Hölle II: Benedikt contra Augustinus – das Ende der Dogmatik

Wolfgang Bergmann
15. Oktober 2012, 10:19

Neben der etwas plumpen Höllen-Drohung des Papstes, die der letzte Blog behandelte, findet sich im Wirken Benedikts XVI. erfreulicherweise auch ganz anderes. Spannend ist, dass gerade in der Ära eines Dogmatik-Professors auf dem Papstthron Positionen auftauchen, die sogar das Potenzial haben, das Ende der Dogmatik bisherigen Schnittmusters einzuläuten.

Das wichtigste Dokument dafür ist die unscheinbare Erklärung der Internationalen Theologenkommission "Die Hoffnung auf Rettung für ungetauft gestorbene Kinder", die am 19. Jänner 2007 "die Zustimmung des Heiligen Vaters" erhalten hat. Dieses Dokument verdient, wieder vor den Vorhang geholt zu werden, weil es möglicherweise einen Wendepunkt in der Lehre der Kirche markiert.

Hintergrund des Papiers: Da die Kirche lehrte, dass nur Getaufte das ewige Heil erhalten könnten, spekulierten die Theologen über das Schicksal der ohne Taufe verstorbenen Kinder. Diese haben ja die Taufe nicht bewusst abgelehnt, und insbesondere Babys können selbst noch keine Sünden begangen haben. Augustinus war der festen Überzeugung, dass ohne Taufe verstorbene Kinder für die Hölle bestimmt seien. Das war eben die folgerichtige Kehrseite der von ihm erfundenen Erbsünden-Theologie, die in dieser Form aber keine biblische Grundlage hat.

In der Folge waren Kirchenväter, führende Theologen und Päpste der eindeutigen Meinung, dass diese Kinder "der beseligenden Gottesschau beraubt sind". Der dafür geprägte Begriff Limbus puerorum (von Limbus = Streifen, Saum) beschreibt nach antikem Weltbild eine Rand-Zone im Jenseits als Ruheplatz ohne körperliche Qualen für ungetaufte Kinder. Je nach Ansicht wurde daraus mehr eine Art "Vor-Himmel" oder aber eher eine "Vor-Hölle".

Die Theologenkommission stand nun vor dem Dilemma, dass hier eine durchgängige Lehre der Kirche vorlag. Nach der eingefahrenen römischen Doktrin wird so automatisch ein Dogma produziert, das dann nicht mehr veränderlich ist (siehe Ablehnung der Weihe der Frau).

Doch die findigen Theologen wussten sich zu helfen. Sie schreiben:

"Die Aussage, dass ohne Taufe verstorbene Kinder den Verlust der glückseligen Schau erleiden, war lange die allgemeine Lehre der Kirche, die vom Glauben der Kirche unterschieden werden muss."

Erstmals dokumentieren die Römer damit das mögliche und vor allem das tatsächliche Auseinanderklaffen der Lehre der Hierarchie einerseits und des Glaubens des Volkes andererseits.

Auf der Suche nach dem Kern des Katholischen - das ist nach der berühmten Definition eines Kirchenvaters das, "was überall, immer, von allen geglaubt worden ist" - wäre daher weniger das Studium der Kirchenväter und der römischen Bibliotheken gefragt als ein gutes Stück Demoskopie. Leider liegt das für die Vergangenheit nicht vor.

Für das Schicksal der getauften Kinder formulierte die Theologen-Kommission mit dem Segen des Papstes:
"Die vielen Faktoren, die wir im Vorausgehenden erwogen haben, geben schwerwiegende theologische und liturgische Gründe zur Hoffnung, dass ungetauft sterbende Kinder Rettung finden und sich der glückseligen Schau erfreuen werden."

Das ist eine Hoffnung gegen die bisherige Lehre der Kirche. Damit lässt sich die Hoffnung verbinden, dass der Glaubenssinn der Gemeinschaft künftig die Kirche stärker prägen wird als theologische Konstrukte.

Diese Entscheidung Benedikts ist bahnbrechend, weil sie als Präzedenzfall so ziemlich alles aushebeln kann, was bisher in katholischer Dogmatik einzementiert worden ist. Umsetzen werden das freilich erst andere.

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

PPS: Den nächsten Blog gibt es am 29.Oktober (Wolfgang Bergmann, derStandard.at, 15.10.2012)

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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geistloses theologen-geschwätz !

wenn theologen wirr debattieren, dann wird diese kabarettnummer oft fälschlicherweise "diskurs" genannt.

da bleibt kein auge trocken.

noch dümmer und bar jeder logik ist die sogenannte "theosophie".

übrigens existieren keine "dogmata", die nicht hinterfragbar oder nicht falsifizierbar wären.
auch der nur mässig helle kardinal schönborn war professor für "dogmatik" !

Je öfter ich von solchen "Theologen" höre...

und die Kirche mit ihren "Thesen"... kann ich nicht anders, als mir vorzustellen, wie unendliche FAD einem im Kopf sein muss, über vollkommen fiktive Vorstellungen zu diskutieren! Was aber die Auswirkungen in der Geschichte zeigt, kann man mit solch völlig irrwitzigen Gedankenspielchen, wenn man genug Macht hat, sehr wohl die Realität beeinflussen und Existenzen vernichten!

:] haha

wenn die theologen diskutieren fühlt sich das genauso an wie diskutierende herr der ringe fans in ihren foren

die bibel is dann eben das silmarillion

ja
das war ja auch tolkiens plan, mehr oder minder
aber eben
ne mythologie erschaffen

beides fiktion

ähmm
wollen wir jetzt über die realitätsnähe von herrn der ringe diskutieren?

:]

lieber nicht

ich hab nur die filme gesehn und kenn mich darüber hinaus ned aus

schad.. :D
ist aber nicht unspannend, steht im simarillion.
da ist ein eigener schaffungsmythos der welt enthalten.
:D

ich hab mir mal eine kurze zusammenfassung

dieses buchs gelesen...ich glaub das wär mir zuviel des guten...so sehr ich herr der ringe mag *g*

aber angeblich (oder sicher?) is ja der silmarillion nicht vollendet...

ich hab nur den anfang gelesen :D

Wobei ich bei der Überschrift immer an Simmering gegen Kapfenberg denken muss...

ging 2:2 aus

in simmering
und war
sehr fair!

Dazu fällt mir einer meiner Lieblingswitze ein, ist allerdings mehr eine kurze Geschichte.....

Ein Atheist stirbt. Er ist umgeben von vollkommener Dunkelheit, als plötzlich vor ihm eine Tür, auf der - in Flammen
lodernder Schrift - das Wort "Hölle" erscheint. Als Atheist ist ihm die christliche Hölle zwar ein Begriff, geglaubt hat
er jedoch nie daran. Darum zögert er auch nur einen kurzen Augenblick, bevor er hindurch schreitet, und sich mitten in
einem tropischen Paradies wiederfindet:
Pagageien fliegen umher, unzählige Tiere sind zu sehen und zu hören, die Temperatur ist angenehm warm, und aus einiger
Entfernung kann er das Meer rauschen hören und Menschen, die in ausgelassener Stimmung feiern. Neugierig schreitet er durch
den tropischen Wald, um nach einiger Zeit einen Strand zu erreichen:........

freut mich für dich wenn du das so siehst

das ziel des teufels ist ja auch, den leuten einzureden, dass es keine hölle gibt ......

ich sag mal die chance steht bei 50:50.

und da bin ich lieber auf der "sicheren" seite. :-)

Menschen feiern eine Strandparty, baden im Meer oder in der Sonne und scheinen das Leben hier ziemlich zu
genießen. "So hab ich mir die Hölle aber auch nicht vorgestellt", denkt sich der Atheist und beginnt, den Strand entlang
zu spazieren.
Schließlich kommt er an einer Reihe Sonnenstühle vorbei, und entdeckt eine Gestalt, die so gar nicht zum restlichen Bild
passen will: Über zwei Meter groß, breite Schultern, Muskelbepackt und mit knallroter Haut, Hufe statt Füße, Hörner
auf dem Kopf und eine häßliche Visage: der Teufel!
Noch bevor der Atheist reagieren kann, donnert eine tief grollende Stimme auf ihn ein: "Hey du, du bist doch der neue hier.
Willkommen in der Hölle! Den Strand hast du ja schon entdeckt, den Rest der Insel kannst du auch

frei erkunden. Ich wünsch
dir eine schöne Zeit hier, und wenn du Fragen hast, du weißt ja, wo du mich findest."
Etwas aus dem Konzept gebracht, stammelt der Atheist ein wenig herum und äußert seine Bedenken, immerhin entspricht der
Ort ja nicht ganz dem, was er von Christen über die Hölle gehört hat. Doch der Teufel beruhigt ihn und versichert, daß
die Sache hier keinen Haken hat.
Noch etwas unsicher macht sich der Atheist dazu auf, die Gegend weiter zu erkunden. Er geht weiter den Strand entlang und
nach einiger Zeit landeinwärts. Die Gegend wird etwas rauer und anstelle der vereinzelten Gesteinsbrocken tritt ein
felsiger Untergrund, wie erstarrte Lava. Wasserdampf steigt aus Rissen im Boden hervor und auch die Luft beginnt unangenehm warm

zu werden. Und plötzlich steht der Atheist vor einem gewaltigen Abgrund:
Schwefel steigt daraus auf, am Grund ist flüssige Lava, dazwischen sind an Felsen angekettete Menschen, die von Dämonen
mit entsetzlich entstellten Fratzen gequält und gefoltert werden. Markerschütternde Schreie erfüllen die erdrückend heiße
Luft, der Atheist taumelt und schreitet im letzten Moment zurück, bevor er in den Höllenschlund hinabstürzt.
Panisch beginnt er, zurück an den Strand zu laufen, und mit völlig blassem Gesicht und zitternd vor Angst kommt er wieder
zum Teufel, der wieder in seinem übergroßen Liegestuhl in der Sonne badet.

"Na Neuer, wie siehst du denn aus, gefällt dir unsere schöne Insel nicht?", fragt ihn der Teufel gut gelaunt.
Der Atheist ist noch immer völlig außer sich und berichtet stotternd und zitternd vom Höllenschlund.
Doch der Teufel grinst nur ein wenig, macht eine wegwerfende Handbewegung und meint:
"Was? Ach die.... das sind nur die Christen, mach dir nichts draus, die wollen das so!"

ist auch mein LIeblingswitz

ich kenn ihn mit dieser Pointe: "ach das ist nur die Katholikenabteilung. Die haben so gebucht"

Wenn du wüsstest.. Und Schmael ist nicht Pan aus der griechischen Mythologie.

ahh du armer fehlgeleiteter.... mein beileid zur krankheit "glaube"

Mich würde auch interessieren, woher die Leute das alles zu wissen glauben...

Dass die Kath Kirche vermeint, die "alleinseligmachende Wahrheit zu besitzen" dokumentiert den Unterschied zwischen der Lehre der Kirche und dem Glauben bzw der Meinung des Restes des Universums.
;-)

Bitte WAS

ist denn beispielsweise am Glauben der "Atheistischen Religionsgesellschaft in Österreich" sinnvoller oder realistischer?
Warum sollte man sich denn nicht an der Wahrheit orientieren und sie auch ausprechen dürfen?

PS
Sie dürfen sich ja ohne Weiteres selbst an Ihrer Religion/Ethik oder sonstigen Moralquelle orientieren. Da sagt ja niemand was dagegen, ich auch nicht. Dass Sie das aber als "die Wahrheit" bezeichnen, das muß ich zurückweisen. BESTENfalls EINE mögliche Wahrheit - vielleicht. Da muß es akzeptiert sein - auch von den Kirchen, von Ihnen, etc dass andere Menschen zu anderen Ergebnissen und Paradigmata kommen als zB Sie, und diese Menschen einfach etwas anderes meinen/glauben als Sie. Mit der Belegbarkeit ist bei den diversen Religionen sogar wesentlich schlechter gestellt als bei anderen Varianten. Auch das muß ausgesprochen werden dürfen.
Man darf andere überzeugen(!), die Kirchen versuchen aber zu "überfahren"

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