Palliative Betreuung: "Es ist nicht so einfach, das Sterben zuzulassen"

14. Oktober 2012, 18:42
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Auch im Geriatriezentrum Klosterneuburg hat man sich ganz der palliativen Betreuung verschrieben

Klosterneuburg/Wien - Ein Mann zieht im Rollstuhl seine Runden durch die Demenzstation. Es ist Vormittag, die meisten Bewohner des Geriatriezentrums Klosterneuburg sitzen im Wohnzimmer der Station, nippen an ihrem Saft, lesen Zeitung oder plaudern, wobei sich die Gespräche ein wenig im Kreis drehen. Am Nachmittag, sagt das Pflegepersonal, herrscht auf der "Demenzschleife" deutlich mehr Betrieb.

Dann werden die Bewohner unruhiger, haben den Drang, sich zu bewegen: ein typisches Symptom der Krankheit. So mancher lässt sich an der Straßenbahnhaltestelle nieder, die auf der Station aufgebaut wurde, originalgetreu bis zum Fahrscheinentwerter. Dann vergessen die Bewohner wieder, was sie an der Bim-Station wollten, und marschieren weiter. Runde für Runde, Tag für Tag.

Hohes Aggressionspotenzial

Friedlich geht es zu an diesem Vormittag. Keine Selbstverständlichkeit, denn Demenzkranke haben oft hohes Aggressionspotenzial. Die Persönlichkeit verändert sich durch die Krankheit, dazu kommt das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Helga Müller-Finger, Stationsärztin der Demenzstation des Geriatriezentrums, kennt nicht nur den Krankheitsverlauf ihrer Patienten, sondern auch ihre Lebensgeschichten.

Da ist die Frau, die sechs Ehemänner überlebt und sich im Geriatriezentrum noch einmal neu verliebt hat. Die ehemalige Gastronomin, die pünktlich um elf jeden Tag das Besteck für das Mittagessen auf der Station herrichtet und streng überwacht, ob der Saft am richtigen Platz steht. Manche haben Angehörige, die ständig vorbeikommen, manche sind allein. "Natürlich sind viele Partner, Kinder oder Enkelkinder verunsichert", sagt Müller-Finger. Das Stationsteam lädt sie oft zum Gespräch ein - auch Angehörige brauchen Unterstützung, ist man im Geriatriezentrum Klosterneuburg überzeugt.

Validation als Grundlage

Vor etwa zehn Jahren hat man sich in dem Haus, das zum Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) gehört, entschieden, alle Bewohner palliativ zu betreuen. Das bedeute mehr, als die letzten Lebenswochen möglichst angenehm zu gestalten, sagt Leiterin Hildegard Menner: "Es geht darum, den Menschen ganzheitlich zu sehen, wichtig ist uns neben dem Fachwissen vor allem eine wertschätzende Grundhaltung. Das ist unser Credo." Grundlage für die Arbeit im Geriatriezentrum ist die Validation - das Verhalten, die Geschichten der dementen Menschen zu akzeptieren, anstatt sie ihnen auszureden.

Dazu müsse man über die Biografie der Bewohner Bescheid wissen, aber auch über letzte Wünsche, letzte Fragen, die es noch zu klären gilt. Direktorin Menner erinnert sich eine Frau, die jahrzehntelang keinen Kontakt mit ihrer Schwester hatte. In ihren letzten Lebenswochen ließ ihr das keine Ruhe. "Wir haben dann mithilfe der Angehörigen die Schwester gefunden, sie kam und hat ihr einfach nur die Hand gehalten. Am nächsten Tag ist die Bewohnerin mit gelöstem Gesichtsausdruck gestorben."

Und dann ist da eine Fülle von medizinischen Fragen. "Da muss man als Arzt sehr behutsam vorgehen. Alle Teammitglieder zusammen versuchen, Schmerzen bestmöglich zu erkennen und zu lindern. Dabei werden auch psychosoziale und spirituelle Probleme berücksichtigt", sagt Doktor Müller-Finger. Im Zentrum stehe die subjektive Lebensqualität. Wer mehr Schmerzmittel braucht, braucht eben mehr Schmerzmittel. Wer nicht alle Behandlungsmöglichkeiten ausschöpfen will, dem wird nichts aufgedrängt. Müller-Finger: "Es ist nicht so einfach, das Sterben zuzulassen. Das Schwierigste für uns Ärzte ist die Therapiereduktion.

Angehörige eingebunden

Im Vordergrund steht Lebensqualität, nicht Lebensverlängerung um jeden Preis." Alle Berufsgruppen aus dem Geriatriezentrum sowie die Angehörigen sind in solche ethischen Entscheidungen eingebunden, vor allem dann, wenn sich die Betroffenen nicht mehr artikulieren können.

Auch in den anderen Geriatriezentren des KAV wird die palliative Betreuung mehr und mehr in den Mittelpunkt gerückt. Erfahrungswerte aus Klosterneuburg fließen dabei ein. Etwa bei der Ausstattung: In langer Arbeit hat die Belegschaft die Station dekoriert, da finden sich alte Haushaltsgegenstände und Email-Werbeschilder aus vergangenen Zeiten. Einer Zeit, in die sich die Bewohner zurückversetzt fühlen, während sie Runde für Runde auf der Demenzschleife drehen. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 15.10.2012)

  • Im Vordergrund steht Lebensqualität, nicht Lebensverlängerung um jeden Preis.
    foto: robert newald

    Im Vordergrund steht Lebensqualität, nicht Lebensverlängerung um jeden Preis.

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