Ein Zwischenstopp: Was ist eine Reise?

8. August 2003, 21:41
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Die 80. Unglaubwürdige Reise

Wer zu Ferienbeginn die gestaffelten oder simultanen Aufbrüche der Reisenden beobachtet, findet so viele Formen von Hektik und Überorganisation, von blindem Zutrauen in die eigenen überstürzten oder längst gefassten Pläne, dass er Lust bekommt, eine schwierigere Reise zu versuchen: de, zu bleiben, wo er ist, und die Augen auf die Gefahr hin offen zu halten, vor dem Ort, an dem er ist, in einem Augenblick, der auch die restlichen Augenblicke einschließt.

Bleiben, selbst wenn das jedes Fortkommen ausschließt, auch jede Abkühlung, Gebirgs- und Dorfende, Tümpel- und Seeufer. Und das dafür Vorstellungen von konträren Gegenden an sich heranlässt und die Möglichkeit, in ihnen zu landen und sie nicht mehr zu verlassen: verlockende oder unverlockende Orte, südwestlich von Wien oder am Rand der Antillen.

Reisen - auch ins Gegenteil: fort. Und die Frage, ob es ein Fortkommen gibt, das der Lust wegzukommen und der zu bleiben gleich gerecht wird. Oder eine Ankunft, die das Fortkommen blockiert, ein Fortkommen, ohne anzukommen. Ein Einverständnis mit Reisen, die dem Nirgendwo gewachsen sind, die erreichte Ziele offen halten. Und dann wieder bleiben - in der Erinnerung an schon früh unverständliche Wander- oder Spazierwege, an unverständlichen Siedlungen entlang, verborgen hinter stehen gebliebenen, unnützen Gerüsten:

Manche Banalität ist genug diffizil, sie muss mit sich selbst auskommen, mit jeder ihrer unnützen Erwartungen oder Enttäuschungen, mit verpassten Terminen, mit Dachfenstern ohne Ausblick. Dabei könnte sich herausstellen, dass es dort am Rand der Verzweiflung schwankende Ängste gibt, unerforscht wie diejenigen, die als "banal" abqualifiziert werden.

Diese Gegenden des "Banalen" sollte man mit maritimen Instrumenten und Begriffen messen, Echoloten, ausgerichtet auf mögliches Glück und wirkliches Unglück, auf erreichte und unerreichte Ziele. Vielleicht ist es das, was Reisen dann glaubwürdig oder unglaubwürdig macht: Wenn man es auch auf ihnen mit Verzweiflungen und Ängsten aufnehmen kann.

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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