Die Zukunft liegt gleich hinter dem Berg

14. Oktober 2012, 18:31
  • Mal hinsetzen und der Zukunft ins Auge blicken: 40 Mädchen des Vocal 
Theatre Carmina Slovenica begeistern beim Steirischen Herbst.
    foto: wonge bergmann

    Mal hinsetzen und der Zukunft ins Auge blicken: 40 Mädchen des Vocal Theatre Carmina Slovenica begeistern beim Steirischen Herbst.

Mädchen-Power in aller Ruhe: Das Vocal Theatre Carmina Slovenica erhebt in Heiner Goebbels "When the mountain changed its clothing" Einspruch gegen Gegebenheiten

Graz - Wovon träumen junge Mädchen? Von Messer und Blut, wenn es nach Alain Robbe-Grillet geht. Und von Spaziergängen allein. Auch den vierzig jungen Frauen des Vocal Theatre Carmina Slovenica glaubt man das gern, wenn sie in Heiner Goebbels neuem Musiktheaterstück vor das Publikum treten. When the mountain changed its clothing, so der Titel des vor wenigen Tagen bei der Ruhrtriennale uraufgeführten Werkes, feierte am Freitag österreichische Erstaufführung beim Steirischen Herbst. Da hat die Meute von Zehn- bis Zwanzigjährigen gezeigt, was Mädchen-Power ist, und zwar in aller Ruhe.

Aus dem Schutz der großen Formation treten in der Helmut-List-Halle immer wieder einzelne Sängerinnen heraus und richten von einer kleinen Bühnenwiese ihre Stimme hinaus in die Weite (des Universums): Dem ihnen gemachten Geschenk des noch jungen Lebens heften sie ein paar Verbesserungsvorschläge an. Sie insistieren zum Beispiel auf der Vorstellung, ewig zu leben; sie bemängeln das enge Familienleben, in dem leider kein Geheimnis unentdeckt bleibt, oder weisen die Zumutung von sich, ständig moralisch richtig handeln zu müssen (Warum, bitte, solle man denn nicht lügen?).

Dabei sind sie bewehrt mit einer tief sitzenden, scheinbar ganz unabhängigen Energie, die anrührt. Und mit der sie Texte, die 250 Jahre alt sind, ohne Künstelei ins Heute bringen, zum Beispiel Jean-Jacques Rousseaux' Émile oder Über die Erziehung.

When the mountain ... war der noch einmal aufrüttelnde, erhebende Schlusspunkt des diesjährigen Steirischen Herbstes, der mit über 45.000 Besuchern und über 90% Auslastung ein weiteres Mal zulegen konnte. Das Stück wandert nun durch Europa, zunächst direkt nach Maribor (ab 16.10.) und dann nach Paris.

Der Titel, When the mountain changed its clothing bezieht sich auf einen dem Wechsel der Jahreszeiten ausgesetzten Berg aus einem slowenischen Volkslied. Von Dauer ist hier also die Rede, vom Sein und Vergehen von Zeit, die unweigerlich in die Zukunft führt und die den jungen Frauen ins Gesicht geschrieben steht. Eine Zukunft, die auf Kriegen aufbaut - davon haben diese jungen Menschen zwar nicht unmittelbar etwas gespürt, doch die Geschichte durchströmt Generationen. Das zeigen wuchtig gesungene Partisanenlieder aus der Tito-Zeit.

Die Imagination einer schönen Natur auf Leinwand und Wiese (als idealer Lebensort) bilden dabei den zentralen Agitationsort (Bühne/Licht: Klaus Grünberg). Diesen bauen die vierzig Darstellerinnen selbst auf. In präzisen Choreografien (Florian Bilbao) und über das handwerklich Perfekte hinausreichenden, chorischen Manövern organisieren sie die große Bühnenfläche der Helmut-List-Halle. Mit dieser Truppe (Leitung: Karmina Silec) hat sich Goebbels, Ibsen-Preisträger 2012, die richtigen Partner gesucht.

Schwarmbewegungen

Zuweilen werden die Mädchen in ihren Schwarmbewegungen zu abstrakten Skulpturen, die dann mit einer wuchtigen Stimme sprechen. Das lässt Goebbels wiederum mit einem Soundteppich von Klassik bis Elektropop korrespondieren, auch mit eigenen Kompositionen, die das Ohr aufsperren. Die jungen Menschen suchen immer wieder nach neuen Positionen, werden zu Individuen, brechen aus Gefügen aus oder in sie ein, wie etwa das massenhafte Verschwinden unter einer hübschen Blondhaarperücke (Kostüme: Florence von Gerkan).

Theater mit so viel unmittelbarer, aber nicht im geringsten aufgesetzter Wucht (wie sie eine falsch verstandene jugendliche Attitüde leider manchmal mit sich bringt) ist ein Segen. Die Kraft kommt aus der Masse, die dem Einzelnen Halt gibt, und in diesem Wechselspiel wachsen die Texte zu ungehörten, aufrührenden Behauptungen an. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, 15. 10. 2012)

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