Warum haben Männer Brustwarzen?

  • So schön verziert wird die männliche Brustwarze zu einem besonderen Anblick.
    foto: reuters/tobias schwarz

    So schön verziert wird die männliche Brustwarze zu einem besonderen Anblick.

Männliche Mamillen besitzen keine biologische Funktion - Ein Selektionsnachteil ist das für die Träger aber nicht

Anatomie und Physiologie weiblicher Brustwarzen und Warzenhöfe sind nicht umsonst so, wie sie eben sind. Auf die Stillfunktion der sogenannten Mamille ausgerichtet, produzieren die im Warzenhof liegenden Duftdrüsen ein Pheromon, das dem Säugling über die Nase den Weg zur Muttermilch weist. In der Brustwarze selbst enden die Milchgänge, über die der Säugling schlussendlich seine Nahrung bezieht. Und nicht nur der Nachwuchs profitiert davon, auch die Frau selbst, ist doch Brustwarze inklusive Warzenhof eine erogene Zone, die bei Berührung die sexuelle Erregung erhöht.

Die Aufgaben der weiblichen Mamille sind also klar definiert. Warum aber besitzt der Mann Brustwarzen, wo er doch weder stillen kann noch eine Stimulation als besonders erregend empfindet? 

Die Antwort findet sich am Beginn der Ontogenese. "Schon bei der Befruchtung der Eizelle steht fest, welches phänotypische Geschlecht sich entwickelt. Es ist abhängig davon, ob ein männlicher (XY) oder ein weiblicher (XX) Chromosomensatz vorhanden ist", sagt Katrin Schäfer, stellvertretende Leiterin am Institut für Anthropologie der Universität Wien. Genetisch beziehungsweise theoretisch betrachtet ist also von Anbeginn an klar, ob ein Bub oder ein Mädchen das Licht der Welt erblicken wird.

Embryo ist gleich Embryo

Praktisch sieht die Sache aber etwas anders aus: Bis zur zehnten Schwangerschaftswoche nämlich ist der menschliche Embryo "phänotypisch weiblich". Erst zu diesem Zeitpunkt sorgt das Y-Chromosom dafür, dass sich aus den zunächst bipotenten Gonadenanlagen ein männlicher Hoden entwickelt. Das darin produzierte Testosteron bedingt dann die Ausbildung des männlichen Phänotyps, sprich: Die Ausbildung von Penis und inneren Geschlechtsorganen - Nebenhoden, Samenleiter und akzessorische Geschlechtsdrüsen (Samenbläschen, Prostata und Cowper-Drüsen) - wird angekurbelt. "Später trägt das Testosteron zur Verhinderung der Brustentwicklung bei", ergänzt Schäfer.

Tritt das Y-Chromosom also auf den Plan, ist die Entwicklung von Brustwarzen beim Mann nicht mehr aufzuhalten. Sie existieren bereits, noch bevor die phänotypische Entscheidung über Bub oder Mädchen fällt.

Die Natur hält sich mehrere Wochen offen, ob ein Embryo Mann oder Frau wird. Wozu? Vielleicht, weil der Mensch in grauer Vorzeit ein Zwitter war? Wieso aber hat dann die Evolution keine Veränderung gebracht und den Bauplan eines Embryos revolutioniert?

Kein Vorteil, aber auch kein Nachteil

Der deutsche Human- und Evolutionsbiologe Carsten Niemitz sagte dazu in einem Interview von ntv.de: "Richtig zwittrig sind unsere Vorfahren wahrscheinlich noch vor über 500 Millionen Jahren gewesen." Dass eine halbe Milliarde Jahre später diese Anlage allerdings nach wie vor gilt, ist für den Verhaltensforscher kaum nachvollziehbar. 

Tatsache ist laut Katrin Schäfer: "Weder damals noch heute hatte die Brustwarze im männlichen Organismus eine Funktion." Konkret hat sich daraus nie ein Vorteil für das Überleben oder die Reproduktion ergeben. Und als Selektionsnachteil hat sich das genetische Merkmal ebenfalls nicht erwiesen. Der Mensch pflanzt sich ungeachtet dessen fort.

Mann kann stillen

Außerdem steht der Verdacht im Raum, die männlichen Mamillen könnten doch als Stillorgan dienen. Zumindest geht das aus Aufzeichnungen des deutschen Humanbiologen Alexander von Humboldt hervor. Er berichtete 1799 von einem venezolanischen Bauern, der sein Kind nach dem Tod seiner Frau über mehrere Monate gestillt haben soll. Ein Mythos? Oder besitzen Männer tatsächlich die Anlage zur Milchbildung und lässt sich diese Fähigkeit eventuell sogar durch Hormongaben künstlich erzeugen?

"Ja, physiologisch ist das durchaus möglich, denn der männliche Organismus besitzt alle Anlagen zur Milchbildung", so die Anthropologin. Ob sich Mann mit der Rolle des stillenden Vaters auch identifizieren könnte, sei hier dahingestellt. (Regina Walter, derStandard.at, 17.10.2012)

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