Du tick(er)st ja nicht richtig!

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Über die Faszination des Live-Dabeiseins, wobei auch immer

Die Fußball-WM war meine Einstiegsdroge. Nein, nicht in den Fußball, ich konnte auch vorher schon fehlerfrei und ohne Gesten und andere Hilfsmittel (halbe und ganze Erdnüsse, die auf den Tisch platziert werden) Abseits erklären. Die WM war mein ganz persönlicher Einstieg in die Sucht des Live-Tickerns. Ich hatte keine Lust, zum Public Viewing in die große Stadt zu fahren, und so ganz allein Fußball schauen ist auch nicht das Wahre. Also in den Standard-Live-Ticker. Und es hat ZOOOM gemacht.

Nein, ich habe keinen Mangel am richtigen Leben und an richtigen Freunden. Ich habe Beruf, Familie, Hobbies und andere Sorgen. Trotzdem, ich habe einfach Spaß am Tickern. Die roten Stricherl, weil ich Iker Casillas und Roman Wallner geil finde, prallen mittlerweile an mir ab wie der österreichische Fußball von der Latte des gegnerischen Tores.

Vermutlich kann man den Reiz des Tickerns einem Nicht-Junkie nicht erklären. Ich weiß nicht, warum ich es trotzdem versuche. Es ist, wie wenn man mit einer großen Familie, bestehend aus lauter Fußballexperten (und drei Expertinnen), einem verletzten Trainer und einem dauerbesoffenen Elefanten auf dem Sofa sitzt, schlechten Rotwein trinkt, mehr oder weniger witzige Witze reißt und Essen und Wetter teilt. Das Spiel auf dem Bildschirm ist zweitrangig. Da kann es schon mal passieren, dass man das Tor übersieht, weil man grad über die schlecht sitzende Hose und das nicht besser sitzende Toupet des Schiedsrichterassistenten lästert. (Aber das ist mir auch live beim EM-Semifinale 2008 passiert, weil die Stimmung im Stadion so schön war.) Manche in der großen Familie mag man sehr. Sie haben lustige Namen, sind klug, witzig, herrlich deppert und schlagfertig. Andere nerven. Oder ich die anderen. Wahrscheinlich letzteres, aber das ist nicht mein Problem.

Am Anfang war es nur Fußball. Dann hab ich mich auch an andere Sportarten gewagt. Tennis, Schispringen, Leichtathletik, Curling, Schach. Ich kenn mich schließlich überall ein bissl aus und kann einen König von einem Bauern unterscheiden.

"Bei der Ski-WM in Garmisch", antworte ich auf die Frage, wo ich A., mittlerweile ein lieber Freund vor mir, kennengelernt habe. "Du warst in Garmisch?" "Na ja, irgendwie schon." Es hätte keinen Sinn, es zu erklären.

Irgendwann war die Zusammensetzung des Stoffes nicht mehr wichtig. Tierschützerprozess? Was für eine Freude! U-Ausschuss, Sommergespräche, Wahlergebnisse. Bitte gern. Opernball? Au ja. Eurovisionssongcontest? Yepp. Ein Weltrekordversuch, bei dem 4 Stunden genau nichts passiert, außer dass sich ein Getränkehersteller beschwert, weil ein anderes Getränk erwähnt wird. Was für eine spannende Angelegenheit. Und ich war live dabei! Ich werde noch meinen Enkelkindern davon erzählen. Wenn ich mich dann noch daran erinnern kann.

Wenn ich die Standardonline-Seite öffne und den pinken Balken und das Wörtchen „live“ entdecke, kribbelt es in meinen Fingern. Eigentlich hab ich grad keine Zeit. Aber ich muss da hin. Seit Stunden bin ich  auf Entzug, brauche dringend Stoff. Und heute wird schließlich das Wetter getickert.

die k_otin

Posterin k_otin findet man nicht nur in der derStandard.at Community, sondern auch auf barbaralehner.twoday.net und www.facebook.com/Toll3steWeiber ("deren drittel tolld3stes weib ich bin").

Der Text ist ein Beitrag einer Posterin im neuen Blog "PosterInnen-Blickwinkel". Wir bitten um weitere Einsendungen zum Thema Community an community@derstandard.at

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