"Liebe ist was anderes": Eine Trägerrakete für den Spielfilmzug

23. Juli 2004, 10:50
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Rasante Fahrt, sanfte Landung: Das Kurzfilm- Programm "Liebe ist was anderes" kombiniert Virgil Widrichs Animation "Fast Film" mit vier Spielfilmen

Ein Kurzfilmprogramm von Sixpack-Film unternimmt mit Virgil Widrichs Animation "Fast Film" eine rasante Fahrt durch die Filmgeschichte, um beim zeitgenössischen Kurzspielfilm sanft zu landen.


Wien - Humphrey Bogart und Lauren Bacall machen mit. Cary Grant, Eva Marie Saint und Tippi Hedren sind dabei. Und auch Sean Connery hat seinen Beitrag geleistet - für Fast Film hat der österreichische Filmemacher Virgil Widrich sozusagen einen All-Star-Cast verpflichtet. Und damit, nach seiner Kurzfilm-Oscar-Nominierung mit dem Vorgänger Copy Shop, gleich wieder einen Coup gelandet:

Widrichs jüngste, vierzehnminütige Arbeit hatte im Mai beim Filmfestival in Cannes Premiere. Seither wurde sie unter anderem auf Festivals nach Karlovy Vary und Hamburg eingeladen und in Toronto gleich als "Best Animated Short" ausgezeichnet.

Die rasante "Verfolgungsjagd durch Verfolgungsjagden", in der Entführungen stattfinden oder wilde Fluchten in Papierflugzeugen, entstand in zweieinhalbjähriger Kleinarbeit: Widrich und sein Team sichteten rund 2000 Spielfilmklassiker, wählten Einzelbilder aus und fertigten daraus 65.000 Papierobjekte, die nun, in Animation, die Actionfilmerzählung tragen.

Im Unterschied zu anderen Found-Footage-Filmen - Arbeiten also, die bereits belichtetes Filmmaterial verwenden - ist Fast Film weniger mit der Dekonstruktion des Mainstreamkinos beschäftigt. Das Interesse gilt mehr der Oberfläche, die das Verfahren gleichsam aufraut, knittrig und anfällig für Bruchstellen macht.

Gängige Stereotypen und Erzählschemata wirken in der Anhäufung eher affirmativ - und ermüdend. Fast Film zeigt eine Starparade aktiver Männer und hilfloser Scream- Queens, die Auswahl scheint etwas beliebig. So wirkt es z.B. befremdlich, dass ausgerechnet Frankensteins trauriges Monster zum Bösewicht avanciert. Zu den schönsten Szenen gehört jene, in der eine rotierende Scheibe verschiedene Köpfe auf einen festgesetzten Korpus fügt, Austauschbarkeit sichtbar wird.

Momentaufnahme

In Wien ist Fast Film nun eine Woche lang als Teil des Kurzfilmprogramms Liebe ist was anderes im Votivkino zu sehen. Die vier anderen Arbeiten sind allesamt Kurzspielfilme, die auf offene Erzählungen, auf die beiläufige Beobachtung einzelner Situationen setzen: In Roland Zumbühls Yoake - A Chewing Gum Story begegnen einander zwei Japaner, ein Geschäftsmann und eine Musikerin, auf Wiener Boden und erinnern sich an ihre ferne Heimat und deren spezifischen Geschmack.

Marie Kreutzer lässt ihre jugendliche Heldin in ihrem sehenswerten Halbstünder Un peu beaucoup eine erste Liebe mit Folgen erleben, und Sigmund Steiner beschreibt in firn sehr pointiert den brüchigen Status quo einer Familie.

Wird in firn schon wenig geredet, so erzählen Maike Höhne und ihre Kamerafrau Christine A. Maier (Nordrand) eine Geschichte ganz ohne Dialog: Nur zwei markante Worte sind in von der hingabe zu hören, sonst blenden sie Gespräche aus, machen nur den Klang der Räume hörbar. Der Film ist eine wunderschöne fragmentarische Beziehungsstudie, ganz nah an den Körpern eines Paares und an jenen Momenten, in denen die Erinnerung ans Liebemachen gewissermaßen physisch nachhallt.

"Komm!", sagt die junge Frau irgendwann, und dann ist der Film auch schon vorbei. Und das ist richtig schade. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.7.2003)

Von Isabella Reicher

Links

sixpackfilm.com

widrichfilm.com/ fastfilm

Jetzt im Votivkino
  • Im freien Fall: drei papierene Scream-Queens aus dem Animationsfilm "Fast Film", Virgil Widrichs wilder Verfolgungsjagd durch die Gefahrenzonen klassischer Spielfilme
    foto: sixpack/ widrich.com/fastfilm

    Im freien Fall: drei papierene Scream-Queens aus dem Animationsfilm "Fast Film", Virgil Widrichs wilder Verfolgungsjagd durch die Gefahrenzonen klassischer Spielfilme

  • Roland Zumbühls  "Yoake - A Chewing Gum Story"
    foto: sixpack

    Roland Zumbühls "Yoake - A Chewing Gum Story"

  • "Un
peu beaucoup" von Marie Kreutzer
    foto: sixpack

    "Un peu beaucoup" von Marie Kreutzer

  •  "firn" von Sigmund Steiner
    foto: sixpack

    "firn" von Sigmund Steiner

  •  Maike Höhne (Regie) und   Christine
A. Maier (Kamera): "von der hingabe"
    foto: sixpack

    Maike Höhne (Regie) und Christine A. Maier (Kamera): "von der hingabe"

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