assistiert mit einem Alley-oop Pass. Wieder ist es der Turm Tomic, der vollendet. Murcia ist von Beginn an chancenlos, Barça spielt mit höherer Intensität, zur Halbzeit steht es bereits 42:25.

Navarro, zuletzt MVP bei der EM in Polen 2011, hat das vielleicht lockerste Wurfhändchen seit Menschengedenken. Ihm beim Aufwärmen zuzuschauen, hat gewiss Unterhaltungswert. Das Handgelenk klappt geschmeidig ab, die Bewegung ist locker. Dass er nicht verwirft ist so selbstverständlich wie für unsereins vielleicht das Zähneputzen (siehe Video!).

Hautnah

Schauplatz ist natürlich nicht die Kathedrale (das Camp Nou), aber fast. Das Palau Blaugrana ist unmittelbar daneben einzementiert. Ein Schmuckkästchen, dass 7.500 Zuschauer fasst und sowohl den Basketballern als auch den Handballern des FCB eine Heimat bietet. Neun Euro kostet ein Ticket auf der Galerie, fuer 25 Euro kann man schon "courtside" sitzen, also fast direkt am Parkett. Für eine intime Angelegenheit ist es das natürlich allemal wert.

Die spanische Liga (ACB) zockt ihre Fans nicht so schamlos ab wie die NBA, trotzdem zählt sie noch immer zu den finanzkräfigsten Ligen im europäischen Basketball. Topverdiener ist wohl Rudy Fernandez. Der Shooting-Guard wechselte im Sommer von den Denver Nuggets zu Real Madrid. Mit drei Millionen Euro im Jahr, verdient er sogar ein Stück mehr als in den USA. Kein Vergleich zu den Kicker-Gagen natürlich und wie es in der spanischen Wirtschaftskrise und der erneuten Senkung der Kreditwürdigkeit weitergeht, ist auch ein anderes Bier.

Mehr als Futbol

Sportlich wird die Liga aber von Barça regiert, die letzten beiden Jahre kam der Meister aus Katalonien, zwei von ingesamt 17 Meistertiteln (Rekordmeister ist Real mit 30!). Nach zwei Niederlagen in Folge zum Meisterschaftsauftakt, grummelt es aber in Barcelona. In der zweiten Halbzeit laesst Barça nichts mehr anbrennen. Endlich erstmals in Action: Sarunas Jasikivecius. Der Litauer ist nicht nur in seiner Heimat ein Saeulenheiliger. 36 Jahre alt, kommandiert er die nächste katalanische Spielergeneration. Sein Wort ist Gesetz am Spielfeld, er verkörpert geballte Routine.

Mittelständler Murcia wehrt sich nur mehr punktuell, Jasikivecius gibt derweil No-look-Paesse, von der Freiwurflinie ist er makellos. Schlusspiff. Es leuchtet am Videowürfel ein 87:68-Sieg auf, Barcelonas erster Erfolg in der Liga ist fix. Am Ende erklingt erneut die Hymne. FC Barcelona, das ist mehr als nur Futbol. Magie, die auch ohne Messi funktioniert. (Florian Vetter aus Barcelona, derStandard.at; 15.10.2012)

 

Share if you care