"The world is a stage"

18. August 2003, 11:42
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Elvis Presley nach William Shakespeare. Eine gut gebundene Krawatte - der immerwährende Sonnenuntergang.

Bevor Balzac 1830 in seinem "Traite de la vie élégante" den Theorien Galls und Lavaters folgend einen Bezug zwischen Kleidung und Charakter feststellte, widmete er sich in "Seize lecons (. . .)" der "L'art de mêttre sa cravatte". Lord Byron soll schlaflose Nächte damit verbracht haben, sein Halstuch so perfekt und faltenlos zu binden wie der von ihm so bewunderte Beau Brummell. Der Dandy der Dandys bestimmte als unangefochtener "arbiter elegantiarum" den Kleidungs- und Lebensstil einer ganzen Epoche. Die Dandys Europas verfielen der von ihm geprägten "neck-lothiania", und die Blasiertesten schickten ihre Wäsche nach England im Wissen der Unvergleichlichkeit englischer Rasenbleiche.

Der Dandy Baudelaire...

pflegte seine Haare den Farbnuancen seiner Krawatten entsprechend zu färben. Arnold Hauser vergleicht in seiner "Sozialgeschichte der Kunst" das Phänomen des Dandy mit jenem des Bohemien. "Sie verkörpern den gleichen Protest gegen die Trivialität und Routine des bürgerlichen Lebens, nur dass sich die Engländer mit der Sonnenblume im Knopfloch leichter abfinden als mit dem offenen Kragenknopf." Der Dandy fordert mit seinem Ich heraus, im Kult seiner selbst formuliert er ein Programm gegen alles Utilitaristische und Kollektive.

Oscar Wilde lässt in "An Ideal Husband" den Dandy Lord Goring diese Haltung im berühmten Dialog mit seinem Butler Phipps räsonieren: "To love oneself is the beginning of a lifelong romance." Gleichwohl stellt er klar: "Fashion is what one wears oneself, unfashionable is what other people are wearing." Indem der Dandy Moral durch Stil ersetzt, den Arbeitszwängen den Müßiggang gegenübersetzt und die Pflicht durch den Genuss ersetzt, brüskiert er die bürgerliche Welt mit ihrem Puritanismus und Nützlichkeitsdenken.

Die Verweigerung des Dandys gipfelt in der "Metaphysik der Provokation", wie sie Walter Benjamin an Baudelaires "Strategie des Chaos" aufzeigt. Wenn etwa der Dandy Baron de Montesquieu, Vorbild von Marcel Proust für seinen Baron Charlus, andachtsvolle Stunden mit der seelischen Stimmungen folgenden Auswahl seiner Krawatten zubrachte, dann verbirgt sich hinter dieser Ankleidungspraxis dieselbe verachtende Herausforderung für eine immer leistungs- und zweckorientiertere Zeit wie in jener Haltung Oscar Wildes, der auf Befragen nach seiner Tagesbeschäftigung einmal erklärte, er habe den gesamten Morgen mit der Durchsicht seiner Gedichte zugebracht und schließlich ein Komma herausgefunden; gegen Abend habe er es wieder eingesetzt.

Das Leben gilt dem Dandy als unerträglicher Fehlschlag ...

von naturgemäßer Stillosigkeit und Banalität. Von Erwägungen der Effizienz und Funktionalität dominiert, dient es allein dem Fortkommen und der Erhaltung der Gesellschaft. So beklagt demnach Wilde, dass das Leben, was seine Form angeht, schrecklich ungenügend sei. Kunst und Künstlichkeit wird hier im Sinne Gautiers mit Tugend gleichgesetzt.

So unnatürlich die Krawatte den Hals zwischen Körper und Kopf einschnürt, sosehr spiegelt sie diese Haltung des Ästheten wider. Wo die Schönheit absolut gesetzt wird, wird die Welt nur noch als ästhetischer Gegenstand auf Kosten der Wirklichkeit zugelassen. Die Natur ist wieder das geworden, was sie immer war, nämlich schmutzig und unbequem. Wenn Wilde hierzu meint: "Was Kunst wirklich für uns enthüllt, ist ihr Mangel an Design, ihre seltsame Grobheit, ihre außergewöhnliche Monotonie und ihr absolut unvollendeter Zustand", dann hat sentimentale Rousseausche Naturduselei ausgespielt. So wenig die Natur den Ansprüchen des Ästheten genügt, sosehr gilt sie diesem nun als Auftrag und Chance für die Inszenierung seiner selbst.

Diese programmatische Distanz des Dandys allem Natürlichen gegenüber findet in der modischen Stilisierung und im kultivierten Aperçu seine äußere Entsprechung. Der Kult um die Krawatte spiegelt jene Haltung wider, die das Leben zum Kunstwerk und die Funktionslosigkeit zu dessen Sinn erklärt. Hinter der Liebe zur Krawatte, zum Detail, steht, wie Walter Pater es formuliert: "The power of being deeply moved by the presence of beautiful objects." Voller Hingabe für den schönen Gegenstand, voller Verehrung für den Fetisch führen Ästheten wie Huysmans, Pater oder D'Annunzio ihren aussichtslosen Kampf gegen die Vergänglichkeit des Seins und die unerbittliche Macht des Schicksals. Die Krawatte wird zum Code für die Vergeblichkeit des Bemühens um Autonomie und Selbstbestimmung.

Ein Seinszeichen, das im Ablauf der Jahrhunderte zahlreiche Transformationen erlebte. Man erinnere sich an die obszöne Kleiderpracht der "Incroyables" im 18. Jhdt., die zeitlich mit der Französischen Revolution zusammenfiel und im Symbol der Krawatte Eros, Tod und dekadenten Aberwitz zusammenfaltete: überproportionaler Halsschmuck mit einer großen Anzahl von Schleifen, die das Kinn und die Unterlippe überdeckten. Lüsterne Hände, die im autoseduktiven Massagerubato über die knisternden Stoffe huschen.

Im Allgemeinen gesehen gilt die Krawatte unumstritten als Symbol des Penis, dekretiert das Lexikon der Erotik. Ab 1789 endete dann so manche Halszierde blutig an einem kopflosen Rumpf unter der Guillotine. "Das Schrecklichste ist der Tod, und das Werk des Todes aufrechterhalten, verlangt die größte Kraft" (Hegel). Die Erotik siedelt sich an der Grenze zwischen Leben und Tod an, schreibt Georges Bataille. In der Überschreitung wächst das Erleben über sich hinaus, im finalen Akt ereignet sich die Transgression. Wir erreichen die Ekstase nicht, wenn wir nicht den Tod, die Vernichtung vor uns sehen, und wären sie noch so fern.

In ihrer metaphorischen Vielfalt und stilistischen Wandlungsfähigkeit bleibt die Krawatte eines der letzten Accessoires männlicher Schönheit und Raffinements in Zeiten totalitärer Bequemlichkeits- und Freizeitfanatiker, "ein letzter Akt des Heroismus in Zeiten des Verfalls", "ein immerwährender Sonnenuntergang", wie Baudelaire das Schicksal des Dandys melancholisch bedauerte. Resigniert hält auch Camus fest: "Wenn die Dandys sich nicht umbringen oder verrückt werden, machen sie Karriere." Die Krawatte freilich bleibt ein für beiderlei Zwecke vortrefflich geeignetes Mittel. ( Von Gerald Matt, DER STANDARD, rondo/04/07/2003)

Der Autor ist Direktor der Kunsthalle Wien und
Krawattensammler. Die Kunsthalle präsentiert am 10. 7. um 20 Uhr Irene Andessners Katalogbuch
"I am" mit einem Beitrag des Autors.

  • Der Dandy und seine Krawatte, inszeniert von Gianni Versace
    foto aus "mann ohne krawatte" von gianni versace, heyne 1995

    Der Dandy und seine Krawatte, inszeniert von Gianni Versace

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